Von Andreas Kilb
18. Juni 2008 In jedem misslungenen Film steckt ein großartiger. Aber es gab lange keinen Film mehr, in dem das Großartige so dicht unter der Oberfläche lag wie in Erick Zoncas Julia. Es ist, als sähe man in eine Fruchtblase hinein, aus der das Meisterwerk, das Julia hätte sein können, sich verzweifelt zu befreien versucht. Aber die Blase platzt nicht, der große Wurf erstickt, und uns bleibt die Hülle eines Films, der sich selbst nicht richtig zur Welt gebracht hat.
Die Geschichte beginnt mit einem Knall und einem Wimmern, einer wilden nächtlichen Party und dem Morgen danach. Julia (Tilda Swinton), eine Frau knapp jenseits ihrer besten Jahre, hat sich wie jeden Abend um den Verstand getrunken; im ersten Tageslicht liegt sie irgendwo in Los Angeles in einem fremden Auto neben einem unbekannten Mann. Als sie erwacht, gleitet ihre Zunge wie ein schläfriges Reptil aus ihrem Mund und tastet gierig über die trockenen Lippen, auf der Suche nach einem Tropfen Alkohol, der vom Rausch der vergangenen Nacht übrig wäre. Aber der Rausch ist fort, die Welt ist leer, ein weiterer grauer Tag in einem Totenleben beginnt.
Die entscheidende Geste
Mit diesem bewusstlosen Züngeln hat Tilda Swinton die eine entscheidende Geste gefunden, die ihre Figur unvergesslich macht. Und auch Erick Zonca, der Regisseur, erledigt seine Aufgabe gut, denn er zeigt kurz und beiläufig, was wir über Julia Harris wissen müssen: dass sie gerade ihren Job in einem Maklerbüro verloren hat; dass nur ihr Freund Mitch (Saul Rubinek) sie noch vor dem endgültigen Zusammenbruch bewahrt; und dass sie bei den Anonymen Alkoholikern, zu denen Mitch sie schickt, so fehl am Platz ist wie ein Kampfhund unter Dackeln. Als eine Nachbarin sie freundlich anspricht, fertigt Julia sie barsch ab: Der Nachbarschaftsscheiß interessiere sie nicht.
Dieselbe Frau (Cate del Castillo) allerdings erzählt Julia am folgenden Tag eine Geschichte, mit der das Drama dieses Films in Bewegung kommt. Sie habe einen Sohn, sagt die Nachbarin Elena, der bei seinem schwerreichen Großvater sei und den sie nicht sehen dürfe. Sie wolle den Jungen, Tom, entführen und in ihr Heimatland Mexiko bringen, und Julia solle ihr dabei helfen. Es geht um Geld, viel Geld. Es geht um ein neues Leben. Julia besorgt sich eine Pistole und einen Mietwagen. Sie nimmt einen tiefen Schluck aus der Schnapsflasche und fährt los.
Die Untiefen der Handlung
In diesem Augenblick beginnt der Film zu flattern. Bis dahin hat ihn die Handkamera von Yorick le Saux knapp über alle Untiefen der Handlung hinweggetragen; aber eine Entführung, und erst recht die eines Kindes, ist kein Routinefall der Kinematografie, sie verlangt eine sichere Hand und ein ruhiges Auge. Beides hat Zonca nicht. Mit einem Schnitt wirft er Elena aus der Geschichte heraus, dann lässt er den Leibwächter, der den kleinen Tom (Aidan Gould) hütet, auf ziemlich unwahrscheinliche Weise unter Julias Auto geraten, und anschließend schickt er den Jungen und die Alkoholikerin gemeinsam in die kalifornische Wüste.
Das alles hat so wenig Plausibilität wie das Planspiel eines Filmamateurs. Dennoch bemüht man sich, es zu glauben, denn Tilda Swinton spielt ihre Rolle mit derart verzweifelter Energie, sie unterwirft sich so rückhaltlos den Wendungen des Drehbuchs, dass man gar nicht anders kann, als mit ihr auf die Reise zu gehen, auf die Zonca sie geschickt hat. Im Grunde nimmt der Regisseur seine Hauptdarstellerin ebenso als Geisel wie Julia den kleinen Tom. Es ist ein rücksichtsloses Spiel, das Zonca da spielt, und vielleicht hat diese Rücksichtslosigkeit zu der eisigen Ablehnung beigetragen, die dem Film bei seiner Premiere auf der Berlinale entgegenschlug, eine Haltung, die genauso übertrieben ist wie die Lobeshymnen, die Julia ebenfalls geerntet hat.
Vorgefertigte Bilder
Vor zehn Jahren hat Erick Zonca für sein Spielfilmdebüt La vie rêvée des anges den Großen Jurypreis in Cannes bekommen. Julia ist seine erste englischsprachige Regiearbeit. Die Krankheit, an der Zoncas Film leidet, befällt viele Projekte von Europäern, die in Amerika drehen; auch Antonionis Zabriskie Point und Paris, Texas von Wim Wenders, zwei Klassiker des europäischen Kinos, sind von ihr nicht frei. Sie zeigt sich im unkritischen Gebrauch vorgefertigter Bilder: Statt die amerikanische Wirklichkeit zu betrachten, bringen die Regisseure ihre eigene Vorstellung von ihr drehfertig mit. Auch so können, wie bei Antonioni und Wenders, schöne Filme entstehen, selbst wenn sie mehr über ihre Schöpfer als über ihren Schauplatz erzählen.
Aber bei Zonca kommt hinzu, dass er außer einer allgemeinen Idee des amerikanischen Westens auch ein konkretes filmisches Vorbild hat. Es ist John Cassavetes' Gloria von 1980, einer der schönsten New-York-Filme und einer der besten des neuen amerikanischen Kinos überhaupt. An dem Versuch, die Geschichte einer alternden Gangsterbraut und eines kleinen Jungen ein zweites Mal zu erzählen, ist schon Sidney Lumet mit seinem Remake von 1999 - in dem Sharon Stone die Rolle von Gena Rowlands spielte - achtbar gescheitert.
L.A. als Abklatsch von Brooklyn
Zonca jedoch möchte den Stoff von der Ost- an die Westküste transportieren und dabei noch einmal neu erfinden. Das klingt auf dem Papier grandios; aber auf der Leinwand sieht man, dass Zoncas Hybris keinen Boden hat, keinen festen Stand. Sein Los Angeles sieht wie ein Abklatsch von Brooklyn aus, und seine Heldin hat so gar nichts Kalifornisches. Die Geschichte, die Julia erzählt, wirkt nachgemacht, sie wird nicht entfaltet, sondern gezogen und gepresst, bis sie in die Gloria-Gussform passt, die ihr Regisseur beim Drehen im Kopf hatte.
Dennoch gibt es bis zum Schluss in Julia immer wieder Augenblicke von Großartigkeit. Einer der schönsten ist die Szene, in der Tilda Swinton, von Polizeihubschraubern verfolgt, mit ihrem Auto durch den Grenzzaun rast, der Kalifornien von Mexiko trennt. Das andere Land, in dem sich Julia unvermutet wiederfindet, könnte jenes Reich der Freiheit sein, nach dem auch der Franzose Zonca mit seinen Breitwandbildern von amerikanischen Salzwüsten in den ausgebleichten Farben eines klassischen Roadmovies zu tasten scheint. Aber ebenso wie seine vom Schnaps umnebelte Heldin stellt sich auch der Film immer wieder selbst das Bein, über das er stolpert. Erick Zonca wollte gewaltsam die Grenze überwinden, die Hollywood von Europa trennt. Dabei hat er vergessen, dass diese Mauer nicht zu durchbrechen ist. Man kann sie nur wegzaubern.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Kinowelt