Video-Filmkritiken
RSS

Video-Filmkritik

Lebenslinien: Fatih Akins „Auf der anderen Seite“

Von Peter Körte

Video in voller Größe

27. September 2007 Fatih Akin hat eine Art zu reden, die alles ganz unkompliziert erscheinen lässt, so wirkt es oft auch auf der Leinwand, aber so leicht ist es dann gar nicht. Lass uns das mal „antonionimäßig“ machen, habe der Kameramann Rainer Klausmann zu ihm gesagt, und so schwenkt in der ersten Einstellung die Kamera langsam von einer Tankstelle, irgendwo in der Nähe der türkischen Schwarzmeerküste, zu einer Bude, in welcher der Tankwart sitzt, ein Auto fährt ins Bild, gegen die Bewegung der Kamera. Das muss man gar nicht bewusst wahrnehmen; es gibt eine Bewegung vor, es entzündet eine Spannung, die den ganzen Film und mit ihm die Zuschauer ergreift. Er wird sie noch einmal wiederholen, genau diese Szene, viel später, und man begreift dann erst wirklich, wie perfekt sie eine Stimmung verdichtet.

Diese Spannung, die Bewegung, sie haben natürlich damit zu tun, dass Akins Film, der vergangene Woche als deutscher Oscar-Kandidat nominiert wurde, eine Geschichte erzählt, die zwischen der Türkei und Deutschland pendelt. Genau genommen ist es nicht einfach eine Geschichte, es sind entscheidende Abschnitte im Leben von sechs Menschen, die auf vielfältige Weise zusammenhängen. Der türkischstämmige Germanistikprofessor, der einen Buchladen in Istanbul übernimmt; sein Vater, der im Affekt eine Frau erschlägt; die Tochter dieser Frau, eine politische Aktivistin, die aus der Türkei nach Deutschland flieht; das deutsche Mädchen, das sie kennenlernt und das ihr folgt, als sie an die Türkei ausgeliefert wird; die Mutter des deutschen Mädchens (Hanna Schygulla), die nach dem Tod ihrer Tochter nach Istanbul reist.

Danke, sehr schmeichelhaft

Fatih Akin erzählt das nun nicht „antonionimäßig“, auch die Vergleiche mit Fassbinder, die vor allem Hanna Schygulla in die Welt gesetzt hat, oder mit dem 1984 verstorbenen türkischen Regisseur Yilmaz Güney, die aus der türkischen Presse stammen, sind schief. Er erzählt es wie Fatih Akin. Der 34-Jährige hat das Selbstbewusstsein, zu sagen: Danke, sehr schmeichelhaft, aber wer in die Fußstapfen anderer tritt, hinterlässt keine Spuren! Mit diesem Selbstbewusstsein kann er auch die vertrackte Konstruktion, unter der andere Filme zusammenbrächen, anstrengungslos handhaben - kein Charakter ist wichtiger als der andere, jeder ist ihm gleich nah, und aus dem scheinbar zufälligen Gewirr der Lebenslinien entsteht mit der Zeit ein plausibles Muster.

Es geht um Väter, Mütter, Liebe und Politik, aber es gibt in diesen zwei Stunden allenfalls eine einzige Szene, in der es ein wenig knirscht, wenn in einer deutschen Küche in brüchigem Englisch über den EU-Beitritt der Türkei diskutiert wird. Vor allem aber geht es um den Tod, auch weil Akin seinen Film als Mittelteil einer Trilogie „Liebe, Tod und Teufel“ angelegt hat. Wer ohne die Großbegriffe nicht denken kann, darf auch Motive wie Schuld, Sühne oder Versöhnung herausbuchstabieren, doch Akin ist ein viel zu guter Beobachter der kleinsten Dinge, die seinen Charakteren ihre Wahrhaftigkeit verleihen, als dass solche Begriffe eine Rolle spielten. Statt Themen zu verhandeln, folgt er den Wegen der Handelnden, und er braucht zum Beispiel nur eine kleine Szene, um eine Mutter-Tochter-Beziehung zum Leben zu erwecken. Die Mutter geht in Istanbul dieselbe Straße herunter, vorbei an zwei Schachspielern, und sie grüßt sie mit derselben Geste, wie es ihre Tochter ein paar Monate zuvor tat.

Berührung im Vorbeifahren

Nur einmal berühren sich die Geschichten ganz direkt - im Vorbeifahren, die Mutter der Aktivistin und der Professor in der Straßenbahn, die Tochter und ihre Freundin im Auto. Sie sind sich so nah, dass sie sich hätten sehen können, wenn sie sich denn erkannt hätten. Man kann das Schicksal nennen; man kann sich auch damit zufriedengeben, dass Fatih Akin sagt, er habe diese Szene gebraucht, um klarzumachen, dass seine Geschichten eine Weile simultan verlaufen.

Am Ende steht der Professor am Schwarzen Meer, man weiß nicht genau, was nun werden wird, aber seine Reise ist erst einmal an ein Ende gekommen; das muss genügen, weil jede der sechs Reisen an ihr Ende gekommen ist - im Jenseits oder im Diesseits. Und so sehr sich dieser Film unterscheidet von „Gegen die Wand“, der intimen Geschichte einer Amour fou, so deutlich wird auch, dass Fatih Akin nach eher unentschiedenen Filmen wie „Im Juli“ oder „Solino“ jetzt seine Stimme als Erzähler gefunden hat. In „Auf der anderen Seite“ ist sie so klar, so ausgeprägt, dass man sich ohne weiteres vorstellen kann, dass sie auch in einem anderen Genre, in einer anderen Welt als der türkisch-deutschen nicht an Kraft verliert.

Von Donnerstag an im Kino



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.09.2007, Nr. 38 / Seite 33, Video: @aper
Bildmaterial: Pandora

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Interview mit Fatih Akin

Keine Angst vor Islamismus in der Türkei

“Gefährlich ist es, an Atatürk festzuhalten“, meint Fatih Akin

Mit „Gegen die Wand“ gewann Fatih Akin fast jeden Preis, den ein Film bekommen kann. Im September kommt sein neues Werk „Auf der anderen Seite“ in die Kinos. Im Interview spricht er über seinen Film, ein Leben in Bewegung und die Gefahren des Kemalismus.

Hanna Schygulla

Ich habe Godard zum Weinen gebracht

Der Star, zu dem Rainer Werner Fassbinder sie machte: Hanna Schygulla in “Lili Marleen“ (1981)

In Fatih Akins „Auf der anderen Seite“ ist sie wieder auf der Leinwand zu sehen. Im Interview spricht Hanna Schygulla über Fassbinders Schweigen bis zu seinem Tod, Filmemacher, die sie nicht lachen lassen, Furcht vor Hässlichkeit im Alter und die eigene Totenmaske.

Kino

Swinging Istanbul: Fatih Akin und Onkel Hacke auf Reisen

Nach dem Erfolg von „Gegen die Wand“ erst einmal Musik zu hören, ist eine sympathische Geste. Fatih Akin ist dafür nach Istanbul gereist, hat Alexander Hacke mitgenommen und einen Film darüber gedreht.

Kino

Zwischen Lebenswut und Todessehnsucht: "Gegen die Wand"

Ein Goldener Bär, eine schmähliche Kampagne gegen die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli: Jetzt kann man sehen, was das alles bringt - und wie Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ all die Erwartungen spielend unterläuft.

Video-Filmkritik

Biedermann am Bodensee: „Ein fliehendes Pferd“

Spezial Martin Walser ist „ungeheuer glücklich“ über Rainer Kaufmanns Kinoadaption seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Doch Walsers Begeisterung über den Film mit Ulrich Noethen, Ulrich Tukur und Katja Riemann wird nicht jeder teilen.

Video-Filmkritik

Zwischen Himmel und Hölle: „Yella“

Spezial Die Liebe in den Zeiten des Private-Equity-Kapitalismus: Christian Petzolds großartiger Film „Yella“ mit der preisgekrönten Nina Hoss in der Titelrolle ist der beeindruckende Beweis dafür, dass der Autorenfilm blüht.

Video-Filmkritik

„Bourne Ultimatum“: Die reine kinetische Energie

Spezial Vor fünf Jahren erwachte Jason Bourne mit Gedächtnisverlust, zwei Kugeln im Rücken und einer Kapsel in der Hüfte. Als CIA-Auftragsmörder schlug er sich durch zwei erfolgreiche Kinofilme. Jetzt kommt die Bourne-Trilogie zum Abschluss, und Jason erfährt, wer er ist. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

„Karger“: Was von der Heimat übrig bleibt

Spezial Je länger dieser Film dauert, desto roher entfaltet sich seine Poesie: „Karger“ spielt in der heruntergekommenen ostdeutschen Stahlstadt Riesa, in der ein Arbeiter nach Entlassung und Scheidung den Boden unter den Füßen verliert. Ein eindrucksvolles Regiedebüt mit Laiendarstellern.

Video-Filmkritik

Ein Muster an Einfachheit: „Tuyas Hochzeit“

Spezial Bei der Berlinale im Februar hat der chinesische Film „Tuyas Hochzeit“ überraschend den Goldenen Bären gewonnen. Nicht zu Unrecht: Der Film besticht durch die Schönheit der Bilder und seine großartige Hauptdarstellerin.

Video-Filmkritik

Verirrt in der Sahara: „Fata Morgana“

Spezial Ein Mann, eine Frau, ein Fremder, die Wüste - mehr braucht der 31-jährige Simon Groß nicht in seinem Spielfilmdebüt „Fata Morgana“, für das er in diesem Jahr den „Förderpreis Deutscher Film“ erhielt.

Video-Filmkritik

Der Stunt der Dinge: Tarantinos „Death Proof“

Spezial Quentin Tarantinos neuer Film „Death Proof“ ist ein Schocker mit allem, was dazugehört: Krach, Gewalt und Geschwindigkeit. Und zugleich eine sensible Meditation über das Verhältnis von Frauen und Männern.

Video-Filmkritik: „Die Simpsons“

Was leuchtet da so unheilvoll am Horizont?

Spezial Fünfzehn Jahren haben uns die Simpsons aus Springfield jetzt schon im deutschen Fernsehen begleitet. Nun haben Homer, Marge und Kinder den Sprung auf die große Leinwand gewagt. Sicher gelandet sind sie zum Glück nicht. Wie auch.

Video-Filmkritik

Die Kunst, Schwermetall zu falten

Spezial Von Michael Bay stammen Filme wie „The Rock“, „Armageddon“ oder „Pearl Harbor“. In seinem neuen Werk „Transformers“ bedrohen Roboter aus dem All Amerika und machen so viel Krach wie die anderen drei Filme zusammen.