Video-Filmkritiken

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„Bourne Ultimatum“: Die reine kinetische Energie

Von Peter Körte

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05. September 2007 Wissen Superhelden eigentlich, dass sie Superhelden sind? Oder sind sie es bloß für uns? Träumen Superhelden von Superheldenabenteuern? Batman, der ja Bruce Wayne heißt, weiß, dass er ab und an die Welt retten muss, Superman ist auch als Clark Kent ganz aus Kryptonite, Spiderman hadert fast schon hamlethaft mit seinem Schicksal, und James Bond hat längst die Lizenz zur Selbstreferenz erworben. Sie alle sind bei sich, auch in wechselnden Kostümen. Und das ist ein recht komfortabler Zustand, der sie von Jason Bourne unterscheidet, obwohl auch der längst weltbekannt ist, in einer der erfolgreichsten Kino-Serien der letzten Jahre gespielt hat und beim dritten Mal immer noch aussieht wie Matt Damon.

Die Rolle hat Matt Damons Star-Identität definiert; nicht die Rollen als Will Hunting, als Ripley oder als Tollpatsch in „Ocean's Eleven“ haben dazu geführt, dass er in Scorseses „The Departed“ den bösen, harten Cop spielen konnte, es war Jason Bourne, der CIA-Auftragsmörder, der vor fünf Jahren, in der „Bourne Identität“, mit zwei Kugeln im Rücken und einer Kapsel in der Hüfte erwachte, der nicht wusste, wer er ist.

Ich bin nicht Bourne

Amnesie jedoch ist im Kino weniger ein trauriges Schicksal als eine mächtige dramaturgische Triebkraft, und Drehbuchautor Tony Gilroy hat sie, mit wechselnden Koautoren, drei Filme lang optimal genutzt. Deshalb ist auch die Bourne-Trilogie nicht bloß ein Thriller, sondern ein Bewusstseins-Thriller, eine Art Phänomenologie des Geistes als Action-Szenario, welches Bourne wenn auch nicht zum absoluten Wissen, so doch zumindest zur Wahrheit der Gewissheit seiner selbst führt.

Bourne kann den High-Tech-Apparat der CIA unterlaufen, weil er ihn kennt, weil er selbst ein Verhaltensprogramm ausführt und zugleich weiß, dass er es tut. Die Kinofigur Jason Bourne lebt genau aus dieser rasierklingendünnen Differenz: zu wissen, dass sie konditioniert ist, ohne die Konditionierung damit automatisch löschen zu können - Bourne muss hart an seiner Deprogrammierung arbeiten. Sein Ich ist ein anderer, aber es weiß nicht, wer; es reicht, dass es weiß, dass es nicht Bourne ist, um die Geschichte in Schwung zu halten. Fast könnte man mit Hegel behaupten, wer sich einer Grenze als Grenze bewusst sei, sei auch schon darüber hinaus - aber eben noch nicht ganz.

Kampf zweier Systeme

Und so ist die Bourne-Trilogie ein Kampf zweier Systeme: hier der digital hochgerüstete Apparat der CIA, dort der primär analoge Kampf von Jason Bourne, dessen Aktionen sich auf das Betriebssystem auswirken wie die Vorstöße eines Hackers. Einer der smartesten Einfälle im „Bourne Ultimatum“ besteht darin, das Geschehen lange Zeit aus zwei Perspektiven zu zeigen: als Live-Action mit fabelhaften Stunteinlagen und als eine Art Computersimulation auf den Monitoren im Hauptquartier einer CIA-Abteilung in New York. Dort sieht man dem Geschehen in der Waterloo Station in London oder in der Medina von Tanger allerdings nicht einfach zu; es ist ein interaktives Spiel, dessen Ästhetik unübersehbar von Google-Earth imprägniert ist; es ist weniger Film im Film als ein Computerspiel im Film, dessen Inszenierung sich geschickt die Existenz der zahlreichen Überwachungskameras in London zunutze macht. Erst wenn es in New York zum Showdown kommt, ist es vorbei mit dem doppelten Blick.

Solche Subtilitäten unterscheiden den Film vom Prinzip der Dauerleistungsschau im amerikanischen Action-Kino. Paul Greengrass, der nach dem Intermezzo bei „Flug 93“ auch im „Bourne Ultimatum“ wieder Regie geführt hat, drückt die durchschnittliche Einstellungsdauer mühelos unter zwei Sekunden, er löst den Plot in reine kinetische Energie auf, in ein Sperrfeuer der Bilder; es ist ein einziges Handkameragemenge, was insofern sehr cineastisch ist, als „movies“ und „to move“ zusammengehören, als Kinematograph ja wörtlich Bewegungsaufzeichner bedeutet. „Das Bourne Ultimatum“ beginnt, wo die „Bourne Verschwörung“ aufhörte, mit einer Unmittelbarkeit des Anschlusses, als wären zwischen beiden Filmen nur ein paar Sekunden vergangen und nicht drei Jahre. Kein so genannter Teaser wie in den Bond-Filmen, keine umständliche Exposition - der Auftakt lebt von der Gewissheit, dass alle Bescheid wissen und dass selbst jene, die den letzten Film nicht gesehen haben, unwiderstehlich hineingezogen werden. Bourne wird durch Moskau gejagt, er ist verletzt, und in dieser Bedrängnis suchen ihn Erinnerungen heim, an einen gefliesten Raum, an eine Situation, in der er etwas tun soll und sich weigert, woraufhin ihm zwei Männer eine schwarze Kapuze über den Kopf stülpen und ihn in ein Wasserbecken tauchen. Natürlich fällt einem da sofort Abu Ghraib ein.

Kick it like Bourne

Und wo immer die Jagd hinführt, über Turin nach Paris - wo Daniel Brühl einen sehr kurzen Auftritt hat -, nach London, Madrid, Tanger und schließlich nach New York, da ist keine Konzession an den gusseisernen Patriotismus zu spüren, auch wenn man vage politische Richtungsangaben bei Filmen wie der Bourne-Trilogie nicht allzu ernst nehmen sollte. Das CIA-Sonderprojekt, das sich nun „Blackbriars“ nennt und nicht mehr „Treadstone“, erscheint als Ausdruck einer Sicherheitshysterie, die sich über alle Gesetze hinwegsetzt - ein War-on-Terror, von dessen Skrupellosigkeit manche in den real existierenden US-Behörden bisweilen träumen mögen. Vernunft und Mäßigung verkörpert allein Joan Allens CIA-Direktorin, die sich dem paranoiden Technokraten (David Strathairn) an der Spitze von „Blackbriars“ widersetzt.

Der Film entwirft einen weitgehend rechtsfreien Raum, in dem auch die physikalischen Gesetze nur mit Einschränkungen gelten. So kann er ständig auf Hochtouren laufen und ein so reiches Arsenal an Tricks, Volten und Listen ausspielen, dass schon eine etwas längere Einstellung, ein Blickwechsel zwischen Bourne und der Agentin Nicky (Julia Stiles), die sich auf seine Seite schlägt, eine kleine Ewigkeit zu dauern scheint. „Wenn man das, was dem ,Bourne Ultimatum' seinen Kick gibt, auf Flaschen ziehen könnte, wäre es wahrscheinlich illegal“, hat ein amerikanischer Kritiker geschrieben. Viel weiter kann man es tatsächlich nicht treiben, zumindest nicht mit dem Bourne-Szenario. Und wenn die Schlusssequenz auch eine Hintertür offen lässt, die zu einem vierten Teil führen könnte - alle Fragen sind beantwortet, die sich nach den ersten zehn Minuten des ersten Films stellten, und es wäre daher ziemlich kurzsichtig, einfach weiterzumachen. Weil Jason Bourne am Ende weiß, wie er zu der Kampfmaschine wurde, die er drei Filme lang war, wäre jede Fortsetzung mit einer Selbstreferenz belastet, deren Mangel gerade das Bewegungsprinzip der Trilogie bildet.

Ab Donnerstag im Kino.



Text: F.A.S., 2.9.2007, Video: @aper
Bildmaterial: Universal

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