Von Andreas Kilb
05. Juni 2003 Wenn ein filmisches Bild, das man zu verstehen glaubte, sich vor unseren Augen in ein anderes Bild verwandelt, das aus genau denselben Einzelheiten zusammengesetzt ist; wenn alles, was auf dem ersten Bild unmißverständlich war, auf dem zweiten plötzlich sein Gegenteil bedeutet, wenn aus Dunkelheit Licht, aus Böse Gut, aus dem Helden ein Schurke und aus der Fratze des Tyrannen das Antlitz des Beschützers geworden ist - dann hilft es wenig, sich zu sagen, daß Dinge und Geschichten im Kino nun einmal mehrdeutig sind und für jede Interpretation offen. Denn man kann, wenn es ernst wird, nur eine Version für wahr halten, die des Mörders oder die seiner Opfer, die Geschichte des Königs oder die des Rebellen. Wenn beide wahr wären, gäbe es keine Perspektive, also auch kein Bild.
Zhang Yimous Film "Hero" ist ein sich selbst verwandelndes Bild, das am Ende mehr Rätsel als Gewißheiten hinterläßt - über die Geschichte und über ihren Regisseur. Zhang hat in den achtziger Jahren als Kameramann bei seinen Kollegen von der "fünften Generation" angefangen, und danach hat er eine Reihe von Filmen gedreht, die sich, einer bewegender als der andere, mit der patriarchalen Gesellschaft des alten China auseinandersetzten: "Rotes Kornfeld" (1987), "Ju Dou" (1990), "Rote Laterne" (1992). Der rigide Inszenierungsstil dieser Filme, den die westlichen Kritiker liebten, brachte dem Regisseur Probleme mit der Zensur in seinem Land. Zhang reagierte darauf, indem er sich der chinesischen Gegenwart zuwandte, die er in deutlich milderem Licht zeichnete als die Vergangenheit. Nur in "Leben!" (1994) und in "Heimweg" (1999) hat er noch einmal in die Zeit vor seiner Geburt zurückgeblickt. Der ältere Titel könnte als Motto über Zhangs gesamter filmischer Arbeit stehen, denn um Leben und Überleben, meist unter widrigen Bedingungen, dreht sich jede Etappe seiner Karriere wie seines Werks.
Und nun hat Zhang Yimou "Hero" gedreht, die Geschichte des ersten chinesischen Kaisers Ch'in Shi Huang-ti und jenes Attentäters, der vor seinem Thron steht, ohne ihn zu töten. Der Film, dessen Originaltitel "Ying Xiong" soviel wie "Legende" bedeutet, ist an einen jener Mythen angelehnt, die lange nach dem Tod des Kaisers - er regierte von 247 bis 210 vor Christus, die Ch'in-Dynastie erlosch bereits drei Jahre später - seine Herrschaft glorifizierten. Ihr geschichtlicher Kern liegt in der Tatsache, daß der Machthaber von Ch'in trotz zahlreicher Attentatsversuche lang genug lebte, um mit Hilfe eines gewaltigen Militärapparats die sechs anderen chinesischen Teilreiche niederzuwerfen und im Jahr 221 ganz China - das von ihm den Namen empfing - unter seiner Flagge zu vereinen. Chen Kaige, Zhangs Regisseurskollege und langjähriger Rivale, hat vor vier Jahren in "The Emperor and the Assassin" eine der Erzählungen aus jener Zeit verfilmt. Bei Chen ist der zukünftige Kaiser von China ein blutrünstiger Tyrann, der keine Skrupel kennt, wenn es darum geht, sich seiner Widersacher zu entledigen, und das ist auch das Bild, das die Geschichtsschreibung gewöhnlich von Ch'in Shi Huang-ti zeichnet.
Zhang Yimou aber gibt der Story einen anderen Drall. Bei ihm kniet der namenlose Titelheld (Jet Li) vor dem Thron des Herrschers von Ch'in, der ihn für die Tötung dreier berühmter Rebellen belohnen will, und erstattet Bericht von seinen Taten. Dann antwortet der König mit einer eigenen Version der Ereignisse, und schließlich gibt der Namenlose, der, wie sich zeigt, der gefährlichste aller Attentäter ist, den wahren Gang des Geschehens preis. "Hero" ist ein Actionfilm, der vermittels einer faszinierenden Metamorphose als philologisches Streitgespräch daherkommt. Aber anders als in Kurosawas "Rashomon", dem historischen Vorbild, stehen die drei Versionen der Geschichte bei Zhang Yimou nicht gleichberechtigt nebeneinander. Es gibt eine höhere Wahrheit hinter dem Tun, und sie verkörpert sich in den beiden Schriftzeichen, die einer der besiegten Rebellen am Ende in den Sand der Wüste Taklamakan zeichnet. Zusammen gelesen bedeuten sie "alle unter dem Himmel" - die Formel, mit der die Ch'in-Kaiser wie alle folgenden chinesischen Dynastien ihren Anspruch auf Alleinherrschaft begründeten.
Denn "Hero" ist, in einer verblüffenden Variation des Genres wie der historischen Tatsachen, auch eine revisionistische Allegorie. Daß die Vereinigung der sieben Reiche unvermeidlich war, weiß in China jedes Kind; daß sie unter Mitwirkung der gegnerischen Eliten stattfand, lernt man nun bei Zhang Yimou. Die Schwertkämpfer Zerbrochenes Schwert (Tony Leung) und Fliegender Schnee (Maggie Cheung), einst ein Liebespaar, haben sich über der Frage des Tyrannenmords entzweit. Statt dem König von Ch'in nachzustellen, treiben sie im Nachbarland Zhao Kalligraphie. Dort gibt es neunzehn verschiedene Schriftzeichen für das Wort "Schwert", und auf Wunsch des Namenlosen entwirft Zerbrochenes Schwert ein zwanzigstes. Es gelingt dem fremden Rächer, das Paar für seine Attentatspläne einzuspannen, doch am Ende behalten die Schriftzeichen das letzte Wort. Der Attentäter wird von den Palastwachen erledigt, das Schwertkämpferpaar begeht gemeinsam Selbstmord. Unter Ch'in Shi Huang-ti werden alle unter dem chinesischen Himmel nur noch ein Zeichen für jedes Wort schreiben, auch für "Schwert".
Kalligraphie betreibt auch Zhang Yimou. Daß "Hero" einer der schönsten Martial-Arts-Filme seit langem und eine der eindrucksvollsten historischen Kinophantasien überhaupt geworden ist, ist sicher auch den beteiligten Spezialisten zu verdanken, dem Kameramann Christopher Doyle, dem Actionchoreographen Ching Siu-Tung, vor allem aber Zhang, der sie alle zusammengebracht hat. Es gibt Momente in diesem Film, die das Herz höher schlagen lassen, wie das Duell zwischen der wunderbaren Maggie Cheung und ihrer Rivalin Zhang Ziyi im herbstlichen Wald, für das die Crew eigens Laub sammelte und Blatt für Blatt sortierte. Und so wie der Moment des Tötens im Rausch der gelben und roten Blätter untergeht, ertrinkt der ganze Film in Schönheit. Auf neunzehn verschiedene Arten, in allen Farben des Regenbogens, malt er das Zeichen für "Macht" auf die Leinwand. Die zwanzigste Variante ist der Tod des Helden, dessen Silhouette durch die Pfeile, die rings um seinen durchbohrten Körper einschlagen, in das Holz des Palasttors von Ch'in eingeschrieben wird. Ein leeres Zeichen, mehr bleibt nicht von all jenen, die der Weltgeist auf seinem unerbittlichen Fortgang niedertritt.
Es ist schwer, sich der visuellen Faszination von "Hero" zu entziehen. Dennoch bleibt bei aller Überwältigung ein Gefühl der Leere. Der Erfolg, den der Film in China hatte, bei den Regierenden wie beim Publikum, hat etwas Kalkuliertes. Es ist der Erfolg einer Rezeptur, nicht einer Haltung. In "Rotes Kornfeld" und "Rote Laterne" hat Zhang die Zeichen einer dreitausendjährigen Kultur auf engsten Raum gespiegelt, um seine Helden an ihren Widerständen wachsen zu lassen. In "Hero" wirft er mit Formen, Farben und Landschaften nur so um sich, aber die Figuren, um die er seine Cinemascope-Bilder rahmt, wirken puppenhaft klein und verloren. Daß der einzelne sein Schicksal verändern kann, daß er der Geschichte nicht ausgeliefert ist, war das Credo der frühen Filme Zhangs. In "Hero" nimmt er es zurück. Er übermalt es mit einer Schönheit, die nichts Menschliches mehr hat. Ju Dou lebt nicht mehr hier. Aber Zhang Yimou bleibt ein Meister aus China, auch wenn er die Perspektive der Opfer, denen sein Kino einmal gewidmet war, gegen den Blick des Imperators eingetauscht hat. Nun lobt ihn sogar die Partei.
Text: kil.
