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Filmkritik

Meisterhafter Film aus Bosnien: „Esmas Geheimnis“

Von Andreas Kilb

Filmkritik: Mirjana Karanovic in "Esmas Geheimnis"

06. Juli 2006 Der deutsche Verleihtitel verrät schon zuviel. Denn daß Esma ein Geheimnis hat, ist ja gerade das Geheimnis des Films. Der Originaltitel ist zurückhaltender und präziser: „Grbavica“. So heißt ein Stadtviertel in Sarajevo, das während des Bürgerkriegs von den Serben besetzt war. Wenn sie heute durch das Viertel gehe, sagt Jasmila Zbanic, spüre sie „etwas Unaussprechliches, Unsichtbares“ in der Luft, einen Nachhall tausendfachen Leids. Auf bosnisch, erklärt die Regisseurin, bedeute Grbavica „eine Frau mit einem Buckel“.

Der Film übersetzt dieses Unaussprechliche in die Stimmung einer Jahreszeit: den Winter. Es schneit oder regnet fast unaufhörlich in „Grbavica“, die Kinder spielen Fußball im Schnee, auf den Straßen gehen die Menschen geduckt unter Schirmen und Mützen. Hier wohnt Esma (Mirjana Karanovic) mit ihrer Tochter Sara, und hier ist auch das „Zentrum“, in dem Esma mit anderen Kriegsopfern psychologische Betreuung und eine magere staatliche Unterstützung empfängt. Am Anfang sieht man sie in einer Gruppe von Frauen auf dem Boden sitzen. Eine singt, die anderen hören mit geschlossenen Augen zu. Nur Esma schaut direkt in die Kamera, so wie der Film immer direkt auf Esma schaut. So ahnen wir schon, wie es um sie steht, lange bevor ihre Tochter es erfährt.

Esma weiß es besser

Die staatliche Unterstützung reicht nicht aus. Als Sara ankündigt, ihr nächster Klassenausflug koste zweihundert Euro, muß sich Esma, die sich mit Gelegenheitsarbeiten als Schneiderin über Wasser hält, einen Job suchen. Sie heuert als Kellnerin in einer Disko an, wo serbische Machos und falsche Blondinen zu Balkan-Pop ihre Hemmungen lockern. Aber das Geld für den Schulausflug kommt trotzdem nicht zusammen. Dabei wäre das Problem ganz einfach zu lösen, denn ein Kind, das nachweisen kann, daß sein Vater als „shaheed“ - Märtyrer seines Volkes - im Bürgerkrieg gestorben ist, muß nur die Hälfte zahlen. Sara weiß genau, daß ihr Vater ein Märtyrer ist, so wie der Vater von Samir, dem Jungen, mit dem sie in einer Kriegsruine Schießübungen mit einer alten Pistole macht. Nur Esma weiß es besser.

Über das Echo, das Jasmila Zbanics Film in Bosnien-Hercegovina und in der Kulturszene Belgrads ausgelöst hat, ist vielfach berichtet worden (siehe auch: Der Film „Grbavica“ bewegt Bosnien-Hercegovina und Serbien), und wenn man liest, daß „Grbavica“ allein im kinoarmen Bosnien gut hunderttausend Zuschauer hatte, ahnt man etwas von seiner Durchschlagskraft. Aber das erklärt nicht, warum es nach all den Bemühungen europäischer Regisseure, die bosnische Tragödie in Bilder zu fassen, nach Angelopoulos' „Blick des Odysseus“, Winterbottoms „Welcome to Sarajevo“ und Godards „Notre musique“ gerade dieser Film war, der die Schleusen der Erinnerung geöffnet hat. Der Erfolg von „Grbavica“ hängt offenbar an Dingen, die mit bloßem Können nichts zu tun haben. Etwa an der Nähe des Films zu den Menschen, unter denen Jasmila Zbanic selbst aufgewachsen ist. An der Einfachheit und Geradlinigkeit der Geschichte, am Verzicht auf Symbolismen und Ballereien. Und an dem Blick, der das Geschehen begleitet, einem Blick, der die Personen nicht in Gute und Böse sortiert, sondern ihnen ihre Widersprüche läßt, die Risse und Sprünge in ihrer Biographie, die sie hinter der Fassade der Normalität verstecken.

Sie werden kein Paar

Da ist zum Beispiel Pelda (Leon Lucev), der Mann, den Esma beim Kellnern in der Disko kennenlernt. Pelda sieht aus wie ein ordinärer Schläger, und als Leibwächter des schmierigen Diskothekenbesitzers muß er diese Physiognomie beruflich einsetzen. Aber wie Esma hat auch Pelda vor dem Krieg studiert, die Leibwächterei ist sein Ersatzlebenslauf. Unter den Knochen, die aus geöffneten Massengräbern geborgen werden, sucht er die Überreste seiner Angehörigen. So kommt er mit Esma ins Gespräch. „Gehst du auch zu Identifikationen?“ - „Früher ja.“ - „Wen suchst du?“ - „Schon gefunden. Meinen Vater.“ Er lädt sie zum Grillen ein, auf einem Hügel über Sarajevo. Unten sieht man das Minarett einer Moschee. Esma küßt seine Hand. Sie werden kein Paar.

Und da ist Esma. Mirjana Karanovic, ihre serbische Darstellerin, ist durch Emir Kusturicas „Papa ist auf Dienstreise“ bekannt geworden, auch in Kusturicas Geschichtsallegorie „Das Leben ist ein Wunder“ spielt sie eine Hauptrolle. Ihr Auftritt in „Grbavica“ ist kein Statement, sondern die reine Anverwandlung, das Beste, was im Kino passieren kann. Gebeugt, gehetzt, wie unter einem Buckel aus Erinnerungen läuft Esma durch ihr Viertel, im Bus erschrickt sie vor der behaarten Brust eines Mitfahrers, in der Disko vor einer Uniform, dem Grinsen eines Männergesichts. Was Esma vom Leben bleibt, ist ihre Tochter, ein zwölfjähriger Backfisch mit den Ängsten und Allüren aller Teenager. „Was habe ich von Papa?“ fragt Sara ihre Mutter im Cafe. „Die Haare.“ Zuletzt genügt dem Mädchen diese Antwort nicht mehr, es greift zur Pistole, und da endlich erfährt Sara, was sie wissen will. Ein kleines, trauriges und schreckliches Geheimnis, eines unter tausenden.

Wenn man aus dem jüngst wieder ausgebrochenen Streit um Peter Handkes Phantastereien zu Serbien und Jugoslawien eines lernen kann, dann dies: daß es keinen Sinn hat, immer nur Meinungen auszutauschen. Was Vertreibung, Massaker, Massenvergewaltigung wirklich bedeuten, wird erst am Einzelschicksal sichtbar, und in ihm klärt sich auch die Frage der Schuld. Eine Frau wie Esma braucht nicht zu wissen, ob das, was ihr angetan wurde, auf Befehl von Milosevic geschah oder nicht. Ihr Schmerz ist real, er weist auf die Täter und auf die Politik, die sie deckte. Aber noch realer ist der Wunsch, aus den Trümmern ein neues, unbeschädigtes Leben zu retten, die Zukunft der nächsten Generation. Deshalb auch können sich Sara und Esma am Ende wieder versöhnen. „Sarajevo, ich liebe dich“, singen die Kinder im Schulbus. Und endlich wird es Frühling.

Text: F.A.Z., 05.07.2006, Nr. 153 / Seite 41
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Pifl Media GmbH

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