Von Friedrich Wilhelm Graf
29. Oktober 2003 Im frühen achtzehnten Jahrhundert deuteten gelehrte Aufklärer die Unterschiede der christlichen Konfessionen in Begriffen einer neuen "Culturgeschichte". Der Katholizismus erschien bei ihnen als Religion des Auges, geprägt durch einen barocken Sinneskult mit Bildern, bunten Meßgewändern und demonstrativer Sichtbarkeit des Heiligen. Demgegenüber galt der Protestantismus als Religion des Hörens, unsinnlich und abstrakt, konzentriert aufs Gotteswort, das den Sünder in der Innerlichkeit seines Gewissens anspricht und sich nur im Zeichen des Kreuzes visualisieren läßt. Noch Goethe klagte, der evangelische Gottesdienst habe zuwenig Sakramente.
Doch soll sich der Protestantismus in eine Sichtbarkeitskonkurrenz mit einer katholischen Kirche einlassen, die sich zunehmend als Medienreligion einer papalen Fernsehikone präsentiert? Wie läßt sich eine Religion in Bilder fassen, die durch "solo verbo" und "sola gratia", die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade, definiert ist? Der kanadische Regisseur Eric Till weiß um die Schwierigkeiten, die Gewissensnöte des Dr. Martin Luther ins Filmbild zu setzen. Ein von Folianten umgebener Gelehrter, der im Studierzimmer über biblischen Texten brüte, tauge nicht zum Filmhelden. So folgen Tills Drehbuchautoren Camille Thomasson und Bart Gavigan dem Psycho-Luther, den Erik H. Erikson in seiner Studie "Young Man Luther" 1958 gezeichnet hat. Ihr Luther ist ein hochsensibler Jüngling, der unter einem autoritär fordernden Vater leidet. Vaterkonflikt, Kampf gegen die verführerische Macht des Bösen und verzweifelte Suche nach einem gnädigen Gott verfließen zum seelischen Ringen eines jungen Mannes, der im Glauben die einzige Chance sieht, seine tiefe existentielle Unsicherheit zu überwinden.
Akademische Theologie ist ein komplexes Geschäft
Wider Willen illustriert der Film die Einsicht, daß akademische Theologie ein relativ komplexes Denkgeschäft ist. Die Not, mit einem bibellesenden Schreibtischgelehrten keine unterhaltsame Story erzählen zu können, überwinden die Drehbuchschreiber mit einer narrativen Technik, die aus dem neueren Diskurs über facts und fictions vertraut ist. Britische Sozialhistoriker um Eric Hobsbawm hatten in den siebziger Jahren damit begonnen, alle möglichen kulturellen, religiösen und politischen Überlieferungen als Traditionen zu entschlüsseln, die um legitimatorischer Interessen wie der Herrschaftssicherung überkommener Eliten willen "erfunden" worden seien. Wenn selbst faktengläubige Historiker vom "inventing of traditions" reden, dürfen Künstler in ästhetischer Autonomie neue Sinnbilder zeichnen, um Geschichte anschaulich zu machen. Schon immer hatte die protestantische Memorialkultur von einigen Urszenen gelebt. Die Stationen der vita Lutheri vom einsam gottsuchenden Mönch zum Familienvater und Ahnherrn des protestantischen Pfarrhauses wurden als heroische Momente ins Bildgedächtnis des protestantischen Deutschland eingraviert: der vom Blitz bei Stotternheim Erschütterte, der sich zum Eintritt ins Kloster entschließt; der Professor, der am 31. Oktober 1517 mit 95 wuchtigen Schlägen die Neuzeit herbeihämmert; der Freiheitsheld, der vor dem Wormser Reichstag mit seinem "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" moderne Gewissensautonomie proklamiert.
Im Film wird dieses Bildrepertoire um fiktive Szenen erweitert. Der von der Wartburg herbeieilende Reformator übergibt seinem Protektor Friedrich dem Weisen höchstselbst das soeben übersetzte Neue Testament. So sollen Priestertum aller Gläubigen, der freie Zugang zur Heiligen Schrift und das definitive Ende der Herrschaft einer korrupten Klerikerkaste über die in Angst und seelischer Abhängigkeit gehaltenen "Laien" versinnbildlicht werden. Bei der erfundenen Beerdigung eines Selbstmörders predigt Luther über Gottes gerecht machende Gnade. Die Szene soll die reformatorische Einsicht repräsentieren, daß Gott dem sündigen Menschen Gerechtigkeit - unabhängig von "Werken" und eingebildeten Verdiensten - schafft. Gelungen ist das nicht. Wer seelische Konflikte und hart erarbeitete Erkenntnis durch religiöse action visualisiert, hat eine Pointe von Luthers Theologie nicht verstanden: die reformatorische Unterscheidung von Person und Werk. Glaube läßt sich nicht auf Moral reduzieren, und im Angesicht Gottes steckt auch in moralischen Leistungsmenschen nur der alte Adam.
Budget von zwanzig Millionen Euro
Till stand für seinen "Luther" ein Budget von zwanzig Millionen Euro zur Verfügung. Zehn weitere Millionen Euro werden derzeit ins Marketing gesteckt. Teil der Vermarktungsstrategie sind Werbetexte, in denen die "fact into fiction"-Technik als Versuch erläutert wird, den Reformator als Sympathieträger zu erfinden. Er befreundet sich mit einfachen Mitmenschen, hilft den Armen und ist überhaupt ein edler Ritter auf der Seite der Unterdrückten. Unter seinen erfundenen Weggefährten überzeugt die arme Hanna (Maria Simon) mit ihrer behinderten Tochter Grete. Nur mit dem Verkauf von Reisigbündeln kann die am Rande der Gesellschaft Vegetierende ihre Tochter ernähren. Einen Großteil ihres erbärmlichen Einkommens investiert sie jedoch in die römische Himmelslebensversicherung. Stolz zeigt sie Luther die Ablaßbriefe, die sie wegen Tetzels angstmachender Predigt über Höllenstrafen und Fegefeuerpein erworben hat. Dank Dr. Martinus erkennt sie den wahren Gottesdienst des Christen, den ernst genommenen innerweltlichen Beruf. In einer Schlüsselszene hat Hanna ihrer Tochter Krücken gekauft, so daß Grete erstmals selbständig auf Luther zugehen kann. Das ist emotional dicht inszeniert, hart an der Grenze religiösen Kitsches. Der aufrechte Gang eines Menschen, der bis dahin auf eine erniedrigende Krüppelrolle festgelegt war, läßt sich als starke protestantische Metapher mit katholizismuskritischem Subtext lesen: In der Wiederentdeckung des Evangeliums ist die libertas christiana erschlossen, die im evangelischen, allein an der Rechtfertigungsgnade orientierten Gottesverhältnis gründet.
Das fragile Bildgedächtnis des Protestantismus gewinnt Halt an plastischen Feindbildern römischen Sittenverfalls. Auch Tills Luther macht bei seiner Romreise im Jahr 1510 die schockierende Erfahrung, daß die römische Religionsökonomie nur auf der Grundlage von Doppelmoral und Korruption funktioniert. In Rom begegnet Luther Klerikallüstlingen, die ins Bordell gehen, und einem Kirchenvolk, das sich auf geschundenen Knien hohe Treppen hinaufquält, um sich mit teuren Ablässen von ein paar Jahren Fegefeuer freizukaufen. Leo X. ist die Mischung aus Machtgeilheit, frömmelndem Dummblick und Spaß an den Belustigungen des Adels ins Gesicht geschrieben. Bei der Jagd, dem Vergnügen weltlicher Herren, erlegt er einen Eber, das alte Symbol unbeugsamen Kampfesmutes und ungebärdiger Wildheit. Ob die Filmautoren gewußt haben, daß der Eber in der katholischen Ikonographie als ein Sinnbild Christi galt? Ein mehr oder minder bewußter antikatholischer Affekt mag schon die Entscheidung mitbestimmt haben, die Papstrolle Uwe Ochsenknecht anzuvertrauen. Verglichen mit Mathieu Carrière, der als Kardinal Cajetan die klerikale Arroganz glanzvoll in Szene setzt, wirkt Ochsenknecht wie ein Vorzeigeprälat, der von der theologischen Kompetenz seiner Kardinäle abhängig ist. Nur in der Cajetan-Gestalt wird sichtbar, daß sich Katholizismus und Protestantismus gerade in der Ekklesiologie, dem Verständnis der Kirche und ihrer Ämter, voneinander unterscheiden.
Wenig Theologisches
Ansonsten tritt das Theologische allzu stark gegenüber dem Politisch-Sozialen zurück. Die Wittenberger Unruhen und der Bauernkrieg werden zu einem Aufstand des armen Volkes verknüpft. Zerstörte Kirchen, in denen ein furor protestanticus alle Heiligenbilder gestürzt hat, grausam zugerichtete Leichen von Bauern und die tote Grete konfrontieren den Reformator mit einer Dialektik religiöser Aufklärung, die er durch vertiefte theologische Besinnung zu erfassen sucht. Der Film endet mit einer Schlußszene, in der ikonographische Traditionen der Marlboro-Werbung mit öko-pietistischer Naturfrömmigkeit angereichert sind. Auf weiter grüner Flur erwartet Martin gemeinsam mit Katharina von Bora Nachrichten vom Augsburger Reichstag 1530. Von den Inhalten der confessio Augustana erfährt man nichts.
Joseph Fiennes, bekannt aus "Shakespeare in Love", spielt Martin Luther. "Wir wollten einen Schauspieler, der ebenso gewöhnlich wie charismatisch sein kann, ebenso schüchtern wie herausfordernd, ebenso verspielt wie intensiv. Und nicht zuletzt sollte es jemand sein, der die jungen Leute anspricht", erklärt der Produzent. Durfte deshalb der Inhaber des "MTV Movie Award for best kiss" nun einen Wittenberger Theologieprofessor spielen? Dieser Luther ist ein wunderschöner Ephebe, mit schmalem Gesicht, sanften dunklen Großaugen und hochgradig ambivalenter, bisexueller Körpersprache. Ob Dr. Martinus vor seinen Predigten wohl zur Wimpernpflege in ein Wittenberger Kosmetikstudio eilte? Dieser young man Luther hat einige glänzende Szenen. Aber nie kann er die Tatsache vergessen machen, daß ihm Höllenqualen und Ichverlustängste eines spätmittelalterlichen Mönches fremd sind. Läßt sich Luthers Anstrengung, den inneren Schriftsinn der Paulus-Briefe zu verstehen, wie das Coming-out eines Collegeboys inszenieren? Katharina von Bora schnappt sich zwar ihren Martin; der aber wirkt irritierend lustlos und scheint froh, das Bett in Richtung Schreibtisch verlassen zu können.
Eindrucksvoller Bruno Ganz
Auch in mittelmäßigen Filmen können einzelne Schauspieler Glanz entfalten. Luthers geistlicher Vater Johann von Staupitz wird eindrucksvoll von Bruno Ganz gespielt. Als Friedrich der Weise zeigt Peter Ustinov durch grandioses Mienenspiel und feine, unscheinbar wirkende Handbewegungen, daß Lebensweisheit viel Skepsis und ironische Selbstdistanz fordert. Römischer Erpressung gibt er nicht nach. Aber wie er schweren Herzens die religiöse Nutzlosigkeit seiner großen Reliquiensammlung einsieht, läßt den seelischen Verlust ahnen, der mit der Spiritualisierung des Glaubensbegriffs verbunden war. Nur in Ustinovs brillant gespielter Zerrissenheit wird etwas von jenem protestantischen Menschen sichtbar, der alle innerweltlichen Sicherungen preisgegeben hat: himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, und das im selben Moment.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2003, Nr. 251 / Seite 35
Bildmaterial: FAZ.NET
