Von Gustav Federhenn
03. April 2002 Das blinde Mädchen (Rose Byrne) klammert sich manchmal an einem Baum fest, um nicht ganz den Halt zu verlieren. Der junge Japaner (Rikiya Kurokawe) neigt sich den Reptilien in seinem Terrarium zu, und scheint dabei für einen Augenblick zu sich selbst zu finden. In dieser kunstvoll künstlichen Bilderwelt der Regisseurin Clara Law schenkt die Natur den Menschen ein Hochgefühl, das ihnen die Einsamkeit erträglich macht. Ein Designobjekt jedoch führt sie zusammen.
Reise ins Land der Kängurus
Der junge Mann lebt in einer gestylten Objektwelt, deren geschmackvolle Durcharbeitung ihn selbst zu einem Gegenstand im eigenen Ambiente werden lässt. Doch zuviel ist nie genug. Zur Perfektion fehlt dem Mann in Tokio der Citroen DS, die Goddess. Wozu gibt es das Internet? Er findet seine Göttin aus dem Produktionsjahr 1967 in Australien. 35.000 Dollar. Abgemacht! Als er den Wagen im Land der Kängurus abholen will, muss er feststellen, dass der Verkäufer sich und seine Frau umgebracht hat. Sie haben sich über den Verkaufspreis des Citroens gestritten. Übriggeblieben ist das Auto, das blinde Mädchen und ein Kind.
Die Szenerie ist zwar erschütternd, trotzdem kann es der junge Mann nicht abwarten, sein Traumauto zu sehen. Bald streichelt er es mit den Augen und mit den Händen. Er hat das Auto lieb. Das blinde Mädchen und der Japaner machen eine Probefahrt. Das Objekt der Begierde auf vier Rädern scheint den jungen Mann tatsächlich glücklich zu machen. Er genießt, er schwärmt, er schwebt. Augenblicke ansteckender Euphorie. Doch die Außenwelt gestattet keine längeren Höhenflüge: Sie werden von einem anderen Auto abgedrängt...
Reise ins Innere des Ichs
Das blinde Mädchen bittet den Citroen-Fan, sie zu einem weit entfernten Ort zu chauffieren. Hier beginnt das Road-Movie ins Innere Australiens, das wie jeder gute Film des Genres zu einer Reise in die Geschichte der Reisenden wird. Wir erspüren die Einsamkeit der Reisenden. Wir fühlen mit ihnen: Einsamkeit macht alle Menschen gleich. Sie verlieren die Kommunikationsfähigkeit. In Rückblenden erinnern sie sich, an die schrecklichen Vorfälle, die sie geprägt habe. Dabei übernimmt der Citroen die Aufgabe des Erzählers. Der Wagen war immer in der Nähe, wenn dem blinden Mädchen etwas zustieß. Ihre Familien-Geschichte ist eine Chronik ihrer Verletzungen.
Clara Law gelingt hier das Kunststück, die durchaus drastischen Erlebnisse fast beiläufig erscheinen zu lassen. Sie findet eine visuelle Entsprechung zum verbalen Erwähnen - und vermeidet so das zwingende Psychogram. Stattdessen schafft sie Bilder tiefer Traurigkeit, die um so stärker wirken, als sie ins Künstliche überhöht sind. Mit einer Farbveränderungstechnik treibt die chinesischstämmige Regisseurin ihrer Fotografie auch den Realismus aus. Das ist nicht nur wunderschön anzusehen, sondern betont die schwebende Melancholie dieses seltsamen Kinomärchen.
Text: @hen
Bildmaterial: kairos, Trigon Film
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