Von Hans-Dieter Seidel
02. Februar 2005 Eine einzige Einstellung genügt, und der Zuschauer weiß sich im vertrauten Mike-Leigh-Territorium, in dem die Authentizität bis in den hintersten Winkel reicht. London also, das Leben der Arbeiterklasse, die frühen fünfziger Jahre.
Eigentlich müßte die Moderne angebrochen sein, aber die trüben Straßen, die engen Wohnungen, das abgenutzte Mobiliar, Tischdecken und Geschirr, Gardinen und Kleidung tragen noch den düsteren Firnis der Kriegsjahre. Dem Zuschauer gehen die Augen auf, die Filmfiguren hingegen scheinen unbeeindruckt. Sie haben sich Lebensmut verordnet und lassen dieses Bemühen um Frohsinn auch mit jeder Äußerung, jeder Geste durchscheinen.
Putzen bei den besseren Leuten
Allen voran Vera Drake, eine Frau vermutlich Ende Vierzig. Sie geht bei den besseren Leuten putzen, rutscht, unentwegt vor sich hin singend, auf den Knien und schrubbt Dielen, poliert Messinggitter, räumt jede Art von Unordnung beiseite. Obendrein versorgt sie bettlägerige Nachbarn mit Tee und Cookies, sorgt für ihre alte Mutter, die nicht mehr aus dem Haus kann, und hat ein Auge auf den vereinsamten Junggesellen nebenan, in dem Mrs. Drake den potentiellen Ehemann für ihre extrem verschüchterte Tochter Ethel sieht.
Daß die erwachsenen Kinder noch bei den Eltern hausen, erzählt wie nebenbei von der herrschenden Ärmlichkeit. Sid, ein vorsätzlich lebenslustiger junger Mann, geht einer Tätigkeit als Schneider nach, Ethel prüft am Fabrikfließband Glühbirnen auf ihre Tauglichkeit, und Veras Ehemann Frank arbeitet als Mechaniker in der Autowerkstatt seines jüngeren Bruders. In dieser Familie hat unübersehbar ein jeder Verständnis für den anderen.
Hart an der Grenze
Wie man sieht, schrammt die Exposition von Mike Leighs Film Vera Drake, der im vergangenen Herbst beim Festival von Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, hart an der Grenze zur Betulichkeit entlang. Doch der erste Anschein - bei diesem Regisseur kein Wunder - trügt natürlich. Denn ohne jedes Aufheben und ohne daß ihre Lieben daheim davon die leiseste Ahnung hätten, hilft Vera Drake jungen Frauen, die ungewollt schwanger geworden sind, aus ihrer Not: tatkräftig, vollkommen unblutig und, das ist für ihr Gewissen wichtig, unentgeltlich.
Sie weiß, daß ihr Tun illegal ist, hält es deshalb auch vor der Familie geheim, aber sie kann sich nicht als eine Frau verstehen, die Kinder abtreibt, sondern handelt einzig aus ihrer Überzeugung, helfen zu müssen, wo sie kann. Sie kennt die Frauen nicht, die sie aufsucht. Sie kommt vorbei, sorgt für eine vertrauensvolle Atmosphäre, breitet ihre paar Utensilien aus, bringt den Eingriff hinter sich und geht wieder. Daß die Bekannte, die ihr seit Jahren die entsprechenden Adressen vermittelt, sich von den Betroffenen teuer bezahlen läßt, würde Vera Drake sich niemals träumen lassen.
Die ganze Strenge des Gesetzes
Die Lücke im Gesetz, die es der wohlhabenden Upper Class erlaubt, auf dem Umweg über einen Psychiater und die von ihm diagnostizierte psychische Gefährdung der Schwangeren halbwegs legal zu einem Schwangerschaftsabbruch zu kommen, ist für die niederen Schichten nicht existent. So trifft Vera Drake, nachdem es in einem Fall zu Komplikationen gekommen ist und die Polizei vor der Tür steht, alsbald die ganze Strenge des Gesetzes - und Mike Leighs Film findet zu einer Binnenspannung, die außerordentlich ist.
Der Regisseur und Drehbuchautor moralisiert nicht, er richtet seinen Blick auf ein Individuum, das von der Gesellschaft gemäß deren Übereinkunft zum Verbrecher gestempelt wird und nicht in der Lage scheint, sich zu erklären. Vera Drake, die Selbstlosigkeit in Person, hat sich schuldlos schuldig gemacht und ist bereit, diese Schuld auch zu tragen. Wozu sie sich nicht in der Lage sieht, ist die Notwendigkeit, ihrer Familie je wieder mit der Aufrichtigkeit von einst zu begegnen.
Wenn dieser innere Konflikt das Gesicht der Schauspielerin Imelda Staunton, auf dem die Kamera scheinbar minutenlang verharrt, verschattet, wenn die ohnehin nicht sehr große Frau immer mehr zu schrumpfen scheint und völlig verstummt, dann ist das ein bewegender Moment so fern jeder Betulichkeit, wie man es zu Beginn dieses Films kaum für möglich gehalten hätte. Imelda Staunton sammelt mit Recht Auszeichnungen für diese Leistung: in Venedig die Coppa Volpi als beste Darstellerin, danach den Europäischen Filmpreis. Und wenn demnächst noch der Oscar hinzukäme, wäre das absolut kein Fehlgriff.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2005, Nr. 27 / Seite 35
