08. November 2007 Immer, wenn es ernst wird in diesem Film, geht er ans Wasser. An den Brunnen im herrschaftlichen Park, an dem sich zwei Jugendliche treffen, die bald ein Liebespaar sein werden. An die Kanalküste bei Dünkirchen, wo die geschlagene britische Armee auf ihre Rettung vor den herannahenden deutschen Truppen wartet.
An den Wildbach, in den sich ein zehnjähriges Mädchen stürzt, um von einem älteren Jungen gerettet zu werden. An die Kreidefelsen von Dover, unter denen das Liebespaar, das keines sein durfte, seinen letzten Sommer verbringt. Im Wasser findet der Film Abbitte seinen Halt, und das Wasser trägt ihn voran, über die Zeitsprünge hinweg, die in seiner Handlung klaffen wie Spalten in einem Gletscherfeld.
Zwielicht der Fiktion
Ian McEwans Roman von 2001 war ein Welterfolg. Das hat die Verfilmung, die jetzt ins Kino kommt, unvermeidlich, aber die Geschichte, die das Buch erzählt, nicht einfacher und kinogerechter gemacht. Genau genommen ist Abbitte nämlich kein Roman, sondern ein Mobile literarischer Formen: zuerst eine lange, atmosphärisch dichte Novelle, die im England der dreißiger Jahre spielt und nach der Hälfte des Buchs zu Ende ist; dann ein zweigeteilter Epilog, der fünf Jahre später einsetzt; und schließlich ein Sprung über ein halbes Jahrhundert hinweg in eine Rahmenhandlung, durch die alles, was wir bis dahin erfahren haben, in ein neues Licht gerät - ins Zwielicht der Fiktion.
Denn eigentlich handelt Abbitte, diese Tragödie von Liebe, Verleumdung und Tod, vor allem vom Schreiben: von den Wunden, die es schlägt, den Wahrheiten, die es enthüllt, und den anderen, tieferen Wahrheiten, die es verbirgt. Ein Film, der diesem Roman gerecht werden will, müsste mit einer Schreibszene beginnen, um gleich zu zeigen, worum es geht. So denkt man.
Eine obszöne Botschaft
Und so haben es sich Joe Wright, der Regisseur, und sein Drehbuchautor Christopher Hampton wohl auch gedacht. Deshalb beginnen sie ihre Nacherzählung des Buches mit der Aufnahme einer Hand, die auf ein weißes Blatt Papier die Wörter The End tippt. Das wiederkehrende Tackern der Schreibmaschine, mit der die dreizehnjährige Briony Tallis (Saoirse Ronan) ihr erstes Theaterstück geschrieben hat, hält die bessere Hälfte dieses gut zweistündigen Films zusammen. Es ist das Gegenmotiv zur romantischen Wassermetaphorik: das Schreibgeräusch als Bruchstelle im großbürgerlichen Idyll. Wer tippt, kann sich vertun, so wie Robbie Turner (James McAvoy), der Sohn der Haushälterin der Familie Tallis, der mit Cecilia (Keira Knightley), der älteren Schwester Brionys, auf die Universität gegangen ist und ihr nun einen Liebesbrief schreibt. Er schreibt mit der Hand: lange, sehnsüchtige, den Klassenunterschied wegträumende Sätze. In die Maschine aber hackt er, nebenbei und zum Spaß, eine Botschaft, die sein Begehren auf gröbstmögliche Weise zusammenfasst; und es ist dieser obszöne Brief, der in den Umschlag gelangt, mit dem Robbie Briony zu ihrer Schwester schickt. Zwei Zeilen auf weißem Papier lösen in Abbitte die Katastrophe aus. Der Rest ist Mechanik und Psychologie.
Wer das Buch gelesen hat, erinnert sich daran, wie lange es dauert, bis neben der altklugen Briony die anderen Figuren der Geschichte Gestalt annehmen, und wie präzise der unerwartete Schluss des Romans die Motive dieses langen Prologs wiederaufnimmt. Ein Film aber muss rascher zur Sache kommen, er muss das subjektiv Durchwirkte in objektive Wirklichkeit verwandeln, und durch diesen Zwang verschieben sich in Wrights Adaption schon nach den ersten Bildern die Gewichte der Erzählung. Bei Wright steht eben nicht Briony, sondern die attraktive, sinnlich schimmernde Cecilia im Mittelpunkt, und es spricht für sich, dass Keira Knightley lieber diese Rolle spielen wollte als die der kindlichen Erzählerin, welche ihr der Regisseur zuerst angeboten hatte.
Zauber des Anfangs
Den Trick, mit dem Ian McEwan das dreizehnjährige Mädchen zur Herrin der Geschichte macht, hätten Wright und Hampton wiederholen können, wenn sie ihren Film tatsächlich vom Ende her erzählt hätten, aus der Erinnerung der greisen Briony (Vanessa Redgrave), die reumütig ihr Leben rekapituliert. Aber das hätte den Zauber des Anfangs zerstört, die lichttrunkenen, wie aus Bilderbüchern aufsteigenden Skizzen des englischen Sommers, die Szenen einer Jeunesse dorée im Niemandsland zwischen Nachkriegs- und Vorkriegszeit und einer Klassengesellschaft, die ihrer Distinktionen allmählich müde wird. Joe Wright, dessen Jane-Austen-Verfilmung Stolz und Vorurteil vor zwei Jahren den Geist der Vorlage bewahrte, indem sie deren Blickrichtung umkehrte, hat sich bei Abbitte für die konventionellere Variante der literarischen Adaption entschieden. Er bebildert, was geschrieben steht. Er läuft dem Text nach, statt ihn zum Laufen zu bringen.
So kommt es, dass sein Film mit zunehmender Dauer immer mehr an Kraft verliert. Das zeigt sich schon in der ersten der beiden Kriegsepisoden, die von Robbie Turners Marsch im Mai 1940 nach Dünkirchen erzählt, wo er sich mit den Resten des britischen Expeditionsheers nach England einschiffen will. Die Setdesignerin Sarah Greenwood hat die Szenerie des Kanalhafens auf einem leerstehenden Dockgelände an der englischen Ostküste als Hommage an die Apokalypsen von Hieronymus Bosch nachgebaut: brennende Ruinen, fluchende, blutende, sterbende Soldaten, Auto- und Flugzeugwracks und ein Riesenrad, das sich wie aufgezogen dreht, Symbol einer entgleisten Zivilisation.
Fast nichts zu bedeuten
Das alles ist schön anzuschauen, aber es hat fast gar nichts zu bedeuten. Denn eigentlich geht es nur um Robbie Turner und seine Liebe zu Cecilia, um den Brief, den er ihr in Gedanken schreibt, und um die Gewissenbisse Brionys, deren Eifersucht Robbie ins Gefängnis und in den Krieg getrieben hat und die nun seine Rettung herbeiphantasiert. Es geht, wie bei Goethe und Orson Welles, um Dichtung und Wahrheit, um das Rosebud einer alternden Autorin, aber der Film kann diese Spannung nicht halten, weil er viel zu sehr mit der Rekonstruktion jener Wirklichkeiten beschäftigt ist, die das Buch am Ende als Erfindungen Brionys entlarvt. Er malt den Rahmen, den der Roman vorgibt, gehorsam aus, aber es entsteht kein Bild, nur ein Puzzle aus hübschen Einzelteilen.
Am Schluss nimmt sich Joe Wright gegenüber Ian McEwan eine filmische Freiheit heraus. Er verwandelt das Selbstgespräch der greisen Briony, die von Vanessa Redgrave mit königlicher Kühle verkörpert wird, in eine Talkshow, deren Moderator von Anthony Minghella gespielt wird, dem Regisseur des Englischen Patienten. Nun könnte man sich, als Fortsetzung des Spiels, eine Diskussion etwa über Sinn und Unsinn von Literaturverfilmungen vorstellen. Aber da bricht das Gespräch, kaum begonnen, schon wieder ab. So wie der Film. In der Frage, wie man McEwans Roman auf die Leinwand bringen kann, ist Abbitte jedenfalls nicht das letzte Wort.
Text: F.A.Z., 07.11.2007, Nr. 259 / Seite 41
Bildmaterial: Universal