Von Verena Lueken
29. Juni 2005 Die Zivilisation steht auf dem Spiel, und es ist grabesstill. Dann stürzen im Rhythmus unhörbarer Trommelwirbel Blitze vom Himmel, die Erde bricht auf, und es erheben sich auf je drei hochhaushohen Stelzenbeinen eine Art High-Tech-Dinosaurier, die Feuer speien und mit einem Lichtstrahl Menschen in Luft auflösen können.
Jetzt bebt das Kino im Geräuschgewitter, wie wir es noch nie gehört haben, und die Bestuhlung wackelt. Alle Farben außer einem stahlblaustichigen Dunkelgrau und dem gellenden Licht der Blitze sind von der Erde verschwunden, vielleicht, damit später die dunkelroten Blutlandschaften sich schockhafter in unsere Netzhaut prägen können.
Die Menschen in dem Städtchen in Connecticut, wo dies geschieht, glauben zunächst an ein außerordentlich starkes Gewitter und stehen neugierig herum, während der Sturm ihre Wäsche von den Leinen fegt. Dann bekommen sie Angst und rotten sich zusammen, um mit wachsendem Schrecken zu beobachten, wie der Asphalt einbricht und sich die Beine des Ungeheuers auseinanderfalten, das gleich zahllose Bürger zum Verschwinden bringen wird. Wenn Steven Spielberg den Untergang der Welt inszeniert, können wir uns darauf verlassen, daß wir wenigstens staunen, weil er die visuellen Mittel des Kinos immer noch effektvoller einzusetzen weiß als alle seine Kollegen, die sich auf den Soundtrack verlassen müssen.
Wir sollten uns fürchten
Allerdings sollten wir nicht staunen, wenn die Welt untergeht. Wir sollten uns fürchten, unsere Nägel in die Sitzlehnen krallen oder die Handflächen vor den Mund halten, um unsere Angstschreie zu dämpfen. Erst recht, wenn mit der Welt auch ein kleines Mädchen in Gestalt der engelbelockten Dakota Fanning evaporiert zu werden droht. Doch wir fürchten uns nicht. Und wir bangen auch nicht um Dakota Fanning. Vielmehr stellen wir bewundernd fest, daß sie trotz einiger maßlos altkluger Sätze, die das Drehbuch ihr aufgibt, Tom Cruise mitunter ohne Anstrengung an die Wand spielt.
Die Rede ist vom Krieg der Welten, Steven Spielbergs jüngstem Film, der in den vergangenen Wochen wegen der autoritären Pressepolitik des Verleihs ins Gerede gekommen ist (siehe auch: Spielberg-Film: Krieg den Kritikern). Zu dieser Politik gehörte neben einer Sperrfrist, daß in zahlreichen Städten und auch in Frankfurt der Film der Presse nur in der deutschen Fassung gezeigt wurde. Vielleicht, wahrscheinlich ist die Originalfassung überzeugender. In der Synchronversion jedenfalls müssen wir uns Anfang und Ende von H.G. Wells' Romanvorlage, die Spielbergs Film einrahmen, von einem oberlehrerhaften Voice-over-Sprecher vorlesen lassen, der im gleichen Tonfall, wie er Untergang und Rettung der Welt verkündet, auch ein paar aufmüpfige Schüler zu Sitte und Anstand anhalten könnte. Und ob die elfjährige Dakota Flanning auch mit ihrer eigenen Stimme so ohne jede Kindlichkeit ist?
Ein Familienmensch
Steven Spielberg gilt als der Meister der Angst. Er ist aber auch ein Familienmensch, und in seinen Filmen macht er das vor allem in letzter Zeit sehr deutlich. Natürlich kann er nicht (ebensowenig wie Wells) vom Untergang der Welt erzählen, ohne daß er eine oder mehrere Figuren erfindet, die diesen Untergang an unserer Statt erleben und mit denen wir beben und um die wir fürchten müssen.
Warum es aber ausgerechnet Tom Cruise in der Rolle des nachlässigen und geschiedenen Vaters sein muß, den wir auf der Flucht mit seinen beiden Kindern begleiten, erklärt sich weniger aus dem Drehbuch, das in Ray Ferrier einen einfachen Dockarbeiter mit familiären Problemen entwirft, als aus der privaten Freundschaft zwischen Regisseur und Hauptdarsteller. Tom Cruise ist ein Superstar, seine Rolle ist der Held, vielleicht der Schuft. Alles andere nehmen wir ihm nicht ab. Gleich zu Beginn des Kriegs der Welten aber, als alles noch ruhig ist und nichts auf die Invasion von Außerirdischen hindeutet, sehen wir Cruise als Ray bei der Arbeit im Hafen. Was, fragt man sich, macht Tom Cruise auf einem Gabelstapler?
Auf Größeres gefaßt
Krieg der Welten hat also mindestens zwei Probleme, die Spielberg nicht weginszenieren kann. Das eine ist der Hauptdarsteller. Das andere ist sein fast ausschließlicher Fokus auf Ray und dessen beide Kinder, von denen das ältere irgendwann verschwindet, um erst am Ende wiederaufzutauchen. Wir sehen, wie eine zerrüttete Familie in der Gefahr zusammenwächst und wie Ray angesichts der außerirdischen Mächte zum erstenmal Verantwortung für seine Kinder übernimmt. Fast jeder Katastrophen- oder Invasion-der-Außerirdischen-Film erzählt eine solche Geschichte. Auch angesichts der gewählten Vorlage waren wir hier auf Größeres gefaßt. Nur wenn Spielberg sich darauf einläßt und seinen Blick schweifen läßt über die Welt, die gerade verschwindet, strahlt von der Leinwand plötzlich jene angsteinflößende Energie, die wir bei jedem Wiedersehen des Weißen Hais verspüren.
Ray ist es gelungen, nach dem ersten Angriff der dreifüßigen Zerstörungsmaschinen das einzige Auto zu stehlen, das noch fährt. Als er damit in einem Flüchtlingstreck steckenbleibt, ihm die Scheiben eingeschlagen werden, sich die Flüchtenden gegenseitig zu erschießen beginnen, um Kontrolle über das Fahrzeug zu erlangen, rücksichtslos auch gegenüber Rays Tochter Rachel, die auf dem Rücksitz sitzt und sehr laut schreit, wird in diesen Augenblicken erkennbar, welcher Film der Krieg der Welten hätte werden können - ein Film darüber, wie eine Gesellschaft von innen her zerbricht, während sie gleichzeitig von außen zerstört wird. Spielberg zeigt dagegen, wie sich Familienbande festigen, während die Welt in Flammen aufgeht.
Wie am 11. September
Welche Welt das ist, das zeigt er uns auch. Weißbestäubte Gestalten, die in langen Flüchtlingszügen die Straßen entlangziehen, das haben wir fast genau so am 11. September 2001 auf den Brücken New Yorks gesehen, Entkommene, die wie Gespenster eines No-Theaters aus der Unterwelt nach einem Ausweg suchen. Diese Gestalten, die wahrscheinlich jeder Zuschauer sofort in Zusammenhang mit den terroristischen Anschlägen bringt, sind nicht der einzige Hinweis Spielbergs auf die Wirklichkeit Amerikas heute.
Sind das Terroristen? fragt ein Passant Ray, der verneint. Oder Europäer?, was nicht weniger gefährlich klingt. Spielberg ist für seinen Witz nicht berühmt, und so bleibt diese Szene die einzige, bei der man lachen darf. Das ihr zugrundeliegende Gefühl aber ist keineswegs komisch: Die Außerirdischen kapern ein Land, das einen Angriff furchtsam erwartet und gegen ihn nicht gerüstet ist. Das trifft die subjektive amerikanische Befindlichkeit ziemlich genau.
Das glupschäugige Gesicht des Feindes
Am Ende sehen wir einen Außerirdischen sterben, wie bei Wells ganz banal infiziert von Bakterien oder Viren, gegen die er nicht gewappnet war, gerade so wie die Urbevölkerung einiger Kontinente, unter anderem des amerikanischen. Ein glibbriger Arm mit schmalen langen Händen fällt aus dem gepanzerten, reptilienförmigen Gehäuse, das die Stelzenbeine tragen, und jetzt blicken wir zum erstenmal in das glupschäugige Gesicht des Feindes, der das Maul aufreißt zu einem letzten Gähnen.
Orson Welles' berühmte Hörspielversion des Kriegs der Welten löste bekanntlich vor etwa einem halben Jahrhundert eine Massenpanik aus. Das sollte man anständigerweise von einem Film nicht erwarten. Doch ein bißchen mehr Angst und ein bißchen weniger Kinderweisheit, das hätten wir uns von Steven Spielberg schon gewünscht.
Text: F.A.Z., 29.06.2005, Nr. 148 / Seite 37
Bildmaterial: United International Pictures
