Video-Filmkritiken

Kino

Schöne Lügen: Herr Pitt und Frau Jolie als „Mr. & Mrs. Smith“

Von Peter Körte

Video in voller Größe

21. Juli 2005 Wo das Kino aufhört und das sogenannte wirkliche Leben beginnt, das ist oft gar nicht so leicht zu sagen, wie viele annehmen.

Man braucht sich nur Brad Pitt und Angelina Jolie anzuschauen, die vor der Kamera „Mr. & Mrs. Smith“ spielen und nun auch jenseits der Leinwand ein Paar sein sollen, sofern man all den bunten Blättern glaubt, die es aber auch nicht so genau wissen und deshalb immer wieder ein paar unscharfe Fotos drucken, auf denen die beiden samt Frau Jolies Adoptivsohn auf einer englischen Wiese stehen oder in Addis Abeba, wo Frau Jolie ein knapp einjähriges Mädchen adoptiert hat, was leider auch die Schwangerschaftsgerüchte gleich wieder zerstreut hat, die aufgekommen waren, als die Schauspielerin in einem Geschäft für Babybekleidung erwischt wurde.

Es gibt aber auch mißtrauische Menschen, die nicht an die Metaphysik der Liebe glauben, sondern an das physikalische Prinzip von Ursache und Wirkung. Denn die Gerüchte über eine Liaison der beiden Stars tauchten kurz vorm Kinostart von „Mr. & Mrs. Smith“ in Amerika auf, so wie auch Tom Cruise seine Liebe zu Katie Holmes vor aller Welt bekannte, als es allmählich Zeit wurde, für Steven Spielbergs „Krieg der Welten“ ein bißchen Promotion zu machen.

Ein Liebespaar - oder doch bloß ein Kinopaar?

Natürlich sind die Smiths ein ungleich schöneres Paar als der durch die Medien irrlichternde Scientologe und seine Katie, und womöglich haben sie sich ja auch aus Versehen wirklich ineinander verliebt, obwohl sie auf Anraten ihrer PR-Experten nur ein Liebespaar spielen sollten, und wollen der Welt durch ihr hartnäckiges Schweigen nun weismachen, sie seien doch bloß ein Kinopaar.

Es wäre ja nicht das erste Mal, daß so etwas in Hollywood passiert. In der Goldenen Zeit des Studiosystems sorgten die entsprechenden Abteilungen zunächst dafür, daß die Stars von morgen schon heute eingängige Namen bekamen und anschließend auch eine passende Biographie und ein Verhaltensdrehbuch, und so wie sich unliebsame Affären durch gute Kontakte zu den örtlichen Behörden vertuschen ließen, so ließen sich natürlich auch fiktive Romanzen erfinden und lancieren. Heute sind diese sogenannten Publicity Stunts eine weltweit verbreitete Inszenierungstechnik, weil auch Politiker, Rockstars und andere Prominenzen sich längst als Stuntmen ihrer selbst oder des Produkts, welches sie gerade verkaufen wollen, betätigen und weil es überall auf der Welt Medien gibt, welche die Stunts, über die sie berichten wollen, bisweilen lieber selber schaffen, anstatt auf sie zu warten.

Die Spekulationen haben dem Film nicht geschadet

Ist es für Brad Pitt nun eine unliebsame Affären oder eine fiktive Romanze? Welche Ursache nun im Falle „Brangelina“ - wie man die Phantombeziehung in Amerika getauft hat - welche Wirkung ausgelöst hat, wird man kaum in Erfahrung bringen; sicher ist nur, daß die Spekulationen dem Film nicht geschadet haben, der bislang weltweit 280 Millionen Dollar einspielte, und daß man sich „Mr. & Mrs. Smith“ gar nicht anschauen kann, ohne ständig die Zeitungs- und die Kinobilder zu überblenden oder nach Indizien zu suchen. Selten war der Ausdruck Projektionsfläche für eine Kinoleinwand zutreffender. Und wenn man sieht, wie die beiden einander küssen, schlagen, bedrohen und sogar beschießen, dann würde man gerne etwas von Chemie verstehen, um wissenschaftlich exakt benennen zu können, welche Reaktionen da vor sich gehen.

Auf jeden Fall knistert es, es zischt, es sprüht wie im Labor, und dazu paßt auch, daß das Drehbuch von einem jungen Autor namens Simon Kinberg als Abschlußarbeit an der New Yorker Columbia-Universität eingereicht wurde. Kinberg hat vermutlich viele Filme aus den dreißiger und vierziger Jahren studiert, von George Cukor, Frank Capra oder Leo McCarey, und ganz bestimmt „Trouble in Paradise“ von Ernst Lubitsch, in dem sich ebenfalls ein Gaunerpaar zusammentut. Und er hat das Untergenre der sogenannten Wiederverheiratungskomödien, welches damals sehr beliebt war, zeitgemäß aufpoliert, ohne die Grundregel zu verändern. Sie besagt, daß ein Paar sich bisweilen auseinanderleben, zerstreiten und notfalls auch quälen muß, weil es nur so herausfinden wird, daß es füreinander bestimmt ist.

Zerstörungslust im Besserverdienendenidyll

Deshalb beginnt „Mr. & Mrs. Smith“ beim Ehetherapeuten. Dieser Mann ist nur eine Stimme, und wir schauen Brad Pitt und Angelina Jolie ins Gesicht, die nebeneinander auf zwei bequemen Sesseln sitzen und beide sehr, sehr gut aussehen. Angelina Jolie ist manchmal so schön, daß man es kaum fassen kann, und vielleicht würde eine Kritikerin ähnliches über Brad Pitt sagen. Daß angesichts dieser Konstellation kein Marketing-Experte widerstehen kann, ist nur verständlich. In der Ehe der Smiths sieht es allerdings nicht ganz so gut aus: Sie sind beide Berufskiller, doch sie wissen nichts vom Beruf des Partners, obwohl sie sich vor fünf, sagt John, beziehungsweise sechs Jahren, sagt Jane, in Kolumbien in einer Situation kennengelernt haben, welche sie schon auf die eine oder andere Vermutung hätte bringen können.

Nun ist ihre Ehe fad geworden, auch wenn es ihnen an nichts fehlt. Sie leben in einem New Yorker Vorort, und vom Garten bis zur Einrichtung von Küche und Bad sieht alles so aus, wie vom besten und teuersten Garten- und Innenarchitekten gestaltet. Das angenehm Irritierende daran ist, mit welcher Zerstörungslust der Film sich diese Besserverdienendenidylle vornimmt. Der Kühlschrank wird zum Kugelfang, die Küche zum Schlachtfeld und das Haus zum Trümmerhaufen, und als sei das noch nicht genug, wird der Showdown in ein gehobenes Einrichtungshaus namens „homemade“ verlegt, wo Gelegenheit besteht, noch einmal eine teure Einbauküche zu zerlegen und die Gartenabteilung gleich dazu.

Handlungslöcher und Schlampereien


Man kann nun aber leider nicht behaupten, daß dieser antibourgeoise Affekt sonderlich viel bedeutete; das Drehbuch braucht ihn, um möglichst viel in die Luft fliegen zu lassen und einem augenzwinkernd zu erzählen, wie genervt das Paar ist, als es bei den Nachbarn eingeladen ist und eine Mutter Mrs. Smith für ein paar Minuten ihr Baby in die Hand drückt.

Regisseur Doug Liman, der immerhin Filme wie „Swingers“ oder „The Bourne Identity“ gemacht hat, kann das zwar mit viel Furor und Anflügen von Sarkasmus inszenieren, aber man hat den Eindruck, er wisse auch nicht so recht, wie am Ende alles zusammenpassen soll. Da konzentriert er sich lieber aufs Gedruckte. Er verläßt sich auf die Reißbrettkonstruktion des Drehbuchs und vertraut darauf, daß man die Handlungslöcher und die kleineren Schlampereien in den Actionszenen schon deshalb übersieht, weil man ständig Angelina Jolie und Brad Pitt sieht.

Die Konstruktion verlangt, daß den beiden ihre schönen Lügen bald um die Ohren fliegen. Sie werden, nachdem sie ein paar Szenen aus ihrem Arbeitsalltag vorgeführt haben, von ihren Auftraggebern auf dieselbe Zielperson angesetzt. Natürlich geht das schief, und als sie jeweils die Identität des anderen herausgefunden haben, ist der Ehetherapeut erst mal arbeitslos. Der Rosenkrieg beginnt, doch weil der Film eine Freigabe für Kinder ab zwölf Jahren bekommen mußte, hört die Choreographie der Leidenschaft abrupt auf, wo sie von Schüssen zu Küssen und von Schlägen zum Sex übergehen, obwohl genau das wohl ein reizvolles Ballett geworden wäre.

Worte sind vergleichsweise nutzlose Waffen

Sie gehen gemeinsam auf die Flucht, und bei dieser Gelegenheit beweist Doug Liman nicht nur, daß er eine gute Verfolgungsjagd inszenieren kann; er hat, ganz nebenbei und absichtslos, einen sensationellen Werbespot für einen bestimmten Van abgeliefert, der über eine Heckklappe und Schiebetüren auf beiden Seiten verfügt, was ganz erstaunliche Möglichkeiten eröffnet.

Was dann am Ende passiert, kann sich jeder selber denken. Es ist auch nicht weiter wichtig, weil man sich ganz gut amüsiert hat und noch mehr amüsiert hätte, wenn der Film zwanzig Minuten kürzer ausgefallen wäre und nicht so achtlos sein Potential verschleudert hätte. Die Dialoge der beiden sind zwar nicht schlecht, doch Worte sind hier vergleichsweise nutzlose Waffen, und wenn man das ganze elektronische Equipment sieht, mit dem sie hantieren, dann wäre es dem Film besser bekommen, nicht bloß einen Laptop aufzuklappen, wenn es ein dramaturgisches Problem gibt, sondern die Story mit Sophistication, Wortwitz und so klaren, simplen handwerklichen Lösungen wie bei Lubitsch oder Cukor stimmig zu machen.

Auf diese Weise hätten sich auch aus dem ziemlich vernachlässigten Subtext mehr Funken schlagen lassen: daß nämlich Mrs. Smith smarter, agiler und einfach besser in ihrem Job ist als Mr. Smith. Davon hätte bestimmt auch die „Brangelina“-Berichterstattung profitiert.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.07.2005, Nr. 28 / Seite 21

 
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