Von Verena Lueken
29. Februar 2008 Der Sheriff erzählt. Er erzählt, dass er die alten Geschichten gern hört von den Männern früher und dass man gar nicht anders kann, als sich mit ihnen zu vergleichen. Erzählt, wie er einmal einen Jungen festgenommen hat, der dann in die Gaskammer geschickt wurde, einen Jungen, der eine Vierzehnjährige ermordet hatte in einem Verbrechen aus Leidenschaft, wie die Zeitungen damals schrieben, der ihm aber gesagt hatte, dass Leidenschaft nun gar nichts damit zu tun hatte.
Er habe einfach jemanden umbringen wollen, solange er sich erinnern könne, und er wisse, dass er zur Hölle fahren werde, ungefähr in fünfzehn Minuten, nachdem der Sheriff ihn zum letzten Mal sah. Der Sheriff weiß nicht, was er von dieser Geschichte halten soll, und von den Verbrechen, mit denen er es jetzt zu tun hat, weiß er es auch nicht so genau. Man muss bereit sein, zu sterben in seinem Job, das ist ihm klar, und zu kämpfen, so viel steht fest. Aber wofür? Man müsste seine Seele aufs Spiel setzen und sagen: Okay, ich bin Teil dieser Welt. Der Sheriff will aber in Rente gehen.
Wir ahnen, was uns erwartet
Mit diesem Monolog, den Tommy Lee Jones in einem weichen Texasgenuschel aus dem Off über die Bilder der Prärie an der Grenze zu Mexiko legt, in der nichts zu geschehen scheint, als dass die Sonne blutrot aufgeht, beginnt No Country For Old Men. Es sind die achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, und wir ahnen, was uns erwartet. Ein melancholischer Erzähler, der alles gesehen hat, was Menschen einander antun, und der um seine Gedanken dazu nicht viele Worte macht. Wahrscheinlich sehr viel Blut, so wie der Himmel leuchtet, so todtraurig, wie der Sheriff klingt. Und so kommt es auch, sofort.
Ein Häftling, Anton Chigurh, reißt dem Polizisten, der ihn verhaftet hat, mit der Kette zwischen seinen Handschellen die Schlagader aus dem Hals. Und als es vorbei ist, sehen wir nicht nur den Blutsee, sondern auch die Stiefelspuren des Kampfes auf dem Linoleumboden, ein Todesgekrakel schwarz auf weiß. In der Prärie hat unterdessen Llewelyn Moss (Josh Brolin), der Antilopen jagen wollte, ein paar Autos entdeckt und viele Leichen - Zeugnis und Rest eines Drogengeschäfts, das danebenging. Er findet die Drogen, und er findet den Koffer mit dem Geld. Die Drogen, eine Ladefläche voll, lässt er liegen. Den Koffer nimmt er mit. Damit verbinden sich die Geschichten, und der Sheriff, Anton Chigurh und Llewelyn Moss werden Teil einer großen Erzählung von Rache, von Müdigkeit, vom Willen zum Glück und vom amerikanischen Westen, der diese Energien und ihr Verschwinden immer noch nährt.
Oft selbstreferentiell und kalt
Die Brüder Coen sind großartige Drehbuchautoren, mit einem genauen Ohr dafür, wie unterschiedlich Menschen sprechen, je nachdem, woher sie kommen, was sie tun - das wissen wir seit ihrem ersten Film, Blood Simple, bei Fargo hat die Academy das mit ihrem ersten Drehbuch-Oscar gewürdigt, und das hat sich auch in den vergangenen Jahren, in denen ihre Filme (ihr Remake von Ladykillers etwa) oft selbstreferentiell und kalt wirkten, nicht geändert.
Die Dialoge in No Country For Old Men haben dieselbe Qualität, das lokale Idiom, die verknappten Sätze, die verkürzt entwickelten Pointen. Aber sie stammen fast ausschließlich von Cormac McCarthy, dessen gleichnamiges Buch (aus dem Jahr 2005) die Coens hier verfilmt haben. Wobei man sagen muss, dass der Film, auch wenn der Wortlaut der Dialoge meist von dort ins Drehbuch gehievt wurde, besser ist als das Buch - was bei einem Autor wie McCarthy wahrlich nicht selbstverständlich ist, wenn wir uns an Billy Bob Thorntons Verfilmung von All the Pretty Horses erinnern. Ridley Scott arbeitet gerade an einer Verfilmung von Blood Meridian und der Australier John Hillcoat an einem Film nach McCarthys jüngstem Roman, The Road. Sie werden sich an diesem Film der Coens messen lassen müssen, wenn es darum geht, ob das Werk eines Schriftsteller, dessen Prosa so gewaltige Bilder evoziert, wie McCarthy das tut, auf der Leinwand eine zweite Heimat finden kann.
Frauen sind ausgeschlossen
No Country For Old Men ist ein extrem verlangsamter Thriller, der nie seine Spannung verliert, der uns spektakuläre Verfolgungsjagden gibt und Schießereien, der vom Suspense lebt wie von den Landschaften und den drei Typen, um die es geht. Frauen sind weitgehend aus McCarthys Universum ausgeschlossen, aber der Film gibt Carla Jean Moss (Kelly Mcdonald) ein paar denkwürdige Auftritte. Sie verweigert (anders als im Roman) das Spiel um ihr Leben, das Chigurh mit all seinen Opfern spielt, indem er eine Münze wirft und sie Kopf oder Zahl raten lässt; sie stellt sich als Einzige gegen seine irre Schicksalslogik, in der er als Arm Gottes die Verdammten zu richten scheint.
Javier Bardem spielt diesen wahnsinnigen Killer, der nie die Stimme hebt, mit einer Gefährlichkeit, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und obwohl auch er nur hinter dem Geld her ist, läuft er wie der apokalyptische Rächer durch den Film mit einer Waffe - einem Bolzendruckluftgerät -, wie sie im Kino noch nie zum Einsatz kam.
Archaische Wucht
Man kann mit den Mythen des Westens ja alles Mögliche machen, kann sie in Weihrauch tauchen, sie rekonstruieren, dekonstruieren oder auferstehen lassen, als sei nichts geschehen seit 1880. Die Coens machen etwas anderes - sie lassen uns zuschauen, wie mit archaischer Wucht noch einmal um alles gekämpft wird, worum es immer ging, und sie zeigen uns Figuren, aus denen wurde, was sie sind, weil sie sich in dieser Landschaft herumtreiben, einer Landschaft, die hart zu den Leuten ist, wie Sheriff Bell (Tommy Lee Jones) einmal sagt. Und die der Kameramann Roger Deakins erst in ruhigen Totalen, dann durch das Zielfernrohr eines Gewehrs genau in dieser Härte zeigt, abweisend und leer.
Und zum ersten Mal hat man bei einem Film der Coens den Eindruck, dass es in ihm um etwas anderes geht als das Kino, seine Gesetzmäßigkeiten und seine Definitionsmacht, die Essenz an Erfahrung nämlich, die den Kinobildern einst vorausging. Man kann das düster nennen. Richtiger ist es zu sagen, dies ist der Beginn eines reifen Werks.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Universal
