Video-Filmkritiken

Kino

Kino als Kraftwerk: „Der wilde Schlag meines Herzens“

Von Peter Körte

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21. September 2005 Normalerweise ist das Transatlantikgeschäft im Kino eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Hollywood exportiert seine Filme und kauft schon mal die Remakerechte an einem französischen Film, und die Franzosen erkennen ihn hinterher nicht mehr wieder.

Diesmal ist es umgekehrt. Ein französischer Regisseur dreht das Remake eines amerikanischen Films. 27 Jahre später. Und er wählt sich ausgerechnet „Fingers“, der damals mit dem Zusatz „zärtlich und brutal“ in Deutschland lief; einen Film von James Toback, dessen wildes, exzessives Leben und Filmen zur typischen Pose der siebziger Jahre erstarrt ist; einen Film wie ein böser Trip, auf dem Harvey Keitel sich als Sohn eines Mafioso in Bachs Toccata in e-Moll versenkt und die Akteure ständig auf Drogen sind.

Mehr Merz als Keitel

Der Regisseur, der in seinen roten Kniestrümpfen und der roten Krawatte zum weißen Hemd und dunkelblauen Anzug eher an Friedrich Merz als an Harvey Keitel erinnert, der ein schnelles, sehr pariserisches Französisch spricht und sich gar nicht erst anstrengt, die Worte Keitel, Toback und Fingers englisch auszusprechen, dieser Jacques Audiard bemüht sich im Gespräch um eine deutliche Distanz zwischen Remake und Vorlage: So brillant sei „Fingers“ ja nun auch nicht, Keitels Psychopathenrolle habe ihn gar nicht angezogen, der Film sei stark gealtert, und sein Koautor habe sich, als er „Fingers“ das erste Mal gesehen hatte, erregt, der Film sei „von einem Idioten gedreht und von einem Analphabeten geschrieben“.

Warum hat er ihn sich dann überhaupt ausgesucht? Der 53jährige Audiard, der 1978 alt genug war, um anfällig für „Fingers“ zu sein, und heute alt genug ist, um über „die wilden Posen“ zu lächeln, schlängelt sich durch ein paar gewundene Sätze, um zu erklären, daß der Film „ziemlich beeindruckend“ sei, immer noch, und schließt mit einem halben Widerruf: „Ohne es zu wissen, hat Toback eine gute Intuition gehabt.“

Zuneigung oder Brutalität?

Das gehört wohl zum französisch-amerikanischen Kinoverhältnis: unvermeidlich, aber nicht unbedingt überzeugend. Denn Jacques Audiard hat einfach etwas getan, was man mit einem Filmstoff tun kann und was mit einer Bach-Partitur so ohne weiteres nicht geht. Er hat sich genommen, was ihm gefiel, die Toccata natürlich auch, und er hat daraus einen Film gemacht, der sich gegenüber dem Original so verhält wie der Sohn gegenüber dem Vater im Film: mit einer Zuneigung, die manchmal schwer von Brutalität zu unterscheiden ist.

Man kann auch behaupten, daß die Geschichte danach verlangt. Denn solange man sie nur liest und nicht auf der Leinwand sieht, so lange klingt sie sehr bemüht. Ein junger, rücksichtsloser Pariser Immobilienmakler, der mit seinen Kollegen in Häusern Ratten aussetzt, damit die Bewohner ausziehen, der zu Hemd und Krawatte eine Lederjacke trägt und bisweilen wie eine Handgranate wirkt, die bereits entsichert ist, dieser Mann sieht eines Abends auf der Straße einen Konzertagenten, der für seine verstorbene Mutter, eine Pianistin, tätig war. Er beschließt, sich wieder ans Klavier zu setzen und für einen Vorspieltermin zu üben. Und sobald der Film begonnen hat, reißt er einen mit in diese Geschichte, die Unruhe der Handkamera nimmt die nervösen, ruhelosen Bewegungen Toms auf, und die Montage spitzt die Kontraste zu: zwischen seiner Ungeduld, Herablassung, seinem halbkriminellen Geschäftsgebaren - und der Ruhe, Strenge und Unbeirrbarkeit der chinesischen Pianistin, die kein Wort Französisch spricht und ihm Klavierstunden gibt.

Aggression als guter Rat unter Männern

„Der wilde Schlag meines Herzens“ ist jedoch zugleich ein Film über Väter und Söhne. Im Prolog unterhalten sich Tom und ein Kollege darüber, wie Söhne gewissermaßen zu Vätern ihrer Väter werden können, wenn diese alt und krank sind. Toms Vater (Niels Arestrup) ist ein weißhaariger, verlebter Mann mit viel zu langen Haaren, viel zu gelbem Sakko, ein bißchen schmierig, fast schon verwahrlost, und wie seine Immobiliengeschäfte aussehen, das möchte man lieber auch nicht wissen. Der Vater behandelt Tom wie einen Angestellten, Tom begegnet ihm mit Gereiztheit, aber er kann sich seinen Erwartungen nicht entziehen. Wenn er ins Restaurant kommt und der Vater ihn einer jüngeren Frau vorstellt, die er heiraten will, wenn Tom widerwillig die Kopfhörer von den Ohren nimmt, nervös mit den Fingern auf den Tisch trommelt, dann rüde mit der Frau spricht, als der Vater kurz verschwindet, um dem Vater schließlich beim Abschied zu sagen: „Laß es sein, sie ist eine Nutte“, dann ist in dieser knappen Szene alles gesagt: Fürsorge maskiert sich als Abschätzigkeit und Aggression als guter Rat unter Männern.

Audiard hat dabei eine Form gefunden, in der all diese Widersprüche und Konflikte sich bewegen können. Er hat die Stadt Paris durch die zahlreichen Nah- und Großaufnahmen der Gesichter fast ausgesperrt aus den Bildern, die Farben sind schmutzig, die Straßen und Cafes könnten irgendwo sein, er hat im Immobiliengewerbe ein Milieu, in dem legale und kriminelle Handlungen nahtlos ineinander übergehen, gefunden und in Romain Duris, den man als harmlosen Austauschstudenten aus „L'auberge espagnole“ kennt, einen Hauptdarsteller, den man gar nicht mit Harvey Keitel vergleichen muß - er hat eine Ausstrahlung, eine Intensität des Blicks und eine Körperspannung, deren Wirkung man sich nicht entziehen kann, wenn man ihm nur fünf Minuten zuschaut. Und so erzählt Audiard die Geschichte ganz konsequent aus Toms Perspektive, er überträgt sein Temperament in die Montage und seine Zerrissenheit in ihren Rhythmus.

Gewalttätige Zäsur

Der Film ist ein einziges Kraftwerk. Fortwährend verwandelt er eine hohe Energiemenge in andere Aggregatzustände. Die Aggressivität, die Tom vorantreibt, wird ohne Verlust umgewandelt, sobald er am Klavier sitzt. Sie bricht als Wut über seine langsamen Fortschritte wieder auf, sie fließt zurück in sein manisches Übungspensum, sie läßt ihn eintauchen in die Welt von Brahms und Bach wie einen Turmspringer ins Wasser, um ihn wieder herauszureißen auf die Straße, in den Sound von Electrocute, der in den Kopfhörern hämmert.

Alles oszilliert zwischen zwei Welten, zwei unvereinbaren Leben, und alles mündet in eine gewalttätige Zäsur und ein Leben, das neuer aussieht, als es ist. Und wenn Audiard im Interview sagt, ihn interessierten Figuren, die sich veränderten, dann klingt das zwar trivial und blaß, aber wenn man es auf der Leinwand gesehen hat, dann begreift man auch, daß der Unterschied zwischen „Dem wilden Schlag meines Herzens“ und dem Herzstillstand, den der Originaltitel „De battre mon coeur s'arrete“ benennt, bisweilen minimal ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.09.2005, Nr. 37 / Seite 30
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Concorde, teaser

 
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