Von Michael Althen
19. August 2004 Jim Jarmusch ist ein Mann für letzte Zigaretten. Als Wayne Wang und Paul Auster Blue in the Face drehten, baten sie ihren Kollegen für einen kleinen Auftritt in Harvey Keitels Tabakladen dazu. Jarmusch kommt also herein und bittet Keitel, mit ihm zusammen seine letzte Lucky Strike zu rauchen. Und dann fängt er an zu erzählen, wie er als Zehnjähriger heimlich angefangen hat, weil ihn Richard Conte in dem Kriegsfilm Landung in Salerno so beeindruckt hat, und wie affektiert die Nazis in jenen Filmen ihre Zigaretten zwischen den Fingern hielten, und er redet und redet und dreht und wendet seine letzte Zigarette, und wenn er sie dann endlich raucht, hat er tausend Gründe genannt, warum das Leben mit Zigarette schöner ist als ohne.
Die Geschichte hat nicht wirklich eine Pointe, aber das ist auch bei Jarmusch selbst nicht wirklich wichtig, denn eigentlich geht es auch bei ihm immer um das Geräusch, mit dem die größten Gesten einfach verpuffen. Oder darum, wie sich die kleinen Gesten ganz unwahrscheinlich aufplustern. Kurz, seine Domäne ist das Mißverhältnis zwischen den großen und kleinen Gesten des Lebens, zwischen dem, was wir aus dem Kino kennen, und dem, was der Alltag für den einzelnen bereithält. Und jedesmal macht es einfach nur Puff.
Coffee and Cigarettes besteht aus einer Reihe von Kurzfilmen, die Jarmusch in den Pausen zwischen seinen Spielfilmen gedreht hat, Abfallprodukte seiner Fabulierlust, Fußnoten zu seinen Großprojekten, Episoden, die genauso gut auch in seinen Langfilmen hätten landen können, wenn es sich gefügt hätte. Die erste Episode machte schon 1986 Furore, weil Roberto Benigni darin eine Tasse Kaffee nach der anderen herunterstürzt und am Rande des Nervenzusammenbruchs noch schlechter Englisch spricht als ohnehin schon.
Jarmuschs Kino: eine Welt, in der jeder jeden kennt
Und so ging es über die Jahre weiter: Steve Buscemi als Kellner, der zwei Zwillingen weiszumachen versucht, daß der böse Bruder von Elvis an allem schuld war; Tom Waits und Iggy Pop, die mit dem Rauchen aufhören wollen, um gleich wieder damit anfangen zu können; Cate Blanchett in einer Doppelrolle; Jack und Meg White dozieren über die Tesla-Spule; Alfred Molina und Steve Coogan als neidische Schauspieler; GZA, RZA und Bill Murray diskutieren über alternative Medizin und die Schädlichkeit von Koffein; und Taylor Mead schwärmt von Gustav Mahler und schläft selig ein. Puff!
Jim Jarmuschs Kino ist eine Welt, in der jeder jeden kennt. Wenn Bill Murray mit Schürze und Kochmütze auftaucht, dann geht es nicht darum, daß er in der Rolle des Kochs aufgeht, sondern die Besetzung zielt darauf, daß man Bill Murray erkennt und darüber lacht, wie er mit Schürze und Kochmütze aussieht. Alle sind bei Jarmusch eine große Familie, und wer an den Tisch gebeten wird, gehört dazu. Von der augenzwinkernden Übereinkunft, daß man die Geschichten als Inszenierung durchschaut, leben seine Filme. Einfacher Aufbau, zwei Leute, ein Tisch, man hat sich nichts zu sagen, aber redet trotzdem, manchmal nervt die Bedienung, und am Ende ist man so klug wie zuvor. Im Kino des Jim Jarmusch ist alles möglich - und nichts passiert.
Die Hierarchien der Wahrnehmung verschoben
Wenn man den Ausdruck bestimmen müßte, mit dem uns seine Filme entgegentreten, dann erinnern sie am ehesten jemanden, den man aus dem Schlaf gerissen hat und der eine Zeitlang verständnislos in die Welt blinzelt, ehe im die Augen wieder zufallen und er sich in vertrautere Gefilde zurückzieht. Der Blick, mit dem seine Filme dem Betrachter begegnen, scheint aus einer traumverlorenen Welt zu kommen, in der die Hierarchien der Wahrnehmung verschoben sind und keine wie auch immer gelagerte Eigenart Aufsehen erregt.
Man ist dem Lauf der Ereignisse mit einer gewissen Ohnmacht ausgeliefert; die damit verbundene Beunruhigung dringt kaum je an die Oberfläche des Bewußtseins, sondern flüchtet sich in ein Einverständnis mit dem Stand der Dinge, das für Momente alles klarer erscheinen läßt. Im Grunde macht Jarmusch Schildkrötenkino: Sobald man nach einem tieferen Sinn fragt, zieht sich der Kopf in seinen Panzer zurück.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 35
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2004
