Video-Filmkritiken

Heldinnen

Eine von uns

Von Jörg Thomann

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Video-Kritik: Potente, Damon in "Die Bourne Identität"

25. September 2002 Der Film, in dem Franka Potente ihre erste richtige Hollywood-Hauptrolle spielt, hat zunächst einmal einen fürchterlichen Titel. Und das gerade deshalb, weil man ihn direkt aus dem Englischen übersetzt hat: Aus „The Bourne Identity“ wurde „Die Bourne Identität“.

Wer nicht weiß, dass es sich bei Bourne um einen Namen handelt, könnte dieses Wort vielleicht mit „Born“ verwechseln und das „Die“ englisch aussprechen. Was gar nicht so abwegig wäre, weil es in dem Film sowohl ums Sterben als auch um eine Art Wiedergeburt geht. Spätestens, wenn man dann aber zur „Identität“ kommt, hat man sich im deutsch-englischen Sprachgewirr verheddert. Hätten sie nicht wenigstens, wie es korrekt wäre, zwischen „Bourne“ und „Identität“ einen Bindestrich setzen können?

So ist es eben, wenn ein Verleih werkgetreu sein möchte. Wäre man danach gegangen, wie sich der Film hierzulande am besten verkaufen ließe, dann hätten sich zahlreiche andere Titel angeboten: „Lola rennt nach Hollywood“ zum Beispiel. Oder „Unsere Franka in Amerika“. Möglicherweise auch „Die Potente-Identität“. Mindestens der erste dieser Titel, vielleicht aber auch alle drei wurden von deutschen Journalisten für ihre Franka-Potente-Porträts und -Interviews herangezogen, die man in den vergangenen Tagen überall lesen, sehen und hören konnte. Deutschland, zumindest aber seine Medien, sind im Franka-Fieber.

Die Deutschen in Hollywood

Es kommt schließlich selten genug vor, dass man in amerikanischen Filmen deutsche Schauspieler sehen kann. Meist sind ihre Auftritte so kurz, dass man Gefahr läuft, sie zu verpassen, wenn man kurz mal aufs Klo geht, und manchmal sind sie nichts weiter als ein PR-Gag, der Film wie Darsteller in Deutschland nach vorn bringen soll - ohne dass der Betreffende ernsthafte Chancen auf eine Hollywood-Karriere hätte: Feldbusch, Stahnke, Gottschalk heißen die abschreckendsten Beispiele. Und jemand wie der Muskelmann Ralph Möller mag in Hollywood zwar passable Rollen in erfolgreichen Filmen wie „Gladiator“ bekommen, ist in seinem Geburtsland aber immer noch zu unbekannt, als dass er uns wirkliches Identifikationspotential böte.

Ganz anders Franka Potente. Ihre Laufbahn haben wir von Anfang an verfolgen können. Wir haben erlebt, wie sie in „Nach fünf im Urwald“ gegen ihre Eltern rebellierte, begleiteten sie, die Taubstumme in „Bin ich schön?“, auf eine sprach- und ziellose Reise durch Spanien, litten mit ihr in „Der Krieger und die Kaiserin“. Und natürlich verfolgten wir gebannt ihre verzweifelten Versuche, als rennende Lola das Leben ihres Freundes zu retten. Was auch immer sie tat, wir waren dabei, und sowohl in ihren Filmen als auch in ihren Interviews gab sie uns das Gefühl, eine von uns zu sein, die kleine Schwester oder gute Freundin. Geboren in Münster, Abitur in Dülmen, Uni in München: ein typischer deutscher Lebensweg. Mit dem Unterschied, dass wir anderen so typisch geblieben sind, während sie zum internationalen Filmstar avancierte - und Johnny Depp und Elijah Wood küsste. Darauf aber hätten wir eigentlich auch gar keine Lust.

Schüsse aus dem Hinterhalt

In „Die Bourne Identität“ spielt Franka Potente abermals die Rolle, in der wir sie so schätzen: eine von uns. Marie heißt sie, Marie Kreutz, und als wir sie erstmals treffen, ist sie in der US-Botschaft in Zürich, um nachzuhaken wegen ihres Visums. Marie ist eine perfekt Englisch sprechende Globetrotterin, unkompliziert, spontan, alternativ bis hippiesk gekleidet, doch bodenständig und zielstrebig. Marie ist unser Verbindungsglied in eine Filmwelt, die uns völlig fremd ist, obzwar wir sie alle kennen - aber eben nur aus dem Kino. Es geht um Auftragskiller und zwielichtige CIA-Größen, korrupte Politiker und schillernde afrikanische Diktatoren, um Verfolgungsjagden, Nahkämpfe und Schüsse aus dem Hinterhalt. Eine Welt, geschaffen vom jüngst verstorbenen Robert Ludlum, einem Meister des Spionageromans, und dem Filmregisseur Doug Liman.

Die zentrale Figur heißt Bourne, Jason Bourne. Oder auch nicht. Der Held nämlich ist aus dem Mittelmeer gefischt worden, mit zwei Kugeln im Rücken, aber ohne Gedächtnis. Bourne lautet der Name in seinem Pass, was aber nicht weiterhilft, weil der Unbekannte, gespielt von Matt Damon, über einen ganzen Haufen von Pässen verfügt. Und dazu, wie er zu seiner Verwunderung feststellen muss, über antrainierte Fähigkeiten, die ihn zu einer wahren Kampfmaschine machen. Die ersten, die dies erfahren müssen, sind zwei bedauernswerte Schweizer Polizisten.

Heldin ohne Minirock

Matt Damon hat den richtigen muskulösen Körper, um den Actionhelden zu geben, während sein biederes Jungengesicht glaubhaftes Erstaunen zeigt über das, was sich da in seinem Inneren verbirgt. Auf der Suche nach seiner wahren Identität durchreist Bourne, gefährliche Verfolger in seinem Nacken, halb Europa. Und stößt dabei eben nicht auf eine der üblichen Hollywood-Beauties, die trotz Minirock und Stöckelschuh plötzlich ebenso schlagkräftig auftreten wie der Mann an ihrer Seite, sondern auf Franka Potente. Ihre Marie leidet fast körperlich mit, wenn sich Bourne mit einem Killer eine Hollywood-Prügelei liefert, und als sie Zeugin wird, wie jemand zu Tode kommt, muss sie sich übergeben. Eine Szene, die sich Potente, wie sie in den Interviews betont, selbst gewünscht hat.

Und weil Marie so anders ist als die meisten Actionheldinnen und -helden, muss sich ihr Begleiter für die obligatorische Autojagd ans Steuer ihres alten, knallroten Cooper Mini setzen - welcher sich tapfer schlägt und in den engen Gassen von Paris sogar seine Vorteile hat. Solche kleinen Abweichungen machen den Reiz eines Thrillers aus, der nach fulminant mysteriösem Auftakt allzu rasch in altbekannte Bahnen gerät. Im Vergleich mit „Die Bourne Identität“, hat Franka Potente in der ihr eigenen Offenheit bekannt, sei „Lola rennt“ sicher der bessere Film. Durchaus spannend und unterhaltsam ist der Agententhriller trotzdem.

Auf Spuren Sandra Bullocks

Und wir fragen uns natürlich, wie es nun weitergeht mit unserer Franka. In den USA war der Film ein Kassenschlager, und was Franka Potente betrifft, so zeigten sich die amerikanischen Kritiker leicht irritiert, doch voll des Lobes: Erfrischend sei ihr Auftreten, bemerkenswert natürlich ihre Schönheit. Sie spiele eine Rolle, schrieb die „New York Times“, wie sie „vor ein paar Jahren Sandra Bullock hätte spielen können“. Die heute bekanntlich ein Weltstar ist. Sollte die Hollywood-Karriere aber nur von kurzer Dauer sein, so wollen wir Franka Potente wenigstens wünschen, dass all die Liebe, die sie bei uns gerade erfährt, nicht schon bald in die übliche Häme umschlägt. Wir Deutschen mögen zwar nicht über viele Hollywoodstars verfügen, an abgestürzten Talenten aber herrscht bei uns kein Mangel.



Text: @jöt
Bildmaterial: UIP

 
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