Video-Filmkritiken

Film der Woche

Kraft der Bilder: "Heaven"

Von Swantje-Britt Koerner, Berlin

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Von der unerklärlichen Macht der Liebe: Tom Tykwers "Heaven"

20. Februar 2002 „Heaven“, Tom Tykwers Eröffnungsfilm der 52. Internationalen Berlinale, ist von seinem Ende her zu denken: Ein Helikopter wird im Himmel versenkt, während unten, auf toskanischem Boden, die Carabinieri ihre Kugeln auf ihn abfeuern. Die Liebenden im gekaperten Flugschiff entziehen sich der Deutung nach irdischem Maß; weder sterben sie vor unseren Augen und sühnen damit ihr Unrecht auf Erden, noch leben sie wirklich weiter in einer gnadenlosen Welt, die ihrer Liebe keinen Raum mehr geben würde.

Mit einem traumschönen Bild entlässt der Regisseur sein Publikum ins Licht der Straße. Tykwer hat eine beklemmende und zugleich wundervolle Intensität erreicht: Cate Blanchett, die Australierin in diesem europäischen Setting nach einem polnischen Drehbuch aus den Händen des 1996 verstorbenen Regisseurs Krzysztof Kieslowski und dessen Co-Autor Krzysztof Piesiewic, Cate Blanchett, vor allem ihr Gesicht, ist eine Offenbarung.

Fassungslosigkeit in Zeitlupe

In der Rolle der Englischlehrerin Philippa, die einen Heroindealer töten will und stattdessen eine unbeteiligte Familie zerbombt, kehrt Blanchett das Innerste ihrer Figur nach außen, die Spuren einer unerhörten seelischen Verwundung. Während sie im Verhör langsam begreift, dass sie, die weitere Drogenopfer schützen wollte, selbst zur Täterin an Unschuldigen geworden ist, entgleist ihr Gesicht in Zeitlupe in eine Fassungslosigkeit, die so unmittelbar ans Herz rührt, dass der Zuschauer vor Mitleid mitverzweifeln möchte.

Filippo, der junge Carabinieri, der sich für die vorübergehende Rettung Philippas aus den Klauen der korrumpierten Polizei einsetzt, wird über Nacht von der Liebe heimgesucht. Er macht ins Bett. Fassungslos, hilflos und doch mit konzentrierter Bestimmtheit organisiert er seine Flucht. Der Italo-Amerikaner Giovanni Ribisi, der mit Cate Blanchett auch in „The Gift“ zusammen spielte, wendet das in seiner Modellierung und Reinheit an italienisches Quattrocento erinnernde Gesicht zur Geliebten hin, als gäbe es keine Deutungen mehr außerhalb des einen, unteilbaren Gefühls.

Als Filippo und Philippa die aus der Vogelperspektive, also vom Himmel aus wahrgenommene, reißbrettartig gerasterte Stadt Turin durch einen langen dunklen Tunnel Richtung Land verlassen, wenden sich nicht mehr nur ihre Gesichter, sondern auch ihre Körper einander zu - die hügelige, organisch anmutende Topographie ist Sinnbild ihres seelischen, nun sanfteren Gemütszustandes. Die Beiden finden sich allmählich als Paar in einem nun einsetzenden Road-Movie mit „himmlischem Ausgang“.

Ein unfassliches Ereignis

Wäre es nicht Tom Tykwer, der hier in einer internationalen Koproduktion von berufenen Seiten unterstützt wurde - die ins Metaphysische spielende Geschichte wäre vielleicht nicht auszuhalten. Aber der meisterliche Regisseur verschärft aufs Beste seine eigene Handschrift, die sich des Themas der unmöglich möglichen Liebe nun schon mehr als einmal angenommen hat. Und mit geübten Schauspielern aus dem Übersee-Kino, die dank seiner Sensibilität ihr Innerstes nach Außen wenden, gelingt Tykwer eine Fusion aus Thriller, Lovestory und moralischem Drama, die keine dieser Einordnungen verdient und auch nicht als erster, unvollendeter Teil der Kieslowskischen Trilogie missverstanden werden kann.

Es liegt eine Art rührender Unschuld in dieser Regiearbeit, die sich des originären Drehbuchs mit großer Übersetzungssorgfalt angenommen hat und wohl auch deshalb etwas so Stoffliches hervorbringt, das in seiner beklemmenden Intensität der Dogma-Hand Lars von Triers ähnelt. Diese Unschuld ist nicht peinlich, sondern erzählt uns die Liebe wie sie ist: als unfassliches Ereignis.



Text: @koe
Bildmaterial: AP, dpa, FAZ.NET, X-Film

 
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