Von Claudius Seidl
19. Januar 2005 Zu den großen unerzählten Geschichten des vergangenen Jahrhunderts gehört die Geschichte von Linda Porter, geborene Lee, geschiedene Thomas, die eine der schönsten, klügsten und elegantesten Frauen ihrer Epoche gewesen sein soll. Es wäre dies eine Liebesgeschichte, die aber mit ziemlich wenig Liebe und sehr viel Geld beginnen würde, dem Geld von Edward Russel Thomas, Linda Lees erstem Mann, der aus einer ultrareichen Verlegerfamilie stammte und ein brutaler Mensch gewesen sein muß, ein Mann wie Tom Buchanan im Großen Gatsby, rücksichtslos, selbstsüchtig und so vernarrt ins Autofahren, daß der erste Verkehrstote in Amerika auf seine Kosten ging.
Als Linda Lee sich scheiden ließ im Jahr 1912, war sie selber eine reiche Frau, und weil sie es vorzog, in Paris zu leben, waren ihre Dollars besonders viel wert, was ihr beim örtlichen social set, wie man damals sagte, soviel Respekt einbrachte wie ihre offenbar wegweisenden Manieren, ihr avancierter Stil und ihr Geschmack, der so absolut war wie bei großen Musikern das Gehör.
Die Königin der Gesellschaft
Linda Lee war, als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, fünfunddreißig, sie war die regierende Königin der Pariser Gesellschaft, und sie war allein - und was dann geschah, das ist, einerseits, bis heute ein Geheimnis. Und andererseits ist es die einfachste Sache der Welt. Linda Lee verliebte sich: Sie war hingerissen von einem Mann, Amerikaner und acht Jahre jünger als sie, jenem Mann, der jede Party in Schwung brachte, wenn er sich an den Flügel setzte und ein paar jener Songs spielte, die er selber komponiert hatte, ausschließlich zu seinem eigenen Vergnügen, wie es schien; denn auch dieser junge Mann kam aus einer äußerst reichen Familie.
Linda Lee verliebte sich, und im Jahr 1919 heiratete sie Mister Cole Porter aus Peru im Staat Indiana, und wenngleich die gesamte Pariser Gesellschaft von diesem jungen Mann begeistert war, gab die Hochzeit ihr doch ein Rätsel auf. Denn Cole Porter hatte Linda Lee als Mann nicht viel zu bieten. Er war homosexuell und machte kein großes Geheimnis daraus. Und aufs Geld hatte Linda Lee es ganz bestimmt nicht abgesehen; sie hatte ja selber mehr als er. Und so hat sie sich offenbar in Cole Porters ungeheure Musikalität verliebt, in sein einzigartiges Genie, mit dem er musikalische Texte und hochironische Melodien schrieb. Und wenn man einen Film über Cole Porters Leben drehen wollte, müßte man unbedingt Linda Lees Liebesgeschichte ins Zentrum stellen. Denn die wäre zugleich die Liebesgeschichte zwischen Cole Porter und dem Publikum.
Ein Film von Visconti in Lubitschs Kulissen
Dieser Film müßte aussehen, als hätte ihn Luchino Visconti, der Meister der dekadenten mise en scene, inszeniert - aber in den Paramount-Kulissen von Ernst Lubitsch. Dieser Film müßte die glühenden Farben und die Emotionen von Henry Kings Fitzgerald-Verfilmung Zärtlich ist die Nacht haben, mit welchem er nicht nur die Schauplätze Paris und Antibes gemeinsam hätte, sondern auch manchen Darsteller: Gerald und Sara Murphy, das glamouröse amerikanische Paar, das F. Scott Fitzgerald als Modell nahm für Dick und Nicole Diver, die Helden seines Buchs, Gerald und Sara Murphy gehörten zu den besten Freunden von Cole und Linda, die man in Paris auch gern Les Coleporteurs nannte.
Der Film hätte extrem teure Massenszenen in Venedig, wo die Porters, weil die italienische Lira so günstig stand, mit ihren Dollars jeden Sommer einen anderen Palast mieteten, den Palazzo Barbaro, den Palazzo Forresti Papadopoli, den Palazzo Rezzonico, wo Cole nachmittags im Ballsaal komponierte, und abends feierten sie Feste, so aufwendig und ausschweifend, daß eine Filmpremiere heute, in München oder Berlin, dagegen wohl wie die Bottle-Party im Studentenheim aussähe. Der Film käme erst gegen Ende der zwanziger Jahre in New York an, wo die große Depression begonnen hatte und die Leute am Broadway endlich erkannten, was für ein wirksames Antidepressivum die Songs von Cole Porter waren.
Eine Karriere ohne Tiefen
Im Alter von sechsunddreißig Jahren wurde das rich kid zum professionellen Komponisten, und was folgte, war eine Karriere, die nur noch Höhen und keine Tiefen kannte. Tief stürzte Cole Porter allerdings im Herbst des Jahres 1937, von einem Pferd, vor dem man ihn gewarnt hatte. Er brach sich beide Beine dabei und mußte fortan am Stock gehen. Und es gibt Biographen, die kolportieren, daß Porter, als er schwerverletzt am Boden lag und auf Hilfe wartete, sich die Zeit damit vertrieb, sich den Text für seinen Song At Long Last Love auszudenken: Is it an earthquake or simply a shock? / Is it the good turtle soup or merely the mock? / Is it a cocktail, this feeling of joy? / Or is what I feel the real McCoy?
Den angemessenen Film über Cole Porter hat schon Michael Curtiz nicht gedreht, 1946, als er die Rolle Cole Porters zwar mit Cary Grant besetzte, aber die Homosexualität verschwieg; und das Drehbuch erfand für den Helden ein Leben, das ein bißchen ärmlich wirkte und sehr, sehr langweilig. Den angemessenen Film hat jetzt auch Irwin Winkler nicht gedreht. Er besetzt Cole Porter mit Kevin Kline, der nicht übel ist in der Rolle, und Linda Lee wird von Ashley Judd gespielt, die sehr hübsch sein kann, wenn auch auf eine eher bodenständige Art; aber sie ist fast zwanzig Jahre jünger als Kevin Kline, mit dem sie, im Film, dann doch ins Bett steigt. Und wenn er zu einem Mann geht, macht sie ein Gesicht, als hätte er gesagt: Schatz, ich geh' mit den Jungs noch auf ein paar Whiskies in die Bar.
Ein Desaster und Vergnügen
Winklers De-Lovely ist ein Desaster, weil der Film keine Haltung findet zur Person Cole Porter, zu seinem Leben, zu den Quellen, aus welchen seine Inspiration sich speiste. Und De-Lovely ist zugleich ein Vergnügen, weil es, wenn plötzlich einer anfängt zu singen, weil ihm das Herz übergeht, und alle singen mit, eben meistens auch ein Glück ist. Wie groß dieses Glück sein kann, offenbart sich allerdings viel besser in Mark Sandrichs Filmmusical The Gay Divorcee, wo Fred Astaire und Ginger Rogers zu Night and Day durch absolut künstliche Kulissen tanzen, und solange die Musik spielt, scheint die Schwerkraft aufgehoben zu sein.
In Porters paradigmatischem Anything Goes geht eine Strophe so: Good authors too who once knew better words / Now only use four letter words / Writing prose / Anything goes. Und wer diese Zeilen als Klage und Kulturkritik liest, hat Cole Porter nicht verstanden. Der Song zeigt an, wie groß die Freiheit ist und wie groß die Herausforderung, angesichts dieser Freiheit einen Stil und eine Haltung zu finden, und die Konsequenz, die Porter daraus zog, bestand nicht etwa darin, zu den alten Prätentionen zurückzukehren. Wie man leicht nachzählen kann, fängt der Vers mit einem four letter word an, hört mit einem auf, ist überhaupt voll von four letter words, und love, das schönste von allen, kommt noch gar nicht vor.
Gandhi auf Brandy
Cole Porter hat, in dem Song You're the Top, sich die Freiheit genommen, Mahatma Gandhi auf Napoleon Brandy zu reimen, Richard Strauss auf Mickey Mouse und National Gallery auf Garbo's salary, und diese Freiheit ist überhaupt das Erkennungszeichen von Porters Werk. Die Musikgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist voll von Menschen, die von ganz unten kamen und ganz oben mitspielen und mitkomponieren wollten, und deren Geschichten sind unbedingt erzählenswert.
Aber Cole Porter, der da oben schon geboren wurde, der immer frei war von materiellen Sorgen, von sozialem Ehrgeiz, vom Erfolgszwang, Cole Porter, der nichts zu fürchten hatte als den ennui, führte gewissermaßen die modernere Existenz. Sein Leben lag vor ihm wie ein leeres Notenblatt, und es gab niemanden, der ihm vorschrieb, welchen Takt und welche Tonart er wählen sollte. Er entschied sich für Arbeit, sehr viel Arbeit, weil, wenn alles ging, im Leben wie in der Musik, dann ging ohne Disziplin gar nichts.
Einmal zeigt Winklers Film, wie ein junger Sänger immer wieder scheitert am Anfang von Night and Day, und dazu muß man wissen, daß die ersten paar Takte immer denselben Ton wiederholen. Das Stück ist ihm nicht zu schwierig. Es ist ihm zu einfach.
Kurz: Es ist große, moderne Kunst.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.01.2005, Nr. 2 / Seite 26
