Von Michael Althen
16. Mai 2003 Der Umstand, daß es sich nicht nur um ein sogenanntes internationales Festival handelt, sondern auch die Zuschauer aus aller Herren Länder kommen, führt in Cannes mitunter zu pikanten Querbezügen. So tritt gegen Ende des Eröffnungsfilms "Fanfan la tulipe" ein irrer General auf, der in einem bizarren Frankodeutsch kauderwelscht. "Dankeschön für die Trahizon", brüllt er, dazwischen immer wieder: "Kaputt!", und am Ende reißt er den Arm zum Hitlergruß hoch - wohlgemerkt zu Zeiten Ludwig XV., aber dies soll schließlich eine Komödie und eigentlich ein Verweis auf Kubricks Dr. Seltsam sein.
Den Kritikern von Liberation war das jedenfalls so peinlich, daß sie sich gemeinsam für diesen "rassistischen" Film entschuldigten: Das anvisierte Publikum werde in dieser Geste wohl kaum das filmische Zitat erkennen, sondern den "natürlichen Ausdruck des Faschismus, welcher der Kultur unserer werten Nachbarn innewohnt". Pardon also bei allen ausländischen Gästen, die zur Begrüßung "Fanfan" vorgesetzt bekamen. Die Deutschen sahen es indes eher mit Belustigung.
Am Tag darauf waren die Franzosen selbst dran, sich über ihr Bild in der Welt zu wundern. In "The Matrix Reloaded" gibt es einen Monolog des französischen Schauspielers Lambert Wilson, in dem es heißt, er beherrsche viele Sprachen, habe sich aber fürs Französische entschieden, weil man darin so gut fluchen könne. Und dann gibt er eine Kostprobe ab, die naturgemäß für große Erheiterung im Saal sorgte. Daß die Sprache "unserer werten Nachbarn" in einem so durchglobalisierten Filmereignis um eine gleichgeschaltete Zukunft als obskures Hobby eines dekadenten Schurken vorkommt, dieser Gedanke suggeriert, Französisch sei für Außenstehende nur noch als Extravaganz denkbar. So kriegt hier jedes Land sein Fett weg.
Schauer des Wiedererkennens
Was "The Matrix Reloaded" angeht, muß man in erster Linie froh sein, daß die Sache in Cannes nun über die Bühne ist und man sich endlich auf den Wettbewerb konzentrieren kann. Seit Monaten verfolgten einen die Plakate, auf denen die Helden erst nur ihren Torso, später dann das Gesicht zeigten. Binnen einer Woche startet die seit vier Jahren ersehnte Fortsetzung nun auf der ganzen Welt, und selbst die Presse bekam sie erst dieser Tage zu sehen, so daß sich die ganzen Wochen- und Monatsblätter mit der Veröffentlichung von Fotos und Spekulationen begnügen mußten. Im Internet konnte man den Trailer herunterladen und die besten Szenen Bild für Bild studieren.
Diese neue Verfügbarkeit des Bildmaterials führt merkwürdigerweise nicht zu einem Verlust der Aura, sondern eher zu jenem Schauer des Wiedererkennens, der einen in Museen vor bekannten Gemälden befällt. Zumindest erfüllt die Werbestrategie ihren Zweck, weil man danach giert, endlich mehr zu sehen.
Tatsächlich sieht man erst mal weniger - und zwar sehr viel weniger, als man erwartet. Nach einem Anfang, den man größtenteils aus dem Trailer kennt und der sich dann doch nur als Traum im Traum entpuppt, holen die Regiebrüder Andy und Larry Wachowski sehr tief Luft, um noch mal alle an die Erkenntnis des ersten Films zu erinnern, daß der Held Neo (Keanu Reeves) der eine, der Auserwählte, der Erlöser ist, der die von Maschinen unterjochte Menschheit aus ihrem Tiefschlaf befreien wird.
Love Parade für den Erlöser
Wir sehen also Jünger in der unterirdischen Rebellenstadt Zion, die ihm zur Begrüßung Gaben bringen und ihm zu Ehren eine Art Love Parade aufführen, während er endlich auf einem Altar seine Partnerin Trinity (Carrie-Ann Moss) begatten darf. Und wenn er damit fertig ist, erwartet man fast, daß er Blinde heilt oder übers Wasser wandelt, aber statt dessen muß er Dialoge führen, die so sperrhölzern wirken wie die Kulissen. Irgendwann hofft man, er möge seinen Text wenigstens singen und die Sache endlich in jene moderne Version von "Jesus Christ Superstar" überführen, die diese Geschichte ohnehin nahelegt.
Schuld daran ist nur George Lucas, der einst mit "Star Wars" seine Lesart von Joseph Campbells Mythen-Geschichte präsentierte und in Hollywood die Hybris geweckt hat, in jedem besseren Entertainment gleich epische Dimensionen entdecken zu wollen oder wenigstens die Heilsgeschichte neu zu schreiben. Was das angeht, unterscheidet sich Neo in nichts von Moses, der in Form von Charlton Heston einst die Fluten teilte - nur die Spezialeffekte sehen besser aus. Es wurde viel davon gesprochen, daß zahllose Doktorarbeiten über den ersten Teil der "Matrix" geschrieben worden sind, und die Website zum Film bietet selbst einige philosophische Lesarten zum Download an. Die Fortsetzung mutet über weite Strecken so an, als hätten die Wachowskis nicht ein Drehbuch verfilmt, sondern einen dieser Seminartexte, der die tiefere Bedeutung der Sache zu ergründen sucht.
Action in neuem Gewand
Wahrscheinlich hat ihnen irgendwann der Produzent den Marsch geblasen, denn auf halber Strecke fängt sich der Film und verlegt sich auf das, was schon das Original auszeichnete: Action in einem neuen Gewand. Vorher gibt es aber noch eine Szene in jenem französelnden Club, wo Lambert Wilson in gestelzten Worten das umschreibt, was man die Poesie des Fleisches nennen könnte, die Lust an allem, was sich der digitalen Ordnung entzieht. Da sieht man eine Frau die Gabel zum Dessert führen und kann den Weg ihres gateau au chocolat bis in den Bauch und noch tiefer verfolgen - eine bizarre Beschwörung der libidinösen Kraft der französischen Cuisine, an der sich zahllose Doktoranden kalifornischer Universitäten vermutlich die Zähne ausbeißen werden.
Und dann kommt der Auftritt von Monica Bellucci, deren Anziehungskraft sonst eher überschätzt wird, die aber unleugbar die beste Szene des Films hat. Sie verkörpert in der sterilen Welt dieses Films tatsächlich jene Poesie des Fleisches, die vorher nur in trockenen Worten beschworen wird. Und während sie auftritt, läuft im Hintergrund ein alter Dracula-Film, und man begreift, woran "Reloaded" krankt: Bei den Vampiren wußte man wenigstens noch, welches Kraut gegen sie gewachsen ist, hier durchschaut man bis zum Ende nicht, nach welchen Regeln gestorben wird. Nur so viel: Wirklich tot sind die Helden erst, wenn mit einer Fortsetzung wirklich kein Geld mehr zu verdienen ist.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Mai 2003, Nr. 113
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