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Kein Rührstück: „Die Geschwister Savage“

Von Bert Rebhandl

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23. April 2008 Die Stadt Phoenix in Arizona wirkt manchmal, als wäre sie nicht ganz von dieser Welt. In einem der trockensten Bundesstaaten Amerikas ist hier eine Sun City, ein künstliches Paradies für vorwiegend ältere Menschen entstanden, mit perfekt gepflegten Rasenflächen vor sauberen Häusern, der Golfplatz ist nur eine kleine Fahrt mit dem Caddymobil entfernt. Hier lebt Lenny Savage, ein betagter Herr, dem immer mehr wichtige Dinge entfallen. Er ist der Vater der „Geschwister Savage“ in dem gleichnamigen Film von Tamara Jenkins (“Hauptsache Beverly Hills“).

Als die Lebensgefährtin von Lenny plötzlich stirbt, steht er unvermutet auf der Straße - er hat es versäumt, seine Ansprüche vertraglich zu regeln. Seiner Tochter Wendy (Laura Linney) und seinem Sohn Jon (Philip Seymour Hoffman) bleibt nichts anderes übrig, als den Vater mit an die Ostküste zu nehmen, in ihr eigenes, nicht gerade berauschendes Leben. Der griesgrämige Literaturprofessor Jon würde sich lieber seinem Buch über Brecht widmen, als sich um einen demenzkranken Vater zu kümmern. Und die erfolglose Theaterautorin Wendy wartet vergeblich auf ein Stipendium, um die Zeit bis zum großen Durchbruch notdürftig zu überbrücken.

Einübungen in die Sterblichkeit

Zwei Lebensgeschichten aus der gebildeten amerikanischen unteren Mittelklasse, dazu der Vater, den die Geschwister in einem Pflegeheim unterbringen: Tamara Jenkins erzählt unsentimental und mit einem guten Blick für die relevanten Details von den Schwierigkeiten, in einer Gesellschaft mit einem dünnen sozialen Netz einen familiären Zusammenhalt zu organisieren. Eltern machen ein schlechtes Gewissen, wenn sie zum Ende ihres Lebens hin wieder mehr Aufmerksamkeit beanspruchen. Sie ermöglichen aber auch Erfahrungen, die aus den Verhärtungen hinausführen, welche das eigene Leben befallen haben.

Philip Roth' Buch „Mein Leben als Sohn“ ist eines der bekanntesten Beispiele für dieses Thema, inzwischen gibt es eine ganze Literatur zu diesen Einübungen in die Sterblichkeit am Vorbild der Eltern. Für Jon und Wendy bekommt die Zeit mit dem Vater, zu der sie mehr oder weniger gezwungen werden, allmählich einen etwas therapeutischen Charakter; sie lernen, die Prioritäten in ihrem Leben neu einzuschätzen. Philip Seymour Hoffman findet in Laura Linney eine kongeniale Partnerin - der nur mühsam seine Depression hinter akademischer Arbeit verbergende Jon glaubt, gegenüber der unsteten Schwester immer noch arrogant bleiben zu können.

Leistung als Verhandlungssache

Tamara Jenkins inszeniert „Die Geschwister Savage“ nicht als Rührstück, wie es so häufig in ähnlichen Zusammenhängen passiert, sondern als eine Sozialstudie, in der ein nicht eben rosiges Bild von der amerikanischen Gesellschaft entsteht. Das mag daran liegen, dass in keiner Sekunde etwas vorausgesetzt werden kann - jede Leistung ist hier Verhandlungssache, die kaum einmal bewusste Präsenz von Institutionen, die das Leben in einem Land wie Deutschland prägt, ist in Amerika in viel geringerem Maß gegeben. Und genau dieses Gefühl vermitteln „Die Geschwister Savage“ auf eine eindringliche Weise.

Der Film lässt sich also nicht nur als intimes Familiendrama sehen, sondern auch als Fallstudie aus einer im prekären Sinne offenen Gesellschaft - sie ist nicht liberal offen, sondern leer offen, und die weit über das Land verstreute Familie ist die letzte Instanz, an die Fälle wie der von Lenny Savage zurückverwiesen werden. So fliegen die Menschen ständig quer über den Kontinent, landen auf unwirtlichen Flughäfen, bringen in einem engen Flugzeug den Vater auf die Toilette und versuchen den letzten Begegnungen mit einem Menschen, der aus einem künstlichen Paradies verwiesen wurde, einen Sinn zu geben. Denn Sun City ist eben der Ausnahmezustand einer verdrängten Zeitlichkeit, zu dem die Welt von den „Geschwistern Savage“ den Normalfall bildet - ein Leben mit Höhen und Tiefen, Entscheidungen und Versäumnissen.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Fox

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