Von Gunter Göckenjan
23. Januar 2002 Hollywood liebt Highschool-Filmchen. Sie sind kostengünstig herzustellen und gefallen der Zielgruppe. Nur, woher soll man die Ideen für immer neue Verwicklungen nehmen? Billig ist der Fundus der Literaturgeschichte, denn Autoren wie De Laclos oder Shakespeare muss man keine Honorare zahlen.
Deshalb blieb dem Kinogeher in den letzten Jahren wenig erspart: Von Jane Austens Emma (Clueless) über Choderlos de Laclos Les Liaisons Dangereuses (Cruel Intentions) bis zu Edmond Rostands Cyrano de Bergerac (I´ll Be You) und Shakespeares Taming of the Shrew (10 Things I Hate About You) wurde alles, und sei es noch so unpassend, in die US-Highschools verlegt. Platt waren die Ergebnisse.
Übersetzung ohne unnötige Highschool-Albernheiten
Die Umsiedlung des Othello von Venedig in ein Elite Institut von South Carolina steht nicht in dieser Tradition. Regisseur Tim Blake Nelson und sein Drehbuchschreiber Brad Kaaya haben bei Shakespeare nicht den billigen Vorwand gesucht, um ein paar Jungstars vor die Kamera zu holen und damit eine Menge Fans ins Kino zu treiben. Sie sind an der Figurenkonstellation und der Problematik ihrer Interaktion interessiert. So gelingt es ihnen, den Konflikt des Shakespeareschen Dramas ohne die üblichen Highschool-Film-Albernheiten oder viele unnötige Prätentionen - mit Ausnahme einer sehr bemühten Vogelmetapher - in die Gegenwart moderner Jugendlicher herüber zu holen.
Vater, Sohn und Highschool-Star
Othello heißt hier Odin und wird von Mekhi Phifer dargestellt. Er ist der Star in dem Basketball-Team, der einzige Schwarze in der Palmetto Grove Academy. Sportbegabung eröffnet Schwarzen häufig den Zugang zu Bildungsinstitutionen. Aber Rassismus ist hier nicht das Thema, auch wenn es Mekhi Phifer gelingt, dem vor Kraft und Lebensfreude strotzenden Athleten Odin hin und wieder diesen Hauch leichter Verunsicherung zu geben, die Zugehörige einer Minderheit auch im Triumph empfinden. Seine große Liebe ist Desi (Julia Stiles), und das beruht auch noch auf Gegenseitigkeit. Odin wird von allen geschätzt und geachtet. Der Trainer des Basketball-Teams (Martin Sheen) liebt den Nachwuchssportler wie einen Sohn. "O" ist ein glücklicher Mensch.
Jago heißt hier Hugo (Josh Hartnett), und er ist der Sohn des Trainers. Missgünstig beobachtet er die Bevorzugung des Anderen. Doch der wegen minderer sportlicher Leistungen Zurückgesetzte bleibt cool, sehr cool. Er nimmt Anabolika und andere Drogen, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern, und er beginnt im Hintergrund die Fäden zu ziehen, über die Odin stolpern wird. Er lässt Odin an der Treue seiner Freundin zweifeln. Hugo, der eifersüchtige Sohn, wird dafür sorgen, dass Odin vor unberechtigter Eifersucht in sein Verderben rennt.
Eigentlich Vorwegnahme der Columbine-High-Tragödie
Hugos Intrige mag in ihrer Bösartigkeit vielleicht allzu clever aussehen für einen Highschoolschüler, aber schließlich spielt der Film in einer Elite-Schule. Ein Ensemble wunderbarer Schauspieler beglaubigt diese Geschichte mit echtem Leiden und glaubwürdigen Leidenschaften. Die Intrige Hugos führt zu einem Blutbad, das dem in der Columbine High School im Staat Colorado ähnlich sehen mag. Die Schiesserei in Colorado fand 1999 allerdings statt, als O gerade abgedreht war.
Dem US-Verleih jedenfalls war diese überraschende Bestätigung aus dem Hier und Jetzt dann doch zu viel: Die Disney Tochter Miramax brachte den Film nicht in die Kinos. Dies erledigte mit entsprechender Verzögerung eine kleine Firma. Disney produzierte derweil den patriotischen Kriegsschinken Pearl Harbor, in dem Töten nicht als brutale Tat eines Irregeführten erscheint - sondern als sinnvolles Handeln.
Text: @göck
Bildmaterial: concorde, Concorde Filmverleih
