Von Gunter Göckenjan
30. Januar 2002 Zwei Männer begegnen sich zufällig am Zeitungskiosk. Beiläufig tauschen sie wenige Sätze aus - ohne sich eines Blickes zu würdigen. Dann gehen sie wieder ihres Weges.
Eine junge Frau steht in einem Coffee-Shop, tröpfelt etwas in die vier Pappbecher mit dem Cappuccino, den sie eben für einen wartenden Mann zubereitet hat. Der nimmt die Becher, dann geht auch er seines Weges. Die junge Frau ebenfalls. Sie verlässt ihren Arbeitsplatz.
Unterwegs reißt sie sich die Verkleidung vom Leib. Ein Bote, der einen Stapel Akten auf dem Arm trägt, kommt aus einem Haus. Achtlos wirft er etwas in den Müllkorb, an dem ihn sein Weg gerade vorbei führt. Wenn sie in großem Abstand aneinander vorbei gehen, dann nicken sie sich kaum sichtbar zu.
Schlafwandlerische Teamarbeit
Nur wenige Minuten braucht Regisseur David Mamet für diese ersten Sequenzen seines neuen Films, doch den Zuschauer hat er schon nach wenigen Sekunden fest im Griff. Wir kennen die Figuren nicht, wissen weder, was sie im Sinn haben, noch ob und wie sie miteinander verbunden sind. Aber die Energiefelder, die im Bewegungsfluss zwischen ihnen entstehen, entfalten einen unwiderstehlichen Sog.
Mamet schafft hier eine Spannung, die am Anfang noch allein aus der rhythmischen Komposition und dem Zusammenspiel der verschiedenen unbekannten Faktoren entsteht. Die treibende Energie einer modernen Fassung dessen, was man früher einmal Crime Jazz nannte und der mühelos swingende Schnitt, der hier die entschieden Einzelnen wie zufällig zusammenführt, tun das ihre.
Alles nur gespielt
Bald sind sie auch im Bild vereint: Die Leute haben das Allein-Seiner-Wege-Gehen nur gespielt. Gemeinsam rauben drei der Männer einen Juwelier aus. Die drei Diebe (Gene Hackman, Ricky Jay, Delroy Lindo) arbeiten zusammen, sie sind ein perfekt eingespieltes Team.
David Mamet ist in "Heist" wieder bei seinem Thema: Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen, das dafür nötig ist, kreatives Misstrauen, das besser ist als Kontrolle. Es wird um Verrat gehen und darum, wie man ihn überlebt: Am besten, man hat immer einen Alternativplan. Denn in seiner Gier nach Geld ist jeder allein. Doch nur zusammen wird man seiner habhaft.
Joe (Gene Hackman), der Chef des Teams, zu dem auch seine junge Frau (Rebecca Pidgeon) gehört, entwirft die Überfälle am Reissbrett und führt die Regie. Sein Widersacher ist der wohlorganisierte Hehler Bergman (Danny De Vito), der Joe nach einem Fehler bei dem Juwelierüberfall - sein Gesicht ist auf den Überwachungsbändern festgehalten - zu einem weiteren Coup zwingt.
Der Kontrolleur verpatzt alles
Bergman verlangt, dass sein Neffe (Sam Rockwell) in dem Team mitspielt - als Kontrolleur. Daraus ergeben sich allerlei Probleme bei dem letzten Coup, den das Team ausführen wird. Es soll der letzte sein, weil Joe sich aus dem Geschäft zurück ziehen muss, nachdem er beim letzten Überafll fotografiert wurde. Aber Joe soll von Bergman ausgetrickst werden. Wer nimmt das Girl, wer nimmt das Gold?
Mamet setzt die Personen in Szene wie Ballett-Tänzer, die ihre Schachzüge tanzen. Ihre in der Originalfassung pointierten Dialoge wirken zuweilen wie Trommelwirbel zur nächsten Pirouette - Don´t you want to hear my last words? I just did sagt er Gefragte und erschießt den anderen. Dabei hat Mamet noch viele weitere Überraschungen ins Drehbuch geschrieben, die anderen Produzenten für zehn Filme ausgereicht hätten.
Heist - Der letzte Coup, USA 2001, Regie: David Mamet, Darsteller: Gene Hackman, Danny DeVito, Delroy Lindo
Text: @göck
Bildmaterial: FAZ.NET, Warner, warner broth.
