Von Gustav Federhenn
01. Mai 2002 Es geht ihnen gut. Matt ist der Arzt der ländlichen Region, seine Frau Ruth führt den Chor und Sohn Frank soll bald ein Architektur-Studium an einer Eliteuni aufnehmen. Um sie herum ist Wohlstand und die Schönheit der Landschaft Neuenglands. Matt (Tom Wilkinson) und Ruth Fowler (Sissy Spacek) und ihr Sohn Frank (Nick Stahl) geben in Todd Fields Regie-Debüt In the Bedroom eine Modell-Familie ab - im Prinzip jedenfalls.
Aber Frank überlegt, ob er sein Studium zu Gunsten einer Arbeit beim Fischfang verschieben soll. Vor allem ist da seine Beziehung zu der verheirateten Kellnerin Natalie (Marisa Tomei), die das Familienleben färbt. Die Frau ist älter als er und hat zwei Kinder. Auch sozial passt sie nicht so recht zu den Fowlers. Die Fowlers sind eine weltoffene, liberal denkende Familie. Franks Mutter sieht in der Frau aus der Unterschicht eine Bedrohung für die Karriere ihres Sohnes. Matt dagegen betrachtet die Beziehung seines Sohnes mit Stolz. Und um sie herum ist es so schön grün und das Meer so schön blau...
Edle Landleute - bis zum dritten Akt
Hier, in New England, kann sich die amerikanische Mittelschicht edel gesammelt, freundlich entspannt und selbstverständlich überlegen
darstellen. Hier herrscht nicht der falsche Glanz Kaliforniens, nicht die blinde Getriebenheit der Karrieristen, die den Ton in New York bestimmen, hier schätzt man auch nicht das derbe Draufgängertum der Texaner. Wer sich hier nicht von Berufswegen die Hände schmutzig machen muss, der pflegt die schöne Illusion, dass Herkunft, hehre Gesinnung und ehrenwertes Verhalten, Höflichkeit und Freundlichkeit, zusammen gehören. Auch die Fowlers halten sich für edle Landleute - bis zum dritten Akt.
Hollywood benutzt New England gerne als Kulisse, wenn es zeigen will, dass sich hinter einer Idylle der Horror versteckt (z.B.: What Lies Beneath). Auch in diesem Film dient diese Region als Prospekt für eine Art der gemächlichen Lebensführung. Doch Regisseur Field benutzt die neuenglische Ruhe nicht als Bilderbuch-Antagonismus zum großen Showdown. Anders als in den Breitwandmovies, die den Schock der Entdeckung lieben, dass skandalöse, verborgene Realitäten hinter anständiger Fassade liegen, verbergen sich bei Field Familienprobleme hinter einem Lächeln oder ein tiefer Schmerz hinter einer etwas zu starren Körperhaltung. Field inszeniert nicht auf den Paukenschlag hin, und er treibt seine Geschichte nicht ihren Höhepunkten entgegen, um das enthaltene Überraschungs- und Spannungspotenzial auszunutzen.
Vom Familienporträt zum Rache-Horror
Stattdessen folgt seine Erzählweise, dem Rhythmus des ländlichen Idylls. Dabei sind es die Personen dieses Stücks, ihre Beziehungen zueinander und die unausgesprochenen Probleme, die sich mit all ihren Schattierungen entwickeln können. Field hat für sein Vorhaben eine eigenwillige, aber sehr passende Dramaturgie gewählt, die vom Familienporträt zum Ehekrieg, zum Rache-Horror, hinübergleitet.
Man merkt, dass Todd Field das Handwerk des Filmemachens nicht, wie die meisten Kinodebütanten heute, beim Drehen von Videoclips erlernt hat. Field ist Schauspieler, und er lässt hier seine Darsteller auf der Klaviatur menschlicher Beziehungen spielen. Dabei schlagen sie Töne an, deren Existenz das Kino vergessen zu haben schien. Das Leiden beispielsweise, das Sissy Spaceks Ruth als wandelnde Anklage lebt - ein Akt stiller Aggressivität, der sich mit dem Schmerz und dem Willen Haltung zu bewahren mischt - kann von einem Moment zum nächsten seine Farbe wechseln und verliert doch nie den Ausdruck echter Qual.
Jeder gute Schauspieler kann schmerzensreich leiden und damit Sympathien und Mitleid erregen. Sissy Spacek kann mehr: Sie zeigt auch das unsympathische Gewaltpotenzial, das sich mit dem Leiden mischen kann.
In the Bedroom, USA 2000, Regie: Todd Field, Darsteller: Tom Wilkinson, Sissy Spacek, Nick Stahl
Text: @henn
Bildmaterial: FAZ.NET, Miramax, UIP
