Video-Filmkritiken

Filmkritik

Immun gegen das Böse: „Das Parfum“

Von Peter Körte

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Film-Kritik: Ben Whishaw in "Das Parfum"

13. September 2006 Nun steht der Film da, vor den Augen des Publikums. Er wartet wie sein Held auf dem Richtplatz. Sein Schicksal ist noch offen, das Fläschchen noch geschlossen, dessen Inhalt alle verzaubern soll. Wie im „Parfum“ ist das der Moment für eine Rückblende, ins Jahr 1999, in ein Büro in Schwabing. Bernd Eichinger sprach nüchtern über den bevorstehenden Börsengang der Constantin-Film und voller Leidenschaft über „die Obsessionen der Figuren, die Abgründe, die Frage, wie weit soll man im Leben gehen?“ - das war es, was ihn an Helmut Kraussers Callas-Biographie gereizt hatte. Er wußte, daß „Der Große Bagarozy“ kein kommerzieller Erfolg sein würde, und er war stolz auf seine erste Kinoregie. Und er empfand es nicht als Bewußtseinsspaltung, daß ihm die Arbeit an den „Werner“-Filmen genausoviel Spaß gemacht hatte.

1999 war eines der großen Jahre von Bernd Eichinger, nicht sein erstes, nicht sein letztes, aber eines, in dem er seine ganze Spannweite zwischen Börsenkurs, „Ballermann“ und „Bagarozy“ demonstrierte. Es gab auch Jahre wie 2002, in denen hätte das deutsche Kino ohne seine Filme zwei Drittel weniger Zuschauer gehabt. Und neben den mehr als sechzig Filmen, die er produziert hat, sind da noch die Filme, bei denen er in den Schneideraum kam, Regisseuren aus der Sackgasse half und unerwähnt blieb. Als andere deutsche Produzenten Hollywood noch für ein Luftschloß hielten, unterhielt er dort schon ein Büro. Und gerade weil er nie Filmpolitiker sein wollte, hat sein Einfluß filmpolitisch mehr bewirkt als der Eifer der Funktionäre. Er war die treibende Kraft hinter der Deutschen Filmakademie und mußte erleben, daß diese 2005 seinen Hitler-Film „Der Untergang“ leer ausgehen ließ. Wenn man beobachtet hat, wie er nach der Gala im Foyer der Berliner Philharmonie stand, müde, mürrisch, kettenrauchend, von Höflingen umringt, war klar, daß ihn das trotz Oscar-Nominierung, trotz viereinhalb Millionen Zuschauern getroffen hatte.

Der schneidige Produzent und der weltscheue Autor

Inzwischen ist Bernd Eichinger längst kein Vorstandsvorsitzender mehr. Er hat im Januar 2006 auch seine Beteiligung verkauft, für 36 Millionen Euro, der Constantin ist er nur noch durch einen Produzentenvertrag verbunden, und er hat versucht, sich selbst neu zu erfinden. Seit dem „Untergang“ sind die Produktionen des 57jährigen immer auch Arbeit am Nachruhm. Und jetzt hat er über den Plot von „Rossini“ triumphiert, weil er 2001 dann doch die Rechte an Patrick Süskinds Bestseller „Das Parfum“ bekam, nachdem sich in Helmut Dietls Film, dessen Drehbuch von Süskind stammt, Eichingers Alter ego, der schneidige Produzent, an Süskinds Alter ego, dem weltscheuen Autor, die Zähne ausgebissen hatte.

Eichinger hat erkannt, daß es andere Regisseure braucht, wenn man mehr will als den durch geschickte internationale Vorverkäufe gesicherten Kassenerfolg, wenn man das Etikett Literaturverfilmungsweltmeister loswerden möchte, ein Wort, das er haßt, auch wenn er nun mal der Produzent ist, der den „Namen der Rose“, „Das Geisterhaus“ und „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ gemacht hat. Er hat es mit Oskar Roehler, dem Regisseur, der aus dem Underground kam, probiert bei den „Elementarteilchen“ - und ist weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Beim „Parfum“ hat er es mit Tom Tykwer versucht, der seit „Lola rennt“ zwar keinen großen Erfolg mehr gehabt hat, der jedoch im Gruppenbild der Eichinger-Regisseure sofort auffällt.

Emanzipation vom Weltbestseller

Es gibt in Deutschland nach wie vor keinen Produzenten, dem man diesen Film zugetraut hätte, keinen, der Geldgeber überzeugen könnte, daß sich das Risiko lohne, einen Roman zu adaptieren, dem elementare dramatische Voraussetzungen wie der Kampf von Gut und Böse oder eine Liebesgeschichte fehlen. Es ist allerdings schwer, sich von einem Weltbestseller zu emanzipieren, weil bei einer Gesamtauflage von 15 Millionen sehr, sehr viele, die sich jetzt den Film anschauen sollen, natürlich den Roman gelesen und eine Vorstellung haben, wie die Welt dieses Jean-Baptiste Grenouille aussieht, des Mädchenmörders, der im unvorstellbaren Schmutz und Gestank des 18. Jahrhunderts geboren wird, zum größten Parfumzauberer aufsteigt und am Ende von einer wilden Meute vertilgt wird; des Monstrums, dem sich die Welt nicht durch die Augen, sondern durch die Nase erschließt.

Es gibt eine ungeschriebene Regel, ein Buch nicht gegen seine Verfilmung auszuspielen. Doch leider hat man hier ganz schnell das Gefühl, die Filmemacher selbst hätten diese Regel umgangen, weil sie zu sehr am Buch kleben, weil schon in den ersten Minuten Otto Sander aus dem Off Süskinds Sätze rezitiert, weil es Momente gibt, in denen der Film den Roman auf groteske Weise wörtlich nimmt. Wenn es etwa am Ende bei Süskind heißt, Grenouille sei „von Schönheit übergossen gewesen wie von strahlendem Feuer“, umgibt ihn der Film allen Ernstes mit einer kleinen Aura.

Abfolge beschwörender Gesten

Wer fünfzig Millionen Euro investiert, der muß halt Rücksichten nehmen. Der kann zwar Süskind gelegentlich wörtlich nehmen, aber keine Bilder machen, wie man sie bei Süskinds Prosa vor Augen hat. Wo aus Satzfolgen Sequenzen für eine Mainstream-Produktion werden, denkt man an andere Dinge. Wo liegt die Ekelgrenze? Wieviel Schmutz und Blut und Grausamkeit darf es sein? Wie häßlich darf ein Hauptdarsteller sein, der den amoralischen Grenouille spielt? Wie lassen sich Morde an unschuldigen Mädchen inszenieren?

Ben Whishaw als Grenouille ist keine schlechte Wahl: kein Schönling, nicht zu derb - und leider ohne den leisesten Anflug von Dämonie. Er beschwört sie eher hilflos, wie überhaupt „Das Parfum“ von Anfang an eine Abfolge beschwörender Gesten ist. Es ist nicht nur die Off-Stimme, es sind auch die Bilder all der geruchsintensiven Dinge, die der Film wie ein Leporello ausbreitet. Grenouille riecht an einer toten Ratte - und die Kamera zoomt durchs Rattenfell auf die Würmer, die ihre Arbeit tun. Und doch wirkt alles chemisch gereinigt. Die toten Mädchen mit den geschorenen Köpfen liegen da wie bei einem der berüchtigten Benetton-Shootings von Oliviero Toscani; wenn Grenouille der Hinrichtung entgeht und mit seinem aus Mädchenleichen gewonnenen Parfum die Menge hypnotisiert, übertönt ein pompöser Soundtrack mit ätherischer weiblicher Singstimme das Schreien und Stöhnen. Die Leiber verknäulen sich in Zeitlupe, bis die Massenkopulation aussieht wie das Treiben in einem spätabsolutistischen Ashram. Wie eine unfreiwillige Parodie wirkt es, wenn Grenouille vorm Stadttor steht, wenn er Witterung aufnimmt und die Kamera sich auf einmal wie Superman in die Luft schwingt und über Berg und Tal fliegt, bis sie die beiden gesuchten Reiter gefunden hat.

Eine Träne zuviel

Und dann tut der Film etwas, was ein Verrat an seinem Helden ist, dessen Weg von Paris nach Grasse, vom Gerbergehilfen zum Duftgenie, von Mord zu Mord er fast zweieinhalb Stunden lang ziemlich schleppend nachbuchstabiert hat: Grenouille vergießt ein paar Tränen, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht die Bilder seines ersten Opfers, des „Mirabellenmädchens“, vor sich sieht, und diese Regung bringt eine klebrige Sentimentalität ins Spiel, die alles, was man bis dahin gesehen hat, dementiert. Mit solchen Einfällen kann man einen Film ruinieren; man kann sie auch verstehen als ein Zeichen tiefster Verunsicherung: Trotz aufwendigen Produktionsdesigns, trotz leuchtender Lavendelfelder und optischer Tricks sind Eichinger und Tykwer gegen die Faszination des genialisch Bösen immun. Sie dämpfen den Schrecken, und sie filmen, als müßte ständig beglaubigt werden, daß es sich tatsächlich um Süskinds Romanvorlage handelt. Nicht weil das Buch unverfilmbar ist, ist „Das Parfum“ gescheitert, sondern weil es den Roman zu sehr verfilmt.

So verfliegt die Vision wie ein flüchtiger Duft, und deshalb hat es auch eine gewisse Konsequenz, daß der abgetakelte Parfumeur, den Dustin Hoffman mühsam am Rande der Charge hält, auch den Schlüssel zum Film liefert. Jedes Parfum, erklärt dieser Baldini seinem Lehrling Grenouille, habe eine Kopf-, eine Herz-, eine Basisnote - und kaum eines jenes magische Mehr, das es einzigartig mache und von dem Baldini behauptet, es sei bloß eine Legende, wohingegen Grenouille diese Legende zur Tatsache machen will. „Das Parfum“ macht auf den ersten Blick mächtig Eindruck, es führt seine Schauwerte vor und verwelkt schon leicht in der Herznote, wenn der erste Bildersturm sich gelegt hat; es wird bieder und in aller Opulenz steril. Was als Basisnote bleibt, das ist gediegene Langeweile, das ist der solide Romanverfilmungsstandard.

Eine herbe Enttäuschung

„Das Parfum“ ist Bernd Eichingers größte Produktion, und es ist fraglich, ob es ihm noch einmal gelingen wird, ein 50-Millionen-Euro-Projekt auf die Beine zu stellen. Daß einer, der die deutsche Filmlandschaft so dominiert hat in den letzten zwei Jahrzehnten, der sechzehn Jahre lang hartnäckig um die Filmrechte gekämpft hat, dennoch nicht den ganz großen Wurf geschafft hat, ist eine herbe Enttäuschung. Mit dem „Untergang“, was immer man als Film von ihm hält, war Eichinger vor zwei Jahren mitten in den intellektuellen und politischen Diskursen angekommen, und es ist nicht auszuschließen, daß sein RAF-Projekt ähnliches erreichen wird, weil die gesellschaftliche Wucht der Sujets, der Streit um die historische Lesart, die Ästhetik zur bloßen Formalie machen.

Beim „Parfum“ ist das anders. Es verweist auch als das deutsche Kino-Event dieses Herbstes immer nur auf sich selbst. Und wenngleich Bernd Eichinger kein Schwärmer, kein Romantiker ist, dann steckt in dieser Langzeitfaszination für einen Stoff doch der heimliche Wunsch, einen Klassiker zu drehen, einen Film, nach dem die Kinogeschichte ein wenig anders ausschaut. Es ist deshalb kaum ein Zufall, daß Eichinger jetzt, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wieder mit leisem Bedauern über das Scheitern von „Last Exit to Brooklyn“ (1989) gesprochen hat, weil dieses Projekt ein großer Jugendtraum war. Und es ist auffällig, wie gewunden er seine Erwartungen ans „Parfum“ formuliert: Stolz wäre er auch dann, wenn sich die kommerziellen Erwartungen nicht erfüllten - aber der Erfolg müsse unbedingt her, scheitern dürfe man nicht.

Da ist ein seltsamer Zwiespalt, der für Eichinger typisch ist: Einer, der mit sicherem Blick die schwachen Stellen in anderen Filmen erkennt, der leidenschaftlich von Obsessionen und Abgründen spricht, läßt die Obsessionen immer wieder so zahm und die Abgründe so harmlos aussehen, wie es das Publikum angeblich erwartet. „Keiner weiß, was das Publikum will“, hatte er damals auch gesagt, um immer wieder so zu handeln, als könne man es doch ahnen, anstatt das Publikum mit einem Film einfach zu überwältigen. Angesichts seines kontinuierlichen Erfolgs kann man diesen Zwiespalt kaum tragisch nennen. Aber er erzeugt eine Reibung, die Bernd Eichinger umtreibt, weil da zwischen „Harten Jungs“, „Fantastischen Vier“ oder „Resident Evil“ dieser heimliche Wunsch bleibt. Mit dem „Parfum“ wird sich dieser Wunsch nicht erfüllen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 27

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