Von Andreas Kilb
11. März 2003 Als Frank Whitaker, Verkaufsleiter der Magnatech TV Company in Hartford, Connecticut, an diesem Herbstabend des Jahres 1957 nach einem Arbeitsessen ins Kino geht, hat er die Wahl zwischen zwei Filmen: "Miracle in the Rain" ("Das Wunder im Regen") und "Three Faces of Eve" ("Eva mit den drei Gesichtern"). Der eine, ein Kriegsmelodram von Rudolph Mate, holt Jane Wyman und Van Johnson als Liebespaar vor die Kamera, der andere erzählt die Geschichte einer Hausfrau (gespielt von Joanne Woodward), die wegen multipler Persönlichkeitsstörungen behandelt wird.
Whitaker entscheidet sich eher zufällig für "Three Faces", denn eigentlich will er gar nicht ins Kino; er sucht die Gesellschaft von Menschen. Von Männern, genauer gesagt. Nach der Vorstellung folgt er einem Pärchen in einen dunklen Hinterhof, an dessen Ende der Eingang zu einer Nachtbar für besondere Neigungen liegt. Als Whitaker, Ehemann und Vater zweier Kinder, über die Schwelle tritt, ahnen wir, daß seine Geschichte und die seiner Familie anders ausgehen wird, als solche Geschichten in Filmen sonst ausgehen.
Giftiger Klatsch
Nur Frank (Dennis Quaid) weiß es noch nicht. Deshalb geht er, als seine Frau Cathy (Julianne Moore) ihn ein paar Tage später in den Armen eines Stammgasts jener Kneipe ertappt, zum Psychiater, um sein "Problem" loszuwerden. So wie Cathy, die eine gewisse Sympathie für ihren schwarzen Gärtner (Dennis Haysbert) empfindet, mit diesem auf eine Waldlichtung geht, um über ihre Eheprobleme zu reden. Oder doch ganz anders - denn während der Mann seine Homosexualität zunächst vor seiner Umgebung verbergen kann, wird Cathys Ausflug, von fremden Augen beobachtet, sofort zum Objekt giftigen Klatsches.
So treiben sie voneinander weg, der Verkaufsleiter und seine Frau, die Hausherrin und ihr Gärtner, das Ehepaar und seine Nachbarn, und es ist, als sehnten sich alle nach einem Ereignis, das ihre Welt wieder geraderückte, nach einer Offenbarung, einem Zeitsprung, einem Wunder im Regen. Doch solche Wunder gibt es nur im Kino.
Doppelbelichtung der abenteuerlichsten Art
Todd Haynes' Film "Far from Heaven" ("Dem Himmel so fern"), der die Geschichte von Frank und Cathy Whitaker erzählt, ist ein besonderes Stück Kino. Es ist ein historischer Film über die fünfziger Jahre - und zugleich ein Film über das Kino der fünfziger Jahre, über eine bestimmte Form, in der dieses Kino Geschichten erzählte, ein Genre, eine filmische Gattung: das Melodram. Und über den Regisseur, der diese Gattung beherrschte wie kein anderer: Douglas Sirk. Es ist ein Film, der die Technicolor-Farben, die Lichtsetzungen, die Kostüme, Dekors und dramaturgischen Konstellationen bei Sirk wiederbelebt, von "Magnificent Obsession" über "All That Heaven Allows" bis "Imitation of Life"; und der zugleich mit all diesen Formen, Farben und Tönen tatsächlich Kino macht, großes, bewegendes, physisches Kino. Es ist, mit anderen Worten, eine Doppelbelichtung der abenteuerlichsten Art: eine filmische Hommage, wie es noch keine gab.
Für "Far from Heaven", erzählt Haynes, habe seine Crew die Straßen am Drehort in New Jersey gefegt, die Häuserfronten gereinigt und die Markisen erneuert. Diese überirdische Sauberkeit ist der erste Eindruck, den man von der Geschichte empfängt - die herbstlichen Blätter sind wie gemalt, die Wagen glänzen, die Kleider leuchten auf eine Weise, die es im Alltag nicht gibt.
Eine Vision von Liebe
Cathy, die von der Firma ihres Mannes als "Mrs. Magnatech" vermarktet wird, scheint eines jener Katalogleben zu führen, deren Wahrheitsgehalt Haynes in seinem Regiedebüt "Superstar" (1987) auf die Probe stellte, indem er die Biografie der Schlagersängerin Karen Carpenter mit Barbiepuppen nachspielen ließ. Aber schon ein kurzer Blick in Julianne Moores Gesicht zeigt, daß das nicht stimmt.
Das Glück, an das sie glaubt, ist nicht bis zu ihren Augen durchgedrungen. Ihr Blick zweifelt an dem, was ihr Mund beschwört, er scheint zu ahnen, wie kurz der Weg vom hausfraulichen Vorbild zur Außenseiterin ist. Wenn sie den Mut aufbrächte, allein ins Kino zu gehen, könnte sie in "Three Faces of Eve" sehen, wie sich eine Frau vom Druck der Norm befreit. Stattdessen überfällt sie, als sie ihren Mann nach seinem Fehltritt zum Arzt begleitet, wie eine Vision das Bild eines Liebespaars auf einer Parkbank. So hätte sie gern gelebt; wenn sie gelebt hätte.
Auf den Spuren menschlicher Verzweiflung
"Ich bin als Zuschauer mit Douglas Sirk auf den Spuren der Verzweiflung der Menschen." Das hat Rainer Werner Fassbinder vor gut dreißig Jahren geschrieben, als die Filme Sirks in Deutschland tief vergessen waren. Inzwischen sind sie wieder vergessen, aber anders als damals ohne Hoffnung auf Wiederentdeckung. Die Filmgeschichte, das Projekt der Kinematheken und Filmmuseen, ist zum Geheimwissen verkümmert, wer "Vertigo" und "Die Spielregel" kennt, gilt schon als Cineast. Den Brunnen der versunkenen Bilder bringt kein Weiser mehr zum Sprudeln, es sei denn, er machte es wie Todd Haynes. Mit ihm sind wir auf den Spuren der Verzweiflung der Menschen Sirks und der Menschen der fünfziger Jahre, der Menschen überhaupt.
Die Szene, in der Cathy ihrem Gärtner Raymond eröffnet, daß sie ihn nicht wiedersehen will, spielt nicht zufällig vor dem Lichtspieltheater von Hartford. Als Raymond Cathys Arm berührt, wird er von der anderen Straßenseite aus angepöbelt, er solle die Frau in Ruhe lassen. Die weiße Elite rottet sich zusammen, Gewalt liegt in der Luft. Es ist die Grundidee aus "All That Heaven Allows", überblendet mit dem Rassendiskurs aus "Imitation of Life", die hier wiederkehrt und den wahren Regelverstoß des Films, die offene Darstellung von Homosexualität, in den Hintergrund drängt.
Das wirksamte Mittel der Unterdrückung
Haynes muß selbst gespürt haben, daß sein Ehemann sich nicht zum tragischen Helden eignete, deshalb läßt er Frank Whitaker das Glück bei einem Jüngling finden. Zurück bleibt die Frau, die sich geopfert hat und nun abermals geopfert wird. Als Cathy Raymond ein letztes Mal gegenübertritt, bestellt er sie zum Hinterausgang seines Hauses, um den Blicken der Nachbarn zu entgehen. Dort, im Dunkel eines Winterabends - die Welt hat sich weitergedreht, wir schreiben das Jahr 1958 - ereignet sich nun jene Szene, die sonst immer im hellsten Licht des Kinos spielt. Es wird nichts mit ihnen; und doch waren sie füreinander bestimmt.
Das ist die Essenz des Melodrams, und auch hier gilt: Wer nicht gerührt ist, hat nichts begriffen. Bei Sirk, meinte Fassbinder, sei die Liebe "das beste, hinterhältigste und wirksamste Instrument gesellschaftlicher Unterdrückung". Haynes scheint da anderer Meinung zu sein. Und unser Gefühl gibt ihm recht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2003
Bildmaterial: Concorde Filmverleih
