Video-Filmkritiken

Kino

Aufregung in der Telefonzelle: „Nicht auflegen!“

Von Verena Lueken

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07. August 2003 Ein Mann kämpft um Erlösung. Eines Nachmittags war er in eine der letzten Telefonzellen in Manhattan getreten, die durch eine Falttür ein wenig Privatheit garantieren, hatte seinen Ehering abgezogen und auf die Ablage in Brusthöhe gelegt. Dann hatte er ein Mädchen angerufen, mit dem er seine Frau betrügen wollte, und erfahren, daß es an jenem Tag keine Zeit für ihn hatte.

Ohne allzu große Enttäuschung zu zeigen, hatte er die Falttür auf dem Weg nach draußen schon halb durchschritten, als das Telefon klingelte. Er hatte nicht lange überlegt, bevor er abnahm, automatisch fast, weil man ein Telefon nicht klingeln läßt. Zunächst hatte er an einem Scherz geglaubt, als eine verführerische Männerstimme ihn mit seinem Namen ansprach, "Stuart". Einen Augenblick lang war er ärgerlich, als die Stimme drohte, ihn zu erschießen, wenn er auflegen sollte. Dann fiel sein Blick auf den roten Punkt, der über sein Hemd wanderte und das Einschußloch markierte, sollte der Unbekannte am anderen Ende der Leitung tatsächlich abdrücken - und er begann, um sein Leben zu kämpfen, bis er merkte, daß es die Erlösung war, um die es ging: Abbitte sollte er leisten, für seine Sünden und sündige Gedanken.

Kammeroper für vier Kameras

"Phone Booth" ist der trockene Originaltitel des Films, der diese Geschichte erzählt, die nirgendwo anders spielen könnte als in der Enge eines Glaskastens, der von allen Seiten einsehbar und über die Telefonleitung für jedermann von überall her erreichbar ist, ohne daß die Passanten, die draußen vorübergehen, auch nur eine Ahnung haben, was hinter den Glaswänden vor sich geht. Ein Großstadtort, der mitten in der Masse ein Stück Intimität gewährt, die hier zur Falle wird. "Nicht auflegen!" heißt, schon sehr viel dringlicher, der deutsche Titel, aus dem der Ort des Geschehens und damit ein großer Teil der Filmidee verschwunden ist.

Es war Larry Cohen, ein ausgewiesener Horror- und Science-fiction-Autor mit jahrzehntelanger Erfahrung im unabhängigen wie im Mainstream-Kino, der die Idee hatte, einen Mann in einer Telefonzelle wie in einem Glassarg zu plazieren und einen Heckenschützen auf ihn anzusetzen, von dem niemand weiß, wo er sich befindet. Nach Cohens Drehbuch führte Joel Schumacher Regie, und was aussieht wie ein preiswertes B-Movie mit wenigen Darstellern, wie im Schnelldurchlauf gedreht an nur einem Ort, ist eine zwar tatsächlich schnell produzierte, aber auch raffiniert choreographierte Kammeroper für vier Kameras, die nach achtzig rasenden Minuten wieder vorbei ist - ein Fiebertraum aus urbaner Paranoia und Heilsgeschwätz, den beiden Konstanten des amerikanischen Zeitgeists, wohin auch immer er weht.

Ein unmoralischer Wicht

Die Stimme, die Stuart bedroht, gehört Kiefer Sutherland. Nur ganz zum Schluß sehen wir sein Gesicht, schemenhaft für einen langen Moment in verwischter Zeitlupe. Mit seiner Stimme allein, die der des großen Stimmverführers John Malkovich - der in "In the Line of Fire" Clint Eastwood ebenfalls telefonisch zusetzte - ebenbürtig ist, schafft er eine Figur, die nicht nur Stuart noch lange um den Schlaf bringen wird. Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er ausgezogen ist, um gegen das Böse anzutreten oder wenigstens gegen den einen oder anderen Zeitgenossen, den er als unmoralisch, oberflächlich und keinem höheren Gut als dem eigenen Besten verpflichtet erachtet.

Wie Stuart. Ihm erzählt er von einigen seiner früheren Opfer, die er ins Fadenkreuz seines Zielfernrohrs genommen und dann den Abzug tatsächlich gedrückt hatte, einen Geschäftsmann zum Beispiel, welcher mit betrügerischen Börsengeschäften seine Angestellten in den Ruin getrieben hatte. Stuart, einen kleinen PR-Agenten, der mit zwei Mobiltelefonen jongliert, hat er ausgesucht, weil der seinen Assistenten ausbeutet, seine Klienten belügt, seine Kontaktleute in den Medien gegeneinander ausspielt und eben seine Frau betrügt, wenigstens im Geiste - ein Wicht ohne moralische Prinzipien, der in Todesangst zum ersten Mal über sich nachzudenken beginnt.

„Was glaubst du, wer du bist?“

Colin Farrell ist Stuart. Der junge Ire, der in Steven Spielbergs "Minority Report" als CIA-Agent Tom Cruise an die Wand spielte, hat hier das kleine Terrain gleich ganz für sich. Der unverkennbare Bronx-Akzent, den er sich für die Rolle zulegte, geht im Hochdeutschen verloren; was bleibt, ist eine sprachliche Vulgarität, die synchronisiert noch um einiges schmerzhafter klingt als im Original. Daß die Telefonzelle in unmittelbarer Nähe des Times Square in der dreiundfünfzigsten Straße zwischen siebter und achter Avenue steht, wo heruntergekommene Huren und ihre gewalttätigen Zuhälter ebenfalls mitunter ein öffentliches Telefon brauchen, gibt der Idee, daß die Welt vom Bösen zu erlösen sei, eine gewisse Plausibilität.

"Who do you think you are?" fragt ein riesiges Reklameschild, an dem eine der Kameras einmal vorüberstreift, als habe der unbekannte Schütze seine Verachtung für Leute wie Stuart plakatiert. Die Frage könnte sich mit gleichem Recht auch an ihn selbst richten. Er ist nicht der erste Stellvertreter Gottes unter den Serienmördern Amerikas und des amerikanischen Kinos, aber wahrscheinlich der letzte, der im Zeitalter der Mobiltelefone und türlosen Anrufnischen sein Opfer in einer Telefonzelle festnagelt. Das ist keine große Beruhigung, aber die einzige, die "Nicht auflegen!" gewährt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Juli 2003

 
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