Von Michael Schuh
11. September 2002 Zu Alfred Hitchcocks Oscar-gekröntem Film Suspicion von 1941 existiert die schöne Anekdote, ein leitender Angestellter des Filmstudios habe des Nachts in geheimer Mission alle Szenen herausgeschnitten, die Cary Grant als potentiellen Mörder zeigten. Damit verstieß der Täter rigoros gegen die vom Regisseur selbst aufgestellten Regeln des Suspense, die Hitchcock im Laufe der Jahre zum Begründer und Meister des Genres etablieren sollten. Und obwohl dieser die Beschneidung wieder rückgängig machen konnte, gegen ein von den Studiobossen diktiertes Filmende konnte selbst er sich angeblich nicht erwehren.
Ein Vorgang, wie er 61 Jahre später für den Thriller-Regisseur M. Night Shyamalan undenkbar ist. Dank seines Millionenseller-Debüts The Sixth Sense von 1999 kann der Shooting-Star lästige Hobby-Skriptschreiber aus der Marketingabteilung auf Abstand halten. Der apokalyptische Thriller um einen Jungen, der Tote sehen kann, gilt als sein filmisches Meisterstück, dessen schockierendes Ende jedem Kinobesucher bis heute in Erinnerung geblieben sein dürfte.
Peinlicher Showdown
Daran wird sich so schnell nichts ändern, schon gar nicht Shyamalans neuester Thriller Signs - Zeichen. Zwar konfrontiert er uns wieder mit übersinnlichen Phänomenen - mysteriöse Kornfeldkreise als Botschaft einer fremden Zivilsation -, sein sicheres Gespür für ein spannungsgeladenes Finale lässt Shyamalan diesmal leider auf ganzer Linie vermissen. Hauptschuldig daran ist nicht etwa Hauptdarsteller und Ex-Frauenversteher Mel Gibson, wie man vorschnell vermuten könnte, sondern der regelrecht peinliche Showdown, in der die bis dahin nur in der Phantasie des Zuschauers existenten Aliens die Szenerie betreten.
Gerade weil Shyamalan sich mit The Sixth Sense und Unbreakable einen Ruf als Meister atmosphärisch dichter Handlungswiedergabe erarbeitet hat, wirkt dieses Finale geradezu platt und ja: fremden Gehirnen entsprungen. In Gestalt grün schimmernder E.T.-Klone jedenfalls hätte er uns seine Verehrung für Steven Spielbergs Lebenswerk nicht vor Augen führen müssen. Ironischerweise könnte uns das Filmende von Signs somit doch langhaltig in Erinnerung bleiben.
Kornkreis-Phänomen zweitrangig
Obwohl Shyamalans Vermittlung unheilvoller Emotionen und düsterer Vorahnungen gerade durch einige intelligente Kameraeinstellungen erneut beeindruckt, ist Signs beileibe nicht der heiß erwartete Alien-Thriller, sondern vielmehr das amerikanische Familien-Portrait eines verwitweten Ex-Priesters, der nach dem grausigen Unfalltod seiner Frau mit seinen Verbliebenen wieder zu einem Glauben zurückfinden soll.
Shyamalan legt größten Wert auf die persönliche Geschichte seiner Hauptfigur, möchte zeigen, wie Farmer Hess den Verlust seines Glaubens nach und nach in Frage stellt und nimmt damit in Kauf, dass das Phänomen der Kornkreise immer mehr in den Hintergrund rückt. Denn schnell ist klar, dass es die bösen, unzivilisierten Wesen auf die Familie abgesehen haben. Das Farmerhaus wird zur förmlich letzten Bastion vor dem Paranormalen. Und das Schreckliche nähert sich selbstredend auf Samtpfoten.
Klassische Schauermomente
Schauermomente erreicht Signs denn auch in geradezu klassischen Situationen: Wenn Hess in tiefer Dunkelheit und nur mit Taschenlampe bewaffnet allein durch sein Kornfeld schleicht und man dazu die knisternden Naturgeräusche und spitzen Töne à la Psycho vernimmt. Oder wenn die Familie, bereits im Kellergeschoss zitternd, gebannt auf die verbarrikadierte Holztür starrt, die nach und nach den Kräften von außen nachzugeben scheint. Das Medikament für den asthmakranken Sohn liegt derweil eine Etage höher.
So überzeugend gerade wieder die darstellerischen Leistungen der von Shyamalan ausgewählten Kinderstars ist, bleibt an seiner dritten Großproduktion dennoch ein fader Beigeschmack haften. Die Stringenz der Erzählung wird einer wahrlich außerirdischen Auflösung geopfert.
Das Eingreifen in sein Filmende von Suspicion kommentierte Hitchcock im übrigen einst mit der Äußerung, der Aufbau des Plots sei ihm ohnehin wichtiger als das Ende. Obwohl man ihm die Bemerkung in dieser Eindeutigkeit nur schwer abnehmen will, M. Night Shyamalan hätte der Vorstellung seines Idols mit Signs somit Genüge getan.
Text: @msch
Bildmaterial: Buena Vista, FAZ.NET
