Video-Filmkritiken

Kino

Im Spinnennetz der Liebe: „Stolz und Vorurteil“

Von Andreas Kilb

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20. Oktober 2005 Jane Austen hat in ihrem kurzen Leben - sie starb im Juli 1817 im Alter von 41 Jahren - sieben Romane geschrieben. Sechs davon wurden bisher verfilmt, manche drei-, vier- oder gar zehnmal, einer („Northanger Abbey“) nur einmal.

Zwei Drittel der insgesamt dreiundzwanzig Austen-Adaptionen sind freilich Fernsehfilme und -serien, nur neun Verfilmungen kamen ins Kino. Dieses Zahlenverhältnis gibt einen wichtigen Hinweis auf den Charakter von Austens Geschichten: Sie sind undramatisch. Oder besser, sie sind dramatisch im Kleinen, pittoresk im Großen, wie es das Fernsehen verlangt. Es geht um Landfräuleins, meist aus niederem Adel, die einen Bräutigam suchen und auch bekommen. Oder nicht bekommen. Oder auf eine Weise bekommen, die der Moral der Zeit widerspricht. Auf dem Weg zur Erfüllung gibt es Verwicklungen, die das Innerste der Figuren nach außen kehren und das Äußere, die Wertvorstellungen der landed gentry und des Bürgertums, nach innen, in die Seele der Heldinnen, als Sehnsucht und Schmerz. Das alles läßt sich im Fernsehen wunderbar darstellen, im Kino dagegen nur schwer.

Schon zehnmal adaptiert

„Stolz und Vorurteil“, 1813 erschienen, ist der Filmliebling unter Austens Romanen. Genau zehnmal wurde das Buch seit 1938 adaptiert, freilich nur zweimal für die Kinoleinwand: 1940 spielten Greer Garson und Laurence Olivier Austens widerspenstiges Liebespaar für Robert Z. Leonard, und jetzt hat Joe Wright die Geschichte abermals verfilmt. Auch für diese Bevorzugung gibt es einen guten Grund, denn „Stolz und Vorurteil“ ist sozusagen das austensche von allen Austen-Büchern; es buchstabiert das Fräuleinproblem vollständig aus.

Um die zentrale Love-Story zwischen Miss Elizabeth Bennet und Mister Darcy herum sind drei weitere Liebes- und Heiratsgeschichten gesponnen, eine romantische, eine prosaisch-graue und eine ziemlich anstößige, so daß der Roman fast etwas Enzyklopädisches hat. Alle Standardsituationen der Austen-Welt, vom verhaltenen Flirt bis zur berechneten Verführung, werden durchgespielt, und wenn Vater Bennet am Ende scherzhaft-resigniert nach Heiratskandidaten für seine zwei (von insgesamt fünf) verbliebenen Töchter ruft, steckt darin auch ein Kommentar zu Jane Austens Erzählstrategie: Alle Gleichungen gehen auf, alle Mädchen kommen unter die Haube, und wer am Ende übrigbleibt, hat seine Verlobung bloß noch vor sich. Die Pfarrerstochter Austen hat übrigens nie geheiratet.

Kein steifer Kostümfilm

Mit Joe Wrights Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“, die man nach all den Fernsehfilmen (und nach Ang Lees fliederfarbener Adaption von „Sense and Sensibility“) mit einigem Mißtrauen erwarten durfte, verhält es sich nun so, daß sie nicht nur kein steifer Kostümfilm ist, sondern ein kleines Wunder. Ein Wunder an Geschmack in Ausstattung und Kulisse, an Geschick bei der Besetzung der Rollen, an erzählerischer Ökonomie. Und das, obwohl sie in aller Umständlichkeit zur Sache geht, mit ausgedehnter Vorstellung des Personals, mit langen Einstellungen von Salons, Männern in Fräcken und Frauen in Korsettkleidern, mit Klavierspiel und Kutschfahrten und allem anderen, was zur filmischen Literaturdenkmalpflege gehört.

Es ist nur so, daß all diese Langsamkeiten in Wrights Film genau im richtigen Verhältnis und im passenden Moment auftauchen, so daß die gut zwei Stunden, die er dauert, wie im Flug vergehen. In dieser Beschleunigung verflüchtigt sich womöglich, was dem Austen-Leser als Essenz ihres Schreibens erscheint, das Indirekte, Umweghafte, Vorsichtige ihres Tons. Aber es kommt auch etwas zum Vorschein, was so nur im Kino enthüllt werden kann: das knallhart Kalkulierte, symmetrisch Gegliederte dieses Romans, der vom Tauschhandel mit Geld und Gefühlen handelt, von Herzen, die gekauft, und Seelen, die gebrochen werden.

Es ist ein Netz

Die Geschichte geht so: Elizabeth (Keira Knightley), zweite von fünf Töchtern des armen Landedelmanns Bennet (Donald Sutherland), lernt den reichen Adligen Darcy (Matthew MacFadyen) kennen, den sie nicht liebt. Darcys Freund Bingley verliebt sich in Elizabeths ältere Schwester Jane, aber die Romanze wird von Darcy sabotiert. Darcy, der einer reichen Kusine versprochen ist, erklärt Elizabeth seine Liebe; sie weist ihn ab. Dann brennt Elizabeths jüngere Schwester Lydia mit einem Offizier durch; Darcy hilft mit Rat und Geld. Durch Dritte erfährt Elizabeth, daß Darcy nicht der Unmensch ist, für den sie ihn hielt. Lady Catherine, Darcys Tante, warnt Elizabeth vor einer Verlobung mit ihrem Neffen. Am nächsten Tag erscheint Darcy selbst, und die beiden werden ein Paar.

Man sieht: Es ist ein Netz. Und Darcy sitzt darin als Spinne, die alle Fäden zieht. Das haben Wright und seine Drehbuchautorin Deborah Moggach erkannt und behoben. Sie haben nicht nur, wie bei Literaturverfilmungen üblich, ein paar Nebenfiguren beseitigt und die Dialoge gekürzt, sondern die gesamte Hierarchie der Handlung einfach umgekehrt. Bei ihnen spielt Darcy keine Rolle mehr. Er ist nur ein vages Gestirn am Sehnsuchtshorizont von Miss Elizabeth Bennet. Alles Schauen, alles Fühlen, alles Handeln geht von Elizabeth aus, sie ist im Zentrum aller Bilder, und wir fühlen nur, was sie fühlt. Für Jane Austen war ein so radikal subjektiver Blick noch nicht vorstellbar, sie hielt sich an den erzählerischen Stickrahmen des englischen Erziehungsromans. Es ist nicht das erste Mal, daß das Kino ein klassisches Buch mit seinen Mitteln zu sich selbst bringt.

Der Mädchenblick triumphiert

Keira Knightley, die Darstellerin der Elizabeth, durfte in dem Piratenspektakel „Fluch der Karibik“ an der Seite von Johnny Depp stehen - gerade dreht sie in Hollywood Teil zwei und drei -, und Joe Wright hat sich als Regisseur einer Fernsehserie über Charles II. eingeführt, den König der englischen Restauration. Die beiden konnten gar nicht zusammenpassen, aber wie so oft straft der fertige Film die Papierform Lügen. Knightley besitzt eine impulsive Grazie, die an die Audrey Hepburn von „Roman Holiday“ erinnert, und Wright läßt in „Stolz und Vorurteil“ alle Fernsehgewohnheiten weit hinter sich. Im Wechsel von Steadycam-Bewegungen und kalten Tableaus prallen die gegensätzlichen Welten von Elizabeth und Darcy aufeinander, und wenn am Ende die Liebe siegt, triumphiert auch der ungebundene Mädchenblick über die starre Zentralperspektive.

Literaturkino ist immer auch Ausstattungskino. Der Versuchung, den Text auszuschmücken, entgeht keine Adaption. Aber es kommt darauf an, wie man sie nutzt. Einmal, in der zweiten Hälfte des Films, betrachtet man durch Elizabeths Augen den Landsitz Darcys. Es ist ein kalter Traum von einem Haus im palladianischen Stil, mit Barockgarten, Teich und Fontäne. Die Kamera schaut ein wenig länger hin als nötig, so daß man erkennt, daß dieser Palast auch ein Grab ist. Und so kommt es, daß man sich am Ende, als Elizabeth am Ziel aller Wünsche ist, gar nicht von ihr trennen mag. Man will sie nicht entlassen ins Gefängnis ihrer Liebe. Aber die Leinwand klappt unerbittlich zu.



Text: F.A.Z., 20.10.2005, Nr. 244 / Seite 35
Bildmaterial: united international pictures

 
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