Von Andreas Kilb
04. Februar 2004 Komödien, hat ein Komödiant gesagt, seien Tragödien plus Zeit. In Bent Hamers Film "Kitchen Stories" entsteht der komische Effekt durch den Blick zurück in ein erledigtes Jahrzehnt - und durch eine bedeutsame Verschiebung im Raum. In den fünfziger Jahren gab die schwedische Regierung ein Forschungsprojekt in Auftrag, das die Gewohnheiten und Bewegungsabläufe einheimischer Hausfrauen in ihrem Küchenalltag ermitteln sollte.
Die gewonnenen Daten dienten dazu, die Einbauküchenherstellung zu optimieren. Es war ein Vorhaben, das so recht dem modernistischen Geist der Zeit entsprach - und dem Überlegenheitsgefühl der Schweden gegenüber ihren skandinavischen Nachbarn.
Segnungen der Moderne
Der Norweger Hamer hat den Rahmen dieser Studie auf sein Heimatland ausgedehnt. In "Kitchen Stories" schickt er die schwedischen Feldforscher in ihren zementgrauen Volvos mit Wohnanhängern in das abgelegene Dörfchen Landstad, wo alte Junggesellen ihre einsam stehenden Höfe bewirtschaften. Einer, der knorrige Isak (Joachim Calmeyer), beherbergt den vor Sachlichkeit strotzenden Folke (Tomas Norström) in seiner Küche.
Als Belohnung hat man Isak ein neues Pferd in Aussicht gestellt, doch es ist nur ein lackiertes Holzpferd, das er aus dem Gemeindehaus des Dorfes nach Hause tragen darf. Die Versprechungen der Moderne haben in "Kitchen Stories" einen hohlen Klang.
Feldforschung für die Zukunft
In Isaks Küche plaziert sich der flinke Folke auf einem hölzernen Hochstuhl, der den Schiedsrichtersitzen beim Tennis ähnelt, und wartet ab, was geschieht. Und es geschieht: nichts. Das ist die große Idee dieses Films - zwei Männer in einen Raum zu setzen, die sich mit allen Mitteln bemühen, füreinander unsichtbar zu sein. Der eine, störrisch und scheu, will nichts von sich preisgeben, der andere, wissenschaftlicher Objektivität verpflichtet, darf es nicht.
Und es ist wirklich komisch, das zu sehen, so wie es bei Aki Kaurismäki komisch ist, Menschen zuzuschauen, die das Gegenteil tun, die unentwegt darum ringen, mehr als ein soziologischer Normalfall zu sein. Wo Kaurismäki Märchen aus dem Spätkapitalismus erzählt, geht Hamer einen Schritt zurück: Er zeigt die verwaltete Welt von damals, als sie noch jung und unschuldig war.
Eigentlich ein Film ohne Worte
Natürlich muß auch Bent Hamer ein paar ganz gewöhnliche Kinotricks und -kniffe anwenden, um irgendwie zu einem Ende zu kommen, und natürlich wird auf dem Weg dorthin doch wieder einiges gesprochen. Aber kein Dialog kann das Gefühl des Zuschauers übertönen, daß "Kitchen Stories" in Wahrheit ein Film ohne Worte ist, eine Phantasie um ein stummes Bild herum.
Und so denkt man noch lange an die beiden schweigsamen Männer in der alten Küche in Landstad, an ihre Geschichten, die sie voreinander zu verbergen versuchen, und an die Geschichte, die sie auf diese Weise miteinander erleben, widerwillig zuerst, aber schließlich doch nicht ohne innere Bewegung. Ob das eine Komödie ist? Wer weiß.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2004, Nr. 29 / Seite 36
