Von Gustav Federhenn
Video-Kritik: Tobey Maguire als "Spider-Man"
05. Juni 2002 Spider-Man, Superman, Batman und auch James Bond - wie übrigens fast alle Actionhelden in Cartoons und Kino - sind ideale Helden für die seltenen schönen Augenblicke in einer Existenz voller Demütigungen, Einschränkung und Unterordnung. Der fantasierte Superheld wird um so wichtiger, je stärker wir unsere alltägliche Machtlosigkeit empfinden.
Besonders im Lebensabschnitt zwischen Kindheit und Erwachsen-Sein, wenn das Selbstgefühl und Potenzial sich so drastisch vom gesellschaftlichen Rang unterscheidet, kann die Identifikation mit den Giganten Seelenschmerz lindern. Wie das Geschlecht der Helden vermuten lässt, handelt es sich wohl um männliche Fantasien, die zeigen, wie es wäre, als Mann gewaltig stark, reich und begehrenswert zu sein.
Actionheld mit Schwächen
In seiner neusten Kinoerscheinung ist der Spider-Man allerdings keine hermetische Projektionsfigur: Anders als die anderen verfilmten Comic-Helden, die den Mann im Namen tragen und ihre Action-Brüder, die nach ihrem Vorbild entworfen worden sind, zeigt der Spinnenjunge auch stellvertretend für seine Bewunderer Schwäche und Verletzlichkeit.
Peter Parker (Tobey Maguire) ist ein Schüler, der es sich gefallen lassen muss von den sportlichen Platzhirschen seines Jahrgangs angerempelt und von den Beauties im Rudel übersehen zu werden. Heimlich und schüchtern schwärmt er für das Supergirl in seiner Klasse (Kirsten Dunst), doch sie widmet ihm kaum einen Blick, obwohl sie ein Haus weiter wohnt. Nur einen Freund hat Peter, den Millionärssohn Harry Osborn (James Franco), mit dem niemand sonst etwas zu tun haben will. Allein dessen Vater, ein erfolgreicher Wissenschaftler (Willem Dafoe), weiß Peters Fähigkeiten zu schätzen.
Kampf der Mutanten
Dann wird Peter von einer mutierten Spinne gebissen - und entdeckt alsbald, ungeahnte neue Kräfte und Fähigkeiten. Zur gleichen Zeit etwa erfährt auch der Wissenschaftler Osborn - dieser allerdings selbstverschuldet - eine Veränderung seiner menschlichen Existenz: Fertig sind die Widersacher!
Osborn verwandelt sich in Green Goblin, den machtgierigen Widerling, und Parker wird Spider-Man, der Retter der Bedrohten. Natürlich kommt es bald zum Kampf zwischen den beiden Mutanten, die ihr bisheriges Leben weiterleben und nur bei Bedarf die seltsamen Gestalten annehmen, die zu ihren ungeheuren Fähigkeiten passen. Da gibt es unvorstellbare Aktionen, die allein die Special-Effect-Spezialisten realisieren können. Sie machen es den beiden Fast-Noch-Menschen möglich, in rasanter Geschwindigkeit durch die Lüfte zu gleiten. Natürlich geschieht das in gewohnter technischer Makellosigkeit.
Actionfilm mit Stärken
Allein das Spezielle der Special Effects fehlt hier ein wenig. Wie es sich gehört, sieht das Undenkbare zwar realistisch aus, wirkt jedoch etwas hölzern. Dem Film schadet es kaum: Drehbuch (David Koepp) und Regie (Sam Raimi) bauen eine vergnüglich sympathische Was-Wäre-Wenn-Welt auf, in der die Verletzlichkeit des Peter Parker einen Platz hat und nicht nur als Versagen abgetan wird. Parkers Verwandlung in den allmächtigen Beschützer, Spider-Man, verlässt dann auch die Wege der kalten Fantasie- und Action-Figuren ohne ins nahe liegend Feld der Verkitschung hinüber zu gleiten. Spider-Man ist eine sensible Allmachtsfantasie. Das ist auch das Verdienst von Tobey Maguire, dessen Augen allein mehr Gefühlsnuancen andeuten als beispielsweise die verschieden Gesichter des Nicolas Cage.
Damit uns niemand vorwerfen kann, wir hätten es nicht gewusst, sei noch erwähnt, dass eine Szene, in der Spider-Man seine Netze zwischen dem World Trade Center aufgespannt hatte, herausgenommen wurde - zweifellos eine richtige Entscheidung, denn eine Politisierung verträgt diese Fantasie bestimmt nicht.
Spider-Man, USA 2000, Regie: Sam Raimi, Darsteller: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Willem Dafoe u.a.
Text: @henn
Bildmaterial: Columbia Tristar, FAZ.NET