Von Christian Kracht
02. Januar 2008 Ein Mann im Anzug, selbstverständlich trägt er Schnäuz, rast im Taxi durch eine recht wuselige Stadt in Indien und versucht, einen abfahrenden Zug, den Darjeeling Limited, zu erwischen. Am Bahnhof dann, in Zeitlupe; der Zug fährt ab; der Mann schafft es nicht; er lässt frustriert und atemlos sein Gepäck auf den Bahnsteig fallen; es ist Bill Murray. Er wird im Film nie wieder auftauchen, seine Geschichte ist eine andere.
Bill Murray, der im heutigen Kino nur noch in die Kamera sehen und Gesichtsbehaarung tragen muss, um das Publikum in ironisches Gekicher und augenzwinkernde Begeisterungsstürme zu stürzen, in dessen ausdruckslosem Blick die gesamte Kulturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gleichzeitig verborgen, komprimiert und destilliert zu liegen scheint, dieser Bill Murray ist nur noch Zitat seiner selbst, bekommt einen dreiminütigen Auftritt und verschwindet. Das Implizierte in Bill Murrays halbverwundetem Blick zu überwinden, also jene halbironische, halbmetaphysische Leere nicht länger zu betrachten, das ist eines der großen Themen des neuen Films des Regisseurs und Profi-Nerds Wes Anderson.
Narrenschiff durch den riesigen Subkontinent
Jim Jarmusch hat in seinem recht mäßigen Film Broken Flowers vergeblich versucht, sich an das Geheimnis von Bill Murrays Blick zu hängen, Sofia Coppola hat mit Lost in Translation daraus ebenfalls gleich einen ganzen Film gemacht, doch nur Wes Anderson - dessen Kamera Bill Murray in Rushmore, The Royal Tenenbaums und The Life Aquatic gleich einem in ein Vakuum gerichteten Teleskop jahrelang untersucht hat - schafft es nun, sich gleichermaßen am Anfang davon freizumachen, es geht seit neun Jahren, so will uns Wes Anderson sagen - also seit Rushmore im Kino -, nur um Bill Murrays enigmatisch-leeren Blick, jetzt ist es langsam genug damit, nun kommt endlich ein - wie soll man sagen? Vielleicht ja: - ein erwachsener Film. Und siehe da - kaum ist Murray weg, kaum hat er den Zug verpasst, kann endlich einer der besten Filme des Jahres beginnen; es ist die Geschichte dreier Brüder (Jason Schwartzman, Adrien Brody, Owen Wilson), die mit der Eisenbahn durch Indien fahren, auf dem Weg zu sich selbst. Ihr Vater ist vor kurzem verstorben, die Brüder haben sich nie wieder treffen, nie wieder miteinander sprechen wollen, nun tun sie es doch, an Bord jenes indischen Zuges, der gleich einem Narrenschiff durch den riesigen Subkontinent rattert.
Wes Anderson schafft es in The Darjeeling Limited nicht nur, das magische indische Licht Jean Renoirs oder Satyajit Rays einzufangen, sondern auch die entfärbte, langsam verblassende Patina des Kolonialismus (meist ist sie minzgrün), die Sehnsucht, die Nostalgie, das Verzehren und vor allem die furchtbare Angst vor der Unausweichlichkeit des Alterns und des Todes zu zeigen. Und wir erkennen auch, dass es den immer stärker zum Hermetischen neigenden Anderson natürlich freut, dass zwar die pure Form nicht mehr ausreicht, dass das reine Selbstzitat im Sinne Quentin Tarantinos zur filmischen Sackgasse geworden ist, aber dass Dekor und Ausstattung weiterhin mit manischster Akribie betrieben werden können.
So charmant wie selten
Die von Wes Anderson durchgeführte Vivisektion der Maschine - das Haus in The Royal Tenenbaums, das Schiff in The Life Aquatic, hier die Eisenbahn - erklärt in wundersamer Weise, dass man, wie Bill Murray im Film, sein Gepäck fallen lassen oder, wie der im wirklichen Leben suizidal veranlagte Owen Wilson, sich seiner Schuhe entledigen muss, man soll lernen, sich von der Last und der Schuld der Vergangenheit freizumachen, versuchen, die Blockade psychoanalytisch aufzubrechen. Die übermächtige Vaterfigur steht im Gegensatz zu Andersons früheren Filmen hier nicht mehr im Mittelpunkt, sondern bleibt unsichtbar - lediglich ein alter Koffer des Vaters, der im Kofferraum eines klapprigen roten Porsche 912 in einer Autowerkstatt in New York liegt, repräsentiert noch das baggage, das Gepäck der Schuld, das fallengelassen werden muss, um weiterleben zu können.
Wes Anderson, der in seinen Filmen die Popmusik ähnlich virtuos wie Quentin Tarantino verwendet, allerdings ohne dessen mathematisch-kalte Berechnung, sondern eher sanft metonymisch, benutzt keine ausgeklügelten Kamerastürze und -fahrten, sondern setzt einfach Joe Dassins Schlager Les Champs-Élysées ein, während der Zug durch Indien rollt, das ist so charmant wie selten geworden im Kino, dass ein Regisseur den Mut findet, das Pathos der kleinen Dinge zu zeigen.
Zurück zur Liebe
Anderson selbst spricht vom immensen Einfluss von Jean Renoirs einzigem indischem und erstem Farbfilm Der Strom, und während der Proll Tarantino nach dem Todesballett von Kill Bill immer zynischer wird - er produzierte jüngst den furchtbaren, menschenverachtenden Splatter- und Folterfilm The Hostel und drehte den wirklich im schlechtesten Sinne schockierenden Death Proof -, kehrt Anderson zurück zu einer Darstellung der Liebe. The Darjeeling Limited zeigt uns genau die neun traditionellen Bestandteile indischer Kunst, die aus der Natyasastra von Bharata Muni, der Poetik eines Aristoteles des indischen Subkontinents, übernommenen neun Navarasas im Sanskrit; ein guter Film soll diese zu gleichen Teilen enthalten; es sind die Liebe (die Erotik), die Komik, das Pathos, das Wundersame, das Friedvolle, der Schrecken, der Ekel, das Heldentum und die Wut.
Kurz vor Schluss verfährt sich der Darjeeling Limited, bleibt in einer öden indischen Wüste stehen, die Brüder steigen aus, und die Figur Jason Schwartzmans sagt: Trains can't get lost. Es geht wie immer um die Durchbrechung der Allgemeinplätze der Metaphysik. Es geht um den Schmerz des Verlustes, um den verlorenen Schuh, den verlorenen Koffer, den verlorenen Vater, die verlorene Mutter, den kaputten Porsche, die verlorene Liebe zur indischen Schaffnerin, um das sterbende Kind im Fluss, um das Leben als Leiden. Paddy McAloon von Prefab Sprout sang einst: Words are trains for moving past what really has no name. Und das ist es ja im Grunde.
Von Christian Kracht erschien zuletzt New Wave im Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Darjeeling Limited kommt am 3. Januar ins Kino.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.12.2007, Nr. 51 / Seite 25
Bildmaterial: Fox
