Von Gunter Göckenjan
12. Dezember 2001 Beim Film hält man die für die Cleversten, deren Arbeit auch den Dümmsten gefallen. Hier wird ganz groß, wer sich klein macht oder es ist. Kunstanspruch wird an der Kinokasse abgegeben.
Durfte das Kunstwerk noch mit Formen und Strukturen spielen, so strebt die Unterhaltung lediglich nach der größtmöglichen Aufhebung des Reibungsverlustes zwischen Konsumgut und Konsument. Das Bekannte ist da deshalb das Beste. Folglich sind auch Eigenartigkeiten wie der Stil eines Regisseurs oder Autors unerwünscht.
"Memento" ist ganz Form und Stil und offenbar eine Arbeit von intelligenten Menschen. Es darf mitgedacht, zuweilen sogar rekonstruiert und gerätselt werden. Wer sich vollkommen unvorbereitet in diese Film-Noir-Dekonstruktion verirrt, mag sich anfangs auch etwas überfordert fühlen, denn in "Memento" läuft nichts nach bekannten Erzählschemata ab. Doch bald findet man sich in dem Labyrinth zurecht, weil fast jede Sequenz dort endet wo die vorhergehende begann. Das erleichtert die Orientierung, also merkt man bald: In einer chronologischen Erzählweise wäre die jeweils vorhergehende Szenenfolge die nächste.
Regisseur Christopher Nolan erzählt die Geschichte des Versicherungsermittlers Leonard Shelby (Guy Pearce) rückwärts. Leonard hat nach dem Mord an seiner Frau das Kurzzeitgedächtnis verloren. Die letzte Tatsache, an die er sich erinnert, ist ihr Tod und natürlich der Vorsatz, sie zu rächen und den Mörder zu finden.
Der Mann mit dem kurzen Gedächtnis
Wer aber ist die Frau (Carrie-Ann Moss), mit der er gerade eben geschlafen hat, und wer der Freund (Joe Pantoliano) - wenn es denn einer ist - , mit dem er gerade spricht? Wer ist der Mann, den er eben umgebracht hat? Bald wird er auch diesen Mord vergessen haben. Deshalb ist er ein leichtes Opfer für Täuschungen. Alle, die ihm begegnen, scheinen das auszunutzen.
Leonard tätowiert sich die Eckdaten seiner Ermittlungen und Begegnungen auf den Körper. Dann vergißt er auch diese Tatsache. Erst wenn er sich vorm Spiegel entkleidet, findet er die Informationen wieder. Er hält auch noch so viel wie möglich auf Polaroid fest und macht sich dazu Notizen, etwa: "Glaube seinen Lügen nicht." Aber kann er den aufgechriebenen und fotografierten Erinnerungssubstituten vertrauen?
Der Polaroid-Effekt
Von den Polaroids läßt Leonard sich den Weg durch den Zeitfluß zeigen. Diese Funktion übernimmt sonst das Gedächtnis. Wie das Gedächtnis halten die Bilder den Augenblick fest und verblassen doch bald. "Memento" kann man deshalb nebenbei auch als Hommage an die soeben abgeschlossene Epoche der Polaroid-Fotografie verstehen. Verflossen, dahin.
Mit dem Erinnerungsvermögen hat Leonard das Gefühl für den Fluß der Zeit verloren. Alles geschieht für ihn zum ersten Mal und kann sich deshalb unendlich oft wiederholen. Es gibt kein Ende und keinen Anfang. Ohne das Bewusstsein von Zeit, kann diese auch keine Wunden heilen. Leonard schwimmt im Nichts, aber er weiß es nicht.
Der verdrehte und zerhackte Zeitablauf ist in dieser Erzählung Form und Inhalt zugleich. Der Film, den Christopher Nolan gemacht hat ist nicht clever, er ist intelligent, wie zweifellos auch sein Regisseur und Autor. Ihm in das Erzähl-Labyrinth zu folgen ist ein Vergnügen.
Text: @göck
Bildmaterial: New Market
