Video-Filmkritiken

Kino

Glückssuche am Ende der Welt: „Historias minimas“

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Film-Kritik: Javiera Bravo in "Historias Minimas"

20. August 2003 Um einen Werbefilm zu drehen, war der argentinische Regisseur Carlos Sorin vor Jahren in die Wüste Patagoniens aufgebrochen. Für eine Telefongesellschaft sollte er einen Spot darüber drehen, wie ein abgelegenes Dorf ans Telefonnetz angeschlossen wird. Als Sorin mit seinen Schauspielern ankam, stellte er fest, daß das, was er eigentlich nachstellen wollte, gerade vor seinen Augen tatsächlich passierte: Aufgeregte Menschen warteten auf das erste Telefonat ihres Lebens, sie hatten sich Telefonnummern auf die Handflächen geschrieben, es wurde gegrillt, es wurde gefeiert. Sorin ließ die Schauspieler im Hotel und filmte einfach, was sich ergab.

Es war dieses Erlebnis, das Carlos Sorin auf die Idee zu seinem Film „Historias mínimas“ brachte, auf die Idee, einfache Geschichten mit Laiendarstellern zu drehen, um jede unnötige Künstlichkeit zu vermeiden. Sein Drehbuch hat der Regisseur im Verlauf von Casting und Dreh immer weiter an die Eigenheiten und Möglichkeiten seiner Schauspieler angepaßt. Entstanden ist ein stilles Meisterwerk, in dem Carlos Sorin gelungen ist, in der scheinbaren Bedeutungslosigkeit seiner Protagonisten die ganze Welt einzuschließen.

Hunde, Torten, Küchenmaschinen

Er könne ja nicht einmal mehr allein auf die Toilette, muß sich der alte Don Justo anhören, als er von seinem Entschluß erzählt, im 200 Meilen entfernten San Julian nach seinem seit drei Jahren vermißten Hund zu suchen. Er macht sich dennoch auf die Reise, im Vertrauen darauf, daß ihn, wie in alten Zeiten, schon jemand mitnehmen wird. Das tut schließlich der 40jährige Vertreter Roberto. Er ist auf dem Weg zu einem Kindergeburtstag. Für den Sohn einer jungen Witwe, deren Herz er erobern will, hat er eine Torte in Form eines Fußballs im Gepäck. Schon unterwegs kommen ihm allerdings Zweifel, ob René nicht eher ein Mädchenname ist. Auch die junge Maria Flores ist mit ihrem Kind in Patagonien unterwegs. Sie hat bei einer Fernsehshow den ersten Preis gewonnen, eine Küchenmaschine mit dem sagenhaften Namen „Multiprozessor“.

Hartnäckige Helden

Aus den Geschichten und Träumen der drei knüpft Carlos Sorin ein poetisches Roadmovie mit dezent melancholischem Charme. Wenn der Regisseur seine drei Protagonisten auf ihrer Suche nach dem Glück beobachtet, wird sofort seine zärtliche Hingabe für einfache Figuren spürbar. Bestechend wirken vor allem die Details, die die unspektakuläre Inszenierung so authentisch machen und zugleich für leise Komik sorgen. Etwa wenn Maria den gewonnenen Multiprozessor gegen ein Schminkset eintauscht, da das Haus in ihrem abgelegenen Kaff gar keinen Stromanschluß besitzt. Oder wenn Roberto einem fetten Geschäftspartner seine Schlankmacherpflaster schmackhaft macht, der treulich versichert, ganz bestimmt nichts zu kaufen.

Die stärkste Leinwandpräsenz aber entwickelt der 80-jährige Antonio Benedictis, der mit den Ohren wackeln kann und mit seiner schlitzohrigen Hartnäckigkeit an den Helden aus David Lynchs Roadmovie „Straight Story“ erinnert, in dem ein Greis seine vermutlich letzte lange Reise mit einem Rasenmäher antritt. Im vergangenen Jahr gewann Sorins poetischer Film den Preis der Jury auf dem Filmfestival von San Sebastian.



Text: @kue

 
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