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„Pirates of The Carribean 3“

Refft die Segel, Kegelbrüder!

Von Andreas Kilb

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23. Mai 2007 Den Höhepunkt der Geschichte hat bereits Dante vor siebenhundert Jahren beschrieben: „Wir wandten unser Hinterschiff gen Morgen, / Die Ruder hoben wir zum tollen Fluge, / Und immer weiter drangen wir zur Linken . . . Da ist vor uns ein Berg emporgestiegen, / In dunkler Ferne; der schien so gewaltig, / Wie ich es nie zuvor gesehen hatte. / Wir freuten uns, doch ward es bald zum Unheil, / Denn von dem neuen Lande kam ein Strudel / Und schüttelte des Schiffes Vorderseite. / Dreimal ließ er's mit allen Wassern kreisen, / Beim vierten Male ging das Heck nach oben, / Der Bug nach unten, wie's dem Herrn gefallen, / Bis über uns die Wogen sich geschlossen.“

Nur dass in Gore Verbinskis Piratenfilm kein Berg, sondern ein Wasserfall aus der Dunkelheit am Ende der Welt auftaucht. Aber sonst ist das Mittelalter ganz nah, hier wie in der ganzen „Fluch der Karibik“-Trilogie: Seeungeheuer, die ganze Schiffe verschlingen; unerlöste Seelen, deren Herzen in Schatzkisten schlagen; die Göttin Kalypso, die, durch Zauberspruch in einen Menschenleib gebannt, zur Hexe geworden ist, als hätte ein frommer Pater Fragmente der „Odyssee“ gelesen. Die Filmindustrie des neuen Jahrhunderts bringt das alles zurück wie Treibgut, das von der digitalen Strömung an die Strände unseres Alltags gespült wird. Es bedeutet nichts, es beschwört weder Himmel noch Hölle, aber es ist hübsch anzusehen: Bilder, Figuren, Tand aus fernen Zeiten, der auf der Leinwand aufglüht und verlischt.

Kunst und Kasse

„Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt“ ist der dritte und womöglich letzte Teil der erfolgreichen Kinoserie. Das sieht man dem Film an, denn anders als seine Vorgänger gibt er sich keine Mühe, sein zahlreiches Personal noch einmal vorzustellen. Im Gegenteil, er fügt, beinahe kommentarlos, sogar noch eine weitere Figur hinzu, den chinesischen Freibeuter Sao Feng, gespielt von dem chinesischen Kinostar Chow Yun-Fat. Mit Sao Fengs Schiff und Mannschaft fahren Keira Knightley, Orlando Bloom und Geoffrey Rush in die Gefilde des Todes, um ihren Freund Johnny Depp in die Welt zurückzuholen. Im Film heißen sie zwar Elizabeth Swann, Will Turner und Captain Barbossa, doch sie spielen, als wäre die wilde Ironie von Depps Jack Sparrow auch in ihre Hirne eingedrungen, mit einem mehr als angedeuteten Augenzwinkern zum Publikum. „Pirates of the Caribbean“ ist das, was Susan Sontag als „camp“ bezeichnet hat, lustvolle, kindisch-vieldeutige Unterhaltung; aber der Film will, wie die Teile der „Shrek“-Serie, immer auch ein wenig mehr sein, er sucht nach einer ästhetischen Entsprechung für seine technische Brillanz.

Er will Kasse machen, aber auch Kunst. Deshalb, beispielsweise, hält sich Gore Verbinski so lange im Totenreich auf, wo Captain Sparrow alias Johnny Depp mit den Gestalten seines Unterbewussten ringt: fünf, zehn, zwanzig Johnny-Depp-Doppelgänger, Kino-Klone auf einem Geisterschiff, das auch „Hollywood“ heißen könnte statt „Black Pearl“. Und ringsum die harte Kruste eines Salzsees, das zum Bild erstarrte weiße Rauschen des Mediums, in dem die „Pirates of the Caribbean“ ihre Purzelbäume schlagen. Die Kieselsteine, die dort liegen, verwandeln sich in Krabben, sie tragen das Schiff zum nahen Strand. Reflexion, Schwermut, Ataraxie sind die Todfeinde des Action-Kinos, deshalb muss der Film diesen Ort verlassen, so schnell es geht. Aber eine Weile, fast zu lange, hält er sich dennoch dort auf, als wollte er sagen: Ich könnte auch anders.

Wie ein Treffen von Karnevalsgrößen

Dann aber geht es zur Sache. Es gibt mehrere kleine Seeschlachten und eine große in „Pirates of the Caribbean“, und die große, ein Schiffsduell im Strudel eines Mahlstroms, ist ein Wunderwerk an Schnittgeschwindigkeit, Choreographie, digitaler Feinarbeit. Wenn man bedenkt, was der Produzent Jerry Bruckheimer vor sechs Jahren mit „Pearl Harbor“ angerichtet hat, kann man froh sein, dass er seine Kreativität jetzt in Phantasiewelten austobt.

Dass es wirkliche Piraten, dass es arabische Korsaren, französische Flibustiers, amerikanische Buccaneers tatsächlich gegeben hat, erzählen Bruckheimers Kostüm- und Set-Bildner jedem, der es wissen will, aber die große Freibeuterkonferenz auf der Pirateninsel wirkt trotzdem wie ein Treffen von Karnevalsgrößen, das Hauen, Stechen und Augenrollen, bei dem auch Keith Richards in einer Nebenrolle mittun darf, wie ein Disput unter Kegelbrüdern. In Wahrheit ist „Pirates of the Caribbean“ einer Spielstation in den Disney-Vergnügungsparks entsprungen, und nach Disneyland wird er, wenn sein kommerzielles Potential erschöpft ist, auch zurückkehren. Die kulturellen Reste waren nur ein Umweg zum Ziel.

Von Keira Knightley, der Hauptdarstellerin des Films neben Johnny Depp, war jüngst zu hören, sie sehne sich nach weiblicheren Formen, sie habe ihre eigene Magerkeit satt. Das ist ein sympathischer Standpunkt, aber für „Pirates of the Caribbean“ ist Knightley gerade deshalb die ideale Heldin, weil sie wie ein Gespenst in Kleidern aussieht, weil sie nie Körper, sondern immer Chiffre ist, eine Comicfigur in realer Gestalt. Ihren Gegenspielern, den untoten Matrosen des Geisterschiffs „Flying Dutchman“, wachsen Meerestiere ins Gebein, ihr dagegen ist die digitale Abstraktion in Fleisch und Blut übergegangen. So wie Johnny Depp nie wieder ganz von der Figur des Jack Sparrow loskommen wird, in die er sich für die Karibik-Trilogie verpuppt hat. Im Wachsfigurenmuseum am Hollywood Boulevard wird bereits eine Nische für ihn freigeräumt. So enden Piratenkarrieren. Und kein Läuterungsberg in Sicht.

Text: F.A.Z. vom 23. Mai 2007
Bildmaterial: Walt Disney Pictures

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