Von Verena Lueken
24. März 2005 Warum der Sexualforscher Alfred Kinsey ausgerechnet in diesem Jahr so große Aufmerksamkeit erfährt, ist nicht ganz klar. Vielleicht ist es einfach Zufall, daß "Kinsey", der Film des Amerikaners Bill Condon etwa zur gleichen Zeit ins Kino kommt, zu der T. C. Boyle seinen Roman "Dr. Sex" zum gleichen Thema vorstellt.
Lohnend als Figur wirklichkeitsinspirierter fiktiver Biographien ist der Autor des Buchs "Das sexuelle Verhalten des Mannes" allemal. Immerhin erschütterte die Veröffentlichung seiner Studie im Jahr 1948 das Moralempfinden der Amerikaner gewaltig, zerrte an ihren Verklemmungen und entlarvte ihr frommes Selbstbild als großen Selbstbetrug. Kinsey betrachtete die menschliche Sexualität mit den Augen und den Methoden eines Wespenforschers, als der er in akademischen Kreisen hoch angesehen war.
Alle tun's
Was er dabei herausfand, schärfte in der Öffentlichkeit wie in der Wissenschaft die Erkenntnis, daß vermeintlich individuelle "Perversionen" wie Masturbation, Oralverkehr oder Homosexualität mehr oder weniger den statistischen Durchschnitt bilden, was die Vorstellung der Amerikaner von den eigenen Möglichkeiten sexueller Selbstverwirklichung vollständig umkrempelte.
Bill Condon und seinem Hauptdarsteller Liam Neeson ist es gemeinsam mit einem bemerkenswerten Darstellerensemble, aus dem Laura Linney als Kinseys Ehefrau und Mitarbeiterin herausragt, gelungen, die Ambivalenz der Folgen sichtbar zu machen, welche die Veröffentlichung von Kinseys Studie nach sich zog: einerseits die ungeheuerliche Befreiung, die den Beginn der gesellschaftlichen Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und Praktiken markierte, anderseits aber auch die neuen Normen einer so sexgesättigten Atmosphäre, daß organisierte Promiskuität alltäglich wurde und monogame Beziehungen in den Ruch des Hinterwäldlerischen und Unaufgeklärten gerieten.
Kinsey, so zeigt der Film in einer dichten Folge von Interviews, betrachtete den Menschen als "human animal". Für die Erhebung von Daten über sexuelle Wünsche und Praktiken ist das eine gute Grundlage. Für das Verständnis von Sexualität nicht.
