Von Edo Reents
17. Februar 2005 Mit der Wahrheit liegst du niemals falsch - was ist die Maxime einer Mutter wert, von der sich herausstellt, daß sie gar nicht die wirkliche Mutter ist? Walden Robert Cassotto, das Kind italienischer Einwanderer, wächst auf im Glauben an eine Wahrheit, die sich künstlerischer Erfüllung verdankt, und von Enttäuschungen, wie sie das Leben für jeden bereithält, erschüttert, aber nicht zerstört werden kann.
Imitation of Life hieß das Melodram von Douglas Sirk aus dem Jahre 1959, in dem die fünfzehnjährige Sandra Dee an der Seite ihrer Filmrabenmutter Lana Turner die Dialektik von Leben und Kunst herzzerreißend auskostete. Sandra Dee war damals eine der populärsten amerikanischen Filmschauspielerinnen, und deshalb hatte es nicht nur den Stil einer Traumhochzeit, sondern auch in einem höheren Sinne seine Richtigkeit, als jener Walden Robert Cassotto, der sich inzwischen Bobby Darin nannte, dieses Mädchen zu seiner Frau machte.
Größer werden als Sinatra
Imitation of life - das Leben Bobby Darins war, wie das jedes Unterhaltungskünstlers, auch eine Imitation, die sich verwirklicht in der Anpassung an archetypische Muster von Aufstieg und Fall, wie es sie im zwanzigsten, im amerikanischen Jahrhundert so viele gab. Bobby Darin wollte größer werden als Frank Sinatra, aber sein Wille überstieg sein Talent.
Sein Leben stand immer auf Messers Schneide: Der Knabe, der kurzatmig im Bett liegt, sollte, so sagte es der Arzt voraus, höchstens fünfzehn Jahre alt werden. Bobby Darins Herz war zwar schwer krank, aber es brannte vor Ehrgeiz, und das war es wohl, was ihn so lange am Leben hielt - wenn man es ein langes Leben nennen kann, daß er, der wirkliche Bobby Darin, am 20. Dezember 1973 im Alter von siebenunddreißig Jahren starb.
Tiefere menschliche Wahrheit
Der Bobby Darin, in den Kevin Spacey seinen sichtbaren Ehrgeiz und auch sein Herzblut gesteckt hat, weicht vom historischen Vorbild hier und da ab; aber was die schöne, bewegende Musikerbiographie Beyond the Sea, mit der sich dieser Schauspieler einen mehr als zehn Jahre alten Wunsch erfüllt hat, uns zeigt, das ist jene tiefere, allgemein menschliche Wahrheit, welche die Beschönigung nicht als Entstellung empfindet und um die es im Kino allein geht. Das war bei Ray Charles so, und das ist auch hier der Fall.
Dieser Fall ist in hohem Maße exemplarisch. Bobby Darin gehört zur Zwischengeneration der Rockinterpreten, die nach Elvis Presley und vor den Beatles, Rolling Stones und Bob Dylan kamen und es infolgedessen die sechziger Jahre hindurch schwer hatten. Er war 1958/59 auf der Höhe der Zeit und dem Zenit seiner Karriere, seine Hits Splish Splash und Dream Lover kannte damals jeder, heute nur noch ein pophistorisch interessiertes Publikum.
Eine B-Karriere
Schon dies ehrt Spacey, daß er sich nicht prätentiös an einem Allerhöchsten vergreift. Er muß gewußt haben, daß er in dieser vermeintlich unspektakulären Geschichte, die eher eine B-Karriere war, alle Zwischentöne und Abgründe, die ein solches Leben mit sich bringt und erzwingt, ungestörter ausloten kann, als wenn er Sinatra zum Gegenstand gewählt hätte - er hätte sofort die ganze Gemeinde gegen sich gehabt, die alles besser weiß.
Spacey hat nichts dem Zufall überlassen, sondern trägt als Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor die Verantwortung für diese mit John Goodman, Bob Hoskins, Greta Scacchi prominent besetzte, farbenprächtige Produktion. Er singt sogar selber und das so täuschend gut, wie Val Kilmer in Oliver Stones Doors-Film Jim Morrison imitierte.
Nur selten zufrieden
Bobby Darin galt im wirklichen Leben als hochnäsig; doch wenn man sich die Einstiegsszene ansieht, in der Kevin Spacey, extrem angespannt und von seinem Hofstaat umzingelt, auf die Bühne zugeht, um dort seine sensationelle Brecht-Weill-Adaption Mack the Knife zu singen, mit der er Sinatra für einen Moment dann doch die swingende Stirn bot, dann wissen wir sofort, daß sich nur Philister über solche Arroganz aufregen, die sie von Professionalität und künstlerischem Ernst nicht unterscheiden können. Davon hatte Bobby Darin womöglich zuviel, er nahm die leichte Musik, die er machte, schwer. Mehrmals verliert er beinahe die Fassung, und das nicht nur, weil die Big Band seinem Perfektionismus nicht gewachsen ist, sondern weil er sich selbst nur selten zufriedenstellen kann.
Spacey tanzt die ganze Zeit hinreißend; und auch wenn er dafür nicht seinen dritten Oscar bekommen wird, so spürt man in jeder Sekunde den Mann, als den wir ihn im vergangenen Jahrzehnt kennengelernt haben. Es gehört Format dazu, einen gelben Anzug oder eine knallrote Joppe zu tragen und darin nicht wichtigtuerisch oder lächerlich auszusehen, sondern einfach nur stilsicher und selbstbewußt. So, wie Anthony Hopkins bei James Ivory als Picasso im roten Rollkragenpullover eine gute Figur machte, so tut es hier dieser erstaunliche Sänger, der denn auch wenig Mühe hat, die noch minderjährige Sandra Dee (ebenso schön wie das Vorbild: Kate Bosworth) der dominanten Mutter zu entreißen.
Die Schwester ist die Mutter
Aber seine eigentliche Leistung liegt woanders: in den Brüchen nämlich, die den Fall erst richtig interessant machen. Er erfährt, daß die Frau seine Mutter ist, die er lange für seine ältere Schwester hielt. Spät in den sechziger Jahren sagt er I'm a dying man, und zwar nicht nur wegen seines Herzfehlers: Im Hintergrund läuft Hush von Deep Purple, im Konzert fordert man belustigt und nur, um ihn zu demütigen, seine alten Heuler. Es ist die Zeit des Mordes an Robert Kennedy, der ihn tief verstört und künstlerisch zur Besinnung bringt. Der einstmals glänzende Star entflieht der von Eifersucht und Selbstzerstörung längst ramponierten Ehe und zieht sich als alternder Hippie in einen Wohnwagen ans Meer zurück.
Hier hätte er zu einem neuen Entertainer reifen können, wie das zur selben Zeit der etwa gleichaltrige Dion Di Mucci tat, der damals mit Abraham, Martin and John drei anderen ermordeten Amerikanern ein Denkmal setzte. Bobby Darin hatte dafür keine Zeit mehr; einige mitreißende Auftritte in Las Vegas, dann ist alles zu Ende. Doch der Tod wird diskret ausgeblendet: Bobby Darin is still swinging, heißt es liebevoll-diskret im Abspann, der auch mitteilt, daß Sandra Dee nie wieder geheiratet hat.
Text: F.A.Z., 16.02.2005, Nr. 39 / Seite 37
