Video-Filmkritiken

Kino

Kriegsgefangene küßt man nicht

Von Andreas Kilb

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Film-Kritik: Slavko Stimac in "Das Leben ist ein Wunder"

15. Juni 2005 In Kusturicas Filmen gibt es keine Ruhepausen, weil sie Ausgeburten einer Phantasie sind, die nie zur Ruhe kommt. Der Treibsatz, die historische Lunte, welche diese Phantasie entzündet hat, war die Implosion des jugoslawischen Vielvölkerstaates am Anfang der neunziger Jahre. Seither kreisen Kusturicas Filmstories in immer neuen Anläufen um die Frage, wie diese Katastrophe geschehen, wie eine Welt zusammenbrechen konnte, in der Menschen, Tiere, Dinge, Gedanken und Gefühle an ihrem Platz zu sein schienen, in der das Multikulturelle kein Schimpfwort, sondern alltägliche Wirklichkeit war.

Das ist natürlich ein allzu idyllisches Bild Ex-Jugoslawiens, und Kusturica weiß das genau. Deshalb lädt er seine Geschichten von Anfang an mit zahllosen großen und kleinen Konflikten auf, die durch den Bürgerkrieg nur mehr verstärkt werden. Aber Idyllen sind diese Filme doch, und Elegien. Sie kommen als Stimmungskanonen daher, als poetische Ekstasen aus Bewegung und Musik, aber auf ihrem Grund liegen die Angst und die Trauer eines Kindes, das in einen tiefen Brunnen gefallen ist. Das Kind heißt Jugoslawien, aber es heißt auch Emir Kusturica. Und die Bilder, die es träumt, gewinnen den Schrecken der Geschichte immer neue Wunder ab.

Alles schreit und rennt und feiert durcheinander

„Das Leben ist ein Wunder“ spielt in einer abgelegenen Bergregion zwischen Bosnien und Kroatien, durch die eine halbfertige Bahnstrecke führt. Luka (Slavko Stimac), der Held, ist mit seiner Frau, einer Opernsängerin, in diese ländliche Hinterwelt gezogen, um als Ingenieur den Streckenbau zu überwachen, und wer Kusturicas Filme kennt, kann sich vorstellen, wie es um ihn herum aussieht. Gackernde Hühner, weinende Esel, brummende Bären, Trompeten und Tuba blasende Dörfler, Saufkumpane, Autos auf Schienen, Frauenstimmen und Draisinen, alles schreit und rennt und feiert wild durcheinander, bis jeder Hauch balkanischer Schläfrigkeit ausgetrieben ist.

In dieses Tohuwabohu hinein pflanzt Kusturica seine traurige Allegorie über das Land, den Krieg und die Liebe. Es beginnt damit, daß Lukas Sohn Milos, ein begabter Fußballer, am gleichen Tag ein Angebot von Partizan Belgrad und seine Einberufung zur Armee erhält. Dann wird der Bürgermeister des Ortes, von seinem intriganten Stellvertreter verraten, bei einer Bärenjagd aus dem Hinterhalt erschossen. Als die Kugel ihn getroffen hat, setzt er ein letztes Mal seine Trompete an und bläst. Aber aus dem Instrument quillt kein Ton, sondern Blut. Es ist eins von vielen großen Bildern dieses Films, und der einzige Vorwurf, den man Kusturica machen kann, ist der, daß er solchen Einstellungen zuwenig Zeit läßt, sich zu entfalten. Andererseits dauert sein Film auch so noch zweieinhalb Stunden, woran man ungefähr ermessen kann, wieviel er zu erzählen hat.

Ein Sieg über die Realität: vergeblich, aber nicht fruchtlos

Bald nach Kriegsausbruch wird Lukas Sohn von bosnischen Rebellen gefangengenommen. Im Gegenzug bekommt der Ingenieur von seinen serbischen Landsleuten die Bosnierin Sabaha als Pfand, das er gegen Milos eintauschen soll. Statt dessen verliebt er sich in die blonde Sabaha, und es beginnt eine mit Herbstlaub und Granateinschlägen gleichermaßen garnierte Romanze zwischen den Fronten.

Bei Kusturica tanzen alle Liebesgeschichten an der Grenze zum Kitsch, aber in „Das Leben ist ein Wunder“ entgeht er der Gefahr, wie früher schon, durch die Flucht nach vorn. Er läßt das Bett des Paares aus der engen Hütte in den Himmel steigen, und auf einmal sieht man, daß die Landschaft dort unten das genaue Abbild der Miniaturlandschaft ist, die der Eisenbahningenieur in seinem Keller gebaut hat, die äußere Welt ein Spiegel der inneren. Es ist ein großer Sieg über die Realität, den das Kino mit diesem Film erringt, einer jener Siege, die vergeblich, aber nicht fruchtlos sind. Denn es wird immer ein Jugoslawien geben, selbst wenn es nur noch das des Emir Kusturica ist.



Text: F.A.Z., 15.05.2004, Seite 42
Bildmaterial: Concorde Film

 
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