Video-Filmkritiken
RSS

Video-Filmkritik

Oscar-Preisträgerin Kate Winslet in: „Der Vorleser“

Von Andreas Kilb

Video in voller Größe

23. Februar 2009 In Stephen Daldrys „Vorleser“, der Verfilmung des Romanbestsellers von Bernhard Schlink, öffnet sich der Brunnen der Vergangenheit in dem Augenblick, als der Jurastudent Michael Berg (David Kross) bei einem der Auschwitzprozesse Mitte der sechziger Jahre in Frankfurt der Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet) wiederbegegnet. Vor zehn Jahren, in einer Stadt, die im Buch große Ähnlichkeit mit Heidelberg besitzt, im Film aber „Neustadt“ heißt und mit Ansichten aus Görlitz bebildert wird, haben sie sich geliebt, der fünfzehnjährige Schüler und die erwachsene Frau. Und nun erfährt Michael, dass Hanna im Zweiten Weltkrieg Aufseherin in einem Konzentrationslager war, dass sie am Tod von Hunderten Häftlingen mitschuldig ist - und dass sie weder lesen noch schreiben kann.

Ein Knotengeflecht

Auch Schlinks Roman ist ein Knotengeflecht großer Themen: Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Sexualität, Analphabetismus, um nur die wichtigsten zu nennen. Und auch Daldry hat die Gefahr gesehen, dass sein Film unter dem Gewicht seines Stoffes zusammenbrechen könnte. Aber anders als Annette Olesen hat er die Zügel der Erzählung nicht gelockert, sondern noch weiter gestrafft. „Der Vorleser“ besteht im Grunde aus drei voneinander unabhängigen Episoden: der Liebesgeschichte, dem Gerichtsprozess und der Rahmenhandlung, in der der gealterte Michael (Ralph Fiennes) Hanna ein letztes Mal wiedersieht. Diese Zersplitterung ergibt sich nicht aus der Struktur der Vorlage, sie ist ein Spezialität von Daldry. In „The Hours“ hat er sie zur Meisterschaft getrieben. Hier wirkt sein Blick unsicher, wie von zu vielen Rücksichten gehemmt.

Trotzdem ist „Der Vorleser“ ein beeindruckender Film. Und das verdankt er Kate Winslet, die als Hanna Schmitz alles zugleich ist: die Heldin, das Ungeheuer und das Lustobjekt der Geschichte. Einige Kritiker haben Schlinks Roman vorgeworfen, er wecke Verständnis für eine Nazi-Täterin. Das tut auch der Film. Aber Winslet schafft es, dass sie uns dabei zugleich immer unheimlicher wird. Das muss man einfach bewundern.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Senator

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Im Gespräch: Bernhard Schlink

Herr Schlink, ist „Der Vorleser“ Geschichte?

Weltbestsellerautor Bernhard Schlink

Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“ trug dazu bei, dass der Holocaust seinen Platz in der gegenwärtigen Wahrnehmung behielt. Jetzt wurde das Erfolgsbuch mit Kate Winslet als „Vorleserin“ verfilmt. Ein Gespräch über die Gegenwart und Vergangenheit des Nationalsozialismus.

Kate Winslet im Porträt

Eine Mischung aus Zorn, Sehnsucht und Eigensinn

Kate Winslet bei der Premiere zu ihrem neuen Film “Zeiten des Aufruhrs“

Nach ihrem Auftritt bei der Verleihung der Golden Globes goss die britische Presse Hohn über sie aus. Wobei die Spötter vergaßen, dass Kate Winslet zuvor bereits fünfmal vergeblich nominiert worden war. Diesmal könnte auch ein Oscar in Aussicht stehen. Denn Winslets neueste Filme zeigen sie in Hochform. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Wir sind eure Söhne: „Milk“

Spezial Die Freiheit, als der zu leben, der man ist, war für Homosexuelle lange unerreichbar. Harvey Milk gehört zu denen, die das geändert haben. Gus Van Sant hat sein Leben verfilmt. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik

Alles nur Bluff: „The International“

Spezial „The International“ sei der Film zur Bankenkrise, hat Regisseur Tom Tykwer gesagt. Das stimmt, allerdings in einem anderen Sinn, als es Tykwer gemeint hat: Der Film ist ein Bluff, weil er so tut, als ginge es um alles.

Video-Filmkritik

Zeit und Zufall: „Der seltsame Fall des Benjamin Button“

Spezial Ein Held, dessen Leben chronologisch in die falsche Richtung verläuft: David Finchers „Benjamin Button“ mit Brad Pitt erzeugt mit seiner Digitalkunst überwältigend wirklich scheinende Ergebnisse - und wäre doch nichts ohne seine echten Schauspieler. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik: „Operation Walküre“

Einer der spannendsten Thriller der letzten Zeit

Spezial Zwei Stunden lang atemlos auf der Stuhlkante, obwohl man den Ausgang der Geschichte kennt: „Operation Walküre“ ist natürlich ein Tom-Cruise-Film - vor allem aber ist Regisseur Bryan Singer einer der spannendsten Thriller der letzten Zeit gelungen. Von Michael Althen

Video-Filmkritik

Realismus mit Goldrand: „Zeiten des Aufruhrs“

Spezial „Zeiten des Aufruhrs“ von Sam Mendes bringt das „Titanic“-Traumpaar Kate Winslet und Leonardo di Caprio wieder gemeinsam auf die Leinwand. Der Film erzählt von zwei Menschen, die sich nach langer Zeit eingestehen müssen, anders zu sein, als sie sich bisher wahrgenommen hatten. Von Peter Körte

Golden Globes

„Ich habe dich 13 Jahre lang geliebt“

Sprach von Liebe viel: Kate Winslet, mit Golden Globe geehrt, von Gefühlen überwältigt

Spezial Mit gleich zwei Golden Globes wurde die britische Schauspielerin Kate Winslet in der Nacht geehrt. Und nutzte die Gelegenheit zu einem Geständnis. Großer Gewinner war der Film „Slumdog Millionaire“, der in vier Kategorien geehrt wurde. Der verstorbene Schauspieler Heath Ledger bekam posthum eine Auszeichnung für seine Darstellung des „Joker“.

Video-Filmkritik

Geld oder Liebe: „Jerichow“

Spezial Zwei Männer und eine Frau in einer Landschaft, wie man sie nur am Rande Deutschlands findet: Christian Petzolds „Jerichow“ mit Nina Hoss, Benno Fürmann und Hilmi Sözer ist ein präzises, todtrauriges Kammerspiel. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik

Es geht doch nicht nur ums Geld: „Buddenbrooks“

Spezial Heinrich Breloers großangekündigte „Buddenbrooks“-Neuverfilmung bleibt nicht nur hinter der Romanvorlage, sondern auch hinter anderen Verfilmungen zurück. In der Romanvorlage geht es um Leben und Tod, bei Breloer nur um Familie und Finanzen in üppiger Inszenierung. Von Edo Reents

Video-Filmkritik

Die Sprünge der Erinnerung: „Ein Geheimnis“

Spezial Ein Film über die weißen Flecken und die Sprünge der Erinnerung: Claude Millers „Ein Geheimnis“ zeichnet den Weg einer jüdischen Familie durch die Zeit der Besatzung nach. Etwas weniger Deutungswille und ein leichterer Erzählstil hätte dem Film jedoch gut getan. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Harmlos und überzeichnet: „Tintenherz“ im Kino

Spezial An diesem Mittwoch wird Cornelia Funke fünfzig, am Donnerstag läuft die Verfilmung ihres großen Fantasyromanerfolgs „Tintenherz“ in den Kinos an - ein enttäuschendes Geschenk mit einem Vorleser zum Abgewöhnen. Von Tilman Spreckelsen

Video-Filmkritik

Die Liebe springt im Dreieck: „Vicky Cristina Barcelona“

Spezial Jedes Jahr ein Film, aber nicht jedes Jahr eine neue Idee: Harmlos und onkelhaft erzählt Woody Allens „Vicky Cristina Barcelona“ die Liebesabenteuer zweier junger Amerikanerinnen in Spanien. Den feinen Unterschied machen Penélope Cruz und Scarlett Johansson. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Verrätselt: „Der Mann, der niemals lebte“

Ridley Scott schickt Leonardo DiCaprio in „Der Mann, der niemals lebte“ als CIA-Agent auf die Jagd nach Terroristen in biblische Landschaften. Er geht dort für den Zuschauer rätselhafte Wege, und darin kann man sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Films sehen. Von Claudius Seidl

Video-Filmkritik

Was früher einmal Trauerarbeit hieß

Aus der Geschichte hätte alles Mögliche werden können, etwas Pompöses, Weinerliches, Pathologisches. Doch Caroline Link gelingt in ihrem ersten Film seit dem Oscar prämierten „Nirgendwo in Afrika“ ein Kunststück der Leichtigkeit: „Im Winter ein Jahr“. Von Verena Lueken

Video-Filmkritik

Ein Meilenstein des Kinos: „Waltz with Bashir“

Der Film ist eine Beichte in Bildern. Und weil das, was es zu erzählen gibt, kein Heldenepos ist, sondern ein Trauma, hat Regisseur Ari Folman ihm eine ungewohnte ästhetische Form gegeben: „Waltz with Bashir“ ist eine animierte Filmphantasie über den Libanon-Krieg. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Das blässliche Böse: „Ein Quantum Trost“

James Bond, der Retter der westlichen Welt, wird bei seinem zweiundzwanzigsten Auftritt endgültig zu einem ganz normalen Actionhelden. Keine Frage: Der Mann steckt in einer tiefen Identitätskrise. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Zischlaute aus der Provinz

Nichts schlimmer für einen Südfranzosen, als in den kühlen, unwirtlichen Norden des Landes versetzt zu werden. In dem französischen Kassenschlager „Willkommen bei den Sch'tis“ muss der Postbeamte Kad Merad ins nordfranzösische Exil und lernt die Verschrobenheiten der Provinz lieben. Von Nils Minkmar

Video-Filmkritik

Kitsch und Vergewaltigung: „Anonyma“

Spezial Max Färberböcks „Anonyma“ beruht auf einer bekannten literarischen Vorlage, die von den Massenvergewaltigungen deutscher Frauen durch russische Soldaten nach dem Ende des Weltkriegs erzählt. Doch Färberböck stellt die Vorlage bloß und endet in groben Klischees. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Bezaubernd und verwirrend: „Lornas Schweigen“

Spezial Liebe ist ein schlechtes Geschäft: Mit „Lornas Schweigen“ demonstrieren die Brüder Dardenne ihre filmische Meisterschaft - und zeigen sich völlig zu Recht verliebt in die fremde Schönheit ihrer Hauptdarstellerin Arta Dobroshi. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik: „Burn After Reading“

Liebesgrüße aus Washington

Spezial In „Burn After Reading“ schicken die Coen-Brüder Brad Pitt und George Clooney ins Spionagemilieu. Es wäre ein ganz normaler Agentenfilm, würden die Coens nicht alle Figuren so gegen den Strich bürsten, dass man sich über ihre Sonderbarkeiten totlachen muss. Von Michael Althen

Video-Filmkritik

Polit-Porno: „Der Baader Meinhof Komplex“

Spezial Ein Film, der nur aus Höhepunkten besteht: „Der Baader Meinhof Komplex“ erzählt die Geschichte der RAF als Actionfilm - aber bei so viel Stoff bleibt kaum je Zeit, den Blick auch mal auf die Menschen hinter den Aktionen zu richten. Von Michael Althen

Video-Filmkritik: „Gomorrha“

Die schmutzigen Hände über der Stadt

Spezial Matteo Garrones „Gommorha“ gewann in Cannes den Großen Preis der Jury. Auf der Grundlage des Bestsellers von Roberto Saviano erzählt er von der brutalen Sozialordnung der italienischen Camorra. Von Andreas Kilb

Video-Filmkritik

Siebzig, verschmäht: „Wolke neun“

Spezial Von einem Film, der „Wolke neun“ heißt, ist Heiterkeit nicht zu erwarten. Andreas Dresen erzählt in seinem in Cannes preisgekrönten Drama von Liebe, Sex und Ehebruch; seine Helden sind älter, als es die Kinonorm erlaubt. Von Peter Körte

Video-Filmkritik

Tolles soziales Panorama: „Couscous mit Fisch“

Spezial Der alte, aus Tunesien stammende Hafenarbeiter Slimane (Habib Boufares) will einen rostigen Kahn in ein Restaurant umfunktionieren. Mit seinem Film „Couscous mit Fisch“ präsentiert Abdellatif Kechiche eine Mischung aus Dokumentarfilm und Wunschtraum. Von Bert Rebhandl