Video-Filmkritiken
RSS

Kino

Das Elend mit dem Elend

Von Peter Körte

Filmkritik: Ralph Fiennes in "Der ewige Gärtner"

11. Januar 2006 Dieser Abschied wird ein Anfang sein. Ein Mann und eine Frau umarmen sich auf dem Flughafen von Nairobi. Zwei Schattenrisse im Gegenlicht, Motorengeräusche, ein flüchtiges Winken, ein Blick zurück, als sie mit ihrem Begleiter übers Rollfeld geht - und das Bild bleicht langsam aus, bis da nur noch die Kontur des Mannes ist. Er wird sie nie wiedersehen, und er wird sich noch einmal in sie verlieben. Postum. Nicht, indem er nach einem Ebenbild sucht und es modelliert, wie Hitchcocks Scottie in „Vertigo“, sondern indem er herausfindet, wer sie ermordet hat, um dabei zu entdecken, wer sie war. So beginnt eine Liebe nach dem Tod.

Justin ist ein zurückhaltender britischer Diplomat mit mäßigem Ehrgeiz, mäßigem Temperament, mit sanfter Stimme, guten Manieren und einer Passion für Pflanzen. Sein Gesichtsausdruck scheint das Unglück, das ihn treffen wird, immer schon vorwegzunehmen. Das ist eine Rolle, für die sich niemand besser eignet als Ralph Fiennes, der auch als Star mitunter noch so wirkt, als sei ihm die Anwesenheit der Kamera unangenehm, der leise spricht und selbst dann, wenn er energisch wird, eine leise Resignation ausstrahlt.

Gute Aussichten

Wie Justin Tessa (Rachel Weisz) kennengelernt hat, erzählt alles über beider Verhältnis. Bei einem langweiligen Vortrag, den er für seinen Vorgesetzten ablesen muß, sitzt sie als glühende Aktivistin im Publikum, die die britische Waffentreue zu Amerika anprangert, bis sich der Saal geleert hat. Nur ein verlegener Justin ist geblieben. Sie verlieben sich und gehen nach Afrika. Sie legt sich mit den Botschaftskollegen an, sie läuft wie eine schwangere Heilige durch die Slums von Nairobi, sie spürt den trüben Praktiken eines britischen Pharmaherstellers nach, sie hat eine Fehlgeburt - und dann kehrt sie von einer Recherchereise nicht zurück.

„Der ewige Gärtner“ („The Constant Gardener“) ist ein Bestseller von John Le Carré, und seine Romane zu adaptieren ist meist ein Vergnügen für den Drehbuchautor, weil sie intelligent strukturiert und voller pointierter Dialoge und überraschender Volten sind. „Der ewige Gärtner“ ist vielleicht Le Carrés zornigstes, sein kämpferischstes Buch. Eine Attacke gegen „Big Pharma“, gegen die Machenschaften der Pharmakonzerne, die sich in der Dritten Welt Versuchskaninchen für neue Medikamente suchen und die dabei auf korrupte einheimische Behörden und die hilfreichen Kontakte der eigenen Botschaftsleute bauen. Es ist eine große Sauerei, von der Le Carré erzählt - doch gerade das ist oft kein guter Kinostoff, weil sich niemand mehr Illusionen über die Strategien der Pharmaindustrie macht und weil jeder Spielfilm all die Details in der Regel aussparen muß, um die es bei einer Darstellung dieser Strategien gerade geht.

Meist bleiben dann nur noch die besten Absichten und ein paar vage Einsichten übrig, und man wird ja schon mißtrauisch, wenn es jetzt überall wieder heißt, „Der ewige Gärtner“ sei ein Film für Erwachsene und überhaupt werde das Kino jetzt wieder politisch, was man schon an Sydney Pollacks „Dolmetscherin“ oder an „Hotel Ruanda“ gesehen habe und nun auch an Steven Spielbergs „München“ sehe oder an dem Thriller „Syriana“, der von Öl, Terror, Spionage und Big Business handelt - als käme per se schon ein „erwachsener“ Film heraus, wenn sich eine Produktion dem Elend oder den Durchstechereien dieser Welt widmet.

Beste Absichten

Das Elend mit dem Elend ist ja, daß es, sobald eine internationale Produktion ihre Kameras aufbaut, ziemlich schnell pittoresk aussieht, wie ein Stück gutartiger Folklore, deren Urheber tief beleidigt sind, wenn man das ausspricht. Das Elend ist aber auch, daß man deshalb nicht einfach so tun kann, als gäbe es diese Themen nicht. Auch wenn in den meisten Fällen die politische Agenda die Handelnden zu Schemen und Marionetten macht oder, umgekehrt, die Politik zur schillernden Fototapete wird. Das ist einer der Gründe, warum man die alten Politthriller von Costa-Gavras heute nur noch schwer erträgt oder, umgekehrt, neueren Liebeskitsch wie „Die weiße Massai“ einfach nur gräßlich findet; warum man eher an Bob Geldofs „Wir sind Afrika“-Aktionismus denkt als an eine gute Kinogeschichte.

Fernando Meirelles, der in „City of God“ eine merkwürdige, aber letztlich mitreißende Symbiose aus Favela-Elend und Musikvideo-Optik zustandegebracht hat, soll offenbar als eine Art Erdung dienen, weil man annimmt, daß ein Mann aus der brasilianischen Mittelklasse eher für Authentizität in Afrika bürgt als ein Regisseur aus Los Angeles oder London. Meirelles' Furor am Schneidetisch tut dem Film nicht immer gut. Daß er seine Geschichte in lauter Scherben zersplittert, ist nicht das Problem; auch Le Carrés Buch ist nicht linear erzählt. Doch Meirelles erhöht zwischenzeitlich immer wieder die Schnittfrequenz, er montiert mal impressionistisch, mal sentimentalisch kleine Sequenzen dazwischen und erzeugt damit eine Geschäftigkeit, die zum Gestus seiner Hauptfigur so gar nicht paßt - wenn dieses Verfahren ihn denn überhaupt veranschaulichen soll und nicht bloß eine Art visuelles Gefuchtel ist.

Vollzugsmeldung

Auch als Mann, der seinen Pflanzen den Rücken kehrt, behält dieser Justin die Bedächtigkeit des Gärtners. Wenn er seiner Frau sagt: „Wir können uns nicht in das Leben dieser Menschen einmischen“, dann hat er dabei eigentlich Voltaires berühmten Satz aus „Candide“ vergessen: „Wir müssen unseren Garten bestellen.“ Er ist ein so unwahrscheinlicher und widerwilliger Held, daß er die ganze Zeit der Rückblende, also das erste Drittel des Films, braucht, um aus seiner freundlichen Indifferenz zu erwachen. Dank Ralph Fiennes' Spiel verliert sich diese Haltung nie, auch wenn ihn, wie in jedem Plot von Le Carré, sein Weg durch Täuschungen und Enttäuschungen führt, auf falsche Fährten und falsche Annahmen, zu Verrat und Vertrauensbruch. Er hat den schrecklichen Verdacht, daß seine Frau ihn womöglich betrogen hat, daß seine Vorgesetzten in Botschaft und Außenministerium ihm etwas vorspielen - bis er nur noch glaubt, was er selbst herausgefunden hat.
Vage Einsichten

Sobald Justin aus Kenia nach London reist, legt sich eine Atmosphäre der Paranoia über den Film. London ist grau und kalt und abweisend, Berlin, wo er der Spur weiter folgt, ist bloß eine aus ein paar beliebigen Impressionen zusammengeflickte Kulisse. Und je klarer sich die Konturen einer internationalen Verschwörung abzeichnen, mit der ein Pharmakonzern sein neues Medikament zur Marktreife pushen will, desto langweiliger wird der Film, der einen am Ende dann auch noch in den Südsudan führt. Wie der Ahnungslose in die Verschwörung gerät, wie ihn die Trauer zunächst niederdrückt und dann kämpfen läßt - diese Geschichte ist da längst erzählt. Der Film bringt nur noch eine Agenda zum Abschluß.

Aus der Affäre gezogen

Dennoch zieht „Der ewige Gärtner“ sich insgesamt ganz annehmbar aus der Affäre - gerade weil er in seine retrospektive Liebesgeschichte mehr emotionale Energie investiert als in das konspirative Szenario. Da ist es auch nicht so schlimm, daß er einem über die Strategien der Pharmakonzerne auch nicht mehr erzählt, als sich in einem kämpferischen Leitartikel oder einer Reportage aufschreiben ließe. Erst recht nicht, weil John Le Carré selber über seinen Roman gesagt hat: „Im Vergleich zur Realität des pharmazeutischen Dschungels war meine Geschichte so zahm wie eine Urlaubspostkarte.“

Und die Anerkennung wird schon nicht ausbleiben. Für drei Golden Globes ist der Film bereits nominiert, was immer ein Indikator für die Oscar-Chancen ist, weil er schöne Landschaften, wahre Liebe und gute Gesinnung zusammenbringt und weil er auf eben diese vage Weise „erwachsen“ wirkt, welche der Academy bestätigt, daß sie vor lauter „Harry Potter“ nicht ganz infantil geworden ist. Dagegen ist ja nichts einzuwenden, und daß man mit Empörung oder schlechtem Gewissen aus dem Kino kommt, muß auch nicht falsch sein, nur weil es folgenlos bleibt. Man sollte den „Ewigen Gärtner“ deshalb allerdings nicht mit einem politischen Film verwechseln.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite 25
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Kinowelt

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche