Von Gunter Göckenjan
24. Juli 2002 Jessica hat kein Glück bei der Partnersuche. Sie trifft zwar viele Männer, doch einer ist dümmlicher als der andere. Ihre Enttäuschung kann der Zuschauer in dem Film Kissing Jessica fast körperlich nachvollziehen, wenn ihm die Kandidaten nacheinander in Bild vorgeführt werden. Als Jessica in einer Kontaktanzeige einen Mann entdeckt, der Rilke zitiert, schöpft sie Hoffnung. Doch die Überraschung ist groß, als sie ihn trifft.
Kissing Jessica will eine Komödie sein, und Woody Allen ist das unübersehbare Vorbild, was das Motiv der Stadtneurosen und des jüdischen Familienhintergrunds deutlich belegt. Doch um noch ein Thema abzuhandeln, dem Woody Allen noch keinen abendfüllenden Film gewidmet hat, erzählt er eine queere Geschichte. Queer ist der englische Ausdruck für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Er kann auch Geschlechterverwirrung bezeichnen. Und die gibt es in Kissing Jessica nicht zu knapp.
Anfangs eher bieder als queer
Nun ist Jessica bestimmt kein Vorbild für die anarchistische Beliebigkeit der Anything-Goes-Sexualität. Sie lebt für die Erfüllung der Norm. Deshalb nimmt sie alles sehr genau, ihren Job, ihr wie aus einer Shampoo-Werbung kommendes seidiges Haar, ihren Lippenstift, ihre Figur und ihre Partnersuche.
Die Weichenstellung für Jessicas neues Leben ist einmalig: Ihr Auge fällt auf eine Kontaktanzeige mit einem Rilke-Zitat. Da sie Rilke sehr mag, antwortet sie. Dass die Anzeige in der Rubrik Frau sucht Frau steht, irritiert sie kaum. Rilke wird's schon richten. Man trifft sich und die Tortur beginnt: Die nächste halbe Stunde buchstabiert der Film sich durch das ganze Ensemble möglicher Abwehr- und Ausweichreaktionen, die eine ganz und gar nicht gleichgeschlechtlich orientierte Frau wie Jessica angesichts der erotischen Herausforderung durch eine andere Frau an den Tag legen mag.
Der Humor pendelt zwischen matt banal und banal forciert. Wenn Jessica theoretische Abhandlungen über lesbische Liebe zum Tête-a-tête mitbringt, dann mag das ähnlich komisch sein wie der Sturz eines dicken Mannes in eine Pfütze. Von Woody Allens intelligentem Neurosenwitz ist es weit entfernt. Hin und wieder jedoch gelingt auch Kissing Jessica ein Treffer (Beispiel: Hast du deinem Therapeuten davon erzählt? Nein, das ist doch persönlich.). Die Frau, mit der Jessica ihre Filmzeit verbringt, und die die Kontaktanzeige aufgegeben hat, ist die Galeristin Helen (Heather Juergensen). Sie verkörpert die absolute sexuelle Aufgeschlossenheit. So lässt sie sich bei Ausstellungseröffnungen von einem Lustknaben besuchen, der sie dann als Bote verkleidet beglückt. Die lesbische Liebe ist für sie eine unter mehreren Spielarten der Zweisamkeit.
Am Ende nicht queer, doch weniger bieder
Nach einer Stunde Spielzeit hat auch Jessica den größten Teil ihrer Hemmungen gegenüber Helen abgelegt, und die beiden Frauen haben eine Beziehung. Dann ist der Film bald zu Ende und die Beziehung auch, denn Jessica findet die Nähe sehr nett, nur Sex haben die beiden so gut wie nie. Das stört Helen.
Nach dem Weinen über den Bruch kommt das Happy End: Jessica hat zur Heterosexualität zurückgefunden, die bürgerliche Moral ist wieder hergestellt. Und doch ist sie freier daraus hervorgegangen. Wie um das zu unterstreichen, umspielt ihr vormals streng glattes Haar ihr Gesicht nun lockig bewegt. Sie ist aus dem strengen Alltag der Überangepassten herausgetreten und Künstlerin geworden.
Lesbische Affären wirken offensichtlich Wunder. Bestimmt werden sie bald von den Ortskrankenkassen angeboten - zur Heilung von Neurosen.
Text: @göck
Bildmaterial: 20th Century Fox
