Von Peter Körte
26. Juni 2003 Nicht nur im Fußball gibt es Spieler, die dort hingehen, wo es weh tut. Man kann das mühelos auf den amerikanischen Autor und Regisseur Paul Schrader übertragen, der damit nicht aufgehört hat, seit er angefangen hat, "Taxi Driver" zu schreiben. Ob in "Affliction", in "Mishima", "American Gigolo" oder "Light Sleeper", ob als Regisseur oder Autor, bei Schrader hat jede Erkenntnis mit Schmerz zu tun.
Für seinen neuen Film hat er nun einen Stoff gefunden, der nach einem wie ihm geradezu gesucht hat. "Auto Focus" erzählt von den Obsessionen eines Fernsehhelden - eine sogenannte wahre Geschichte, die auf dem Leben und Sterben des Schauspielers Bob Crane beruht, so "wahr" wie die Story des Gameshow-Pioniers Chuck Barris, den George Clooney kürzlich in seinem Debütfilm "Confessions of a Dangerous Mind" porträtiert hat.
Unschöne Neigungen
Bob Crane begann als penetrant gutgelaunter Moderator bei einer kalifornischen Radiostation, und er wurde zum Serienhelden in "Hogan's Heroes" ("Ein Käfig voller Helden"), einer Klamotte aus einem Gefangenenlager der Nazis, die genau wie die erste Show von Chuck Barris 1965 auf Sendung ging. Crane ist ein biederer katholischer Familienvater mit drei Kindern und dunklen Neigungen, der Sexhefte in der Garage aufbewahrt, was seine Frau zwar unschön, aber nicht allzu besorgniserregend findet. Dann gerät Crane (Greg Kinnear) an seinen Mephisto. John (Willem Dafoe) installiert Stars Stereoanlagen in ihren Autos und preist für die Firma Sony die neue Videotechnik an.
Die beiden passen zusammen wie Lust und Schaulust, und so halten sie im neuen Medium fest, wie sie eine Frau nach der anderen abschleppen, wobei die Lust nicht so sehr im Akt selbst liegt, sondern über ihn insofern hinausweist, als die Vorlust der späteren Bildbetrachtung und systematischen Ordnung der Materials schon eingeschlossen ist. Cogito ergo video, das könnte man hier frei übersetzen mit: ich denke, also filme ich mich.
Lust heckt Lust
Den beiden Pionieren von Sex, Lügen und Video wird ihr Lebensstil zur Droge. Crane nutzt seine Popularität, um den Verkehr mit ungezählten Frauen in ungezählte Stunden Amateurpornos zu verwandeln. Er läßt sich scheiden, er heiratet wieder, aber er kommt nicht los. Wie Junkies auf der Suche nach dem nächsten Trip reisen die beiden Männer durchs Land. Cranes Fernsehkarriere ist längst versandet, er spielt Tourneetheater, immer dasselbe Stück, und wenn sie an immer neuen Orten immer neue Frauen finden, ist auch das nur ein Stück aus dem Repertoire. Noch als Cranes Karriere trudelt, überredet er in einer Bar den Wirt dazu, auf eine Wiederholung von "Hogan's Heroes" umzuschalten, damit er die nächste Frau vor die Kamera bekommt. Da sind die grell-fröhlichen Pop-art-Farben der kalifornischen Sixties längst dunkler und verwischter geworden.
Wie der scheinbar so glatte Greg Kinnear diesen besessenen Biedermann mit seinem Jungengesicht und seiner nie versiegenden Freundlichkeit spielt, das ist im übrigen eine atemberaubendere Vorstellung als die von Sam Rockwell in Clooneys "Confessions" - auch wenn sie natürlich beide denselben Höllenkreis bewohnen, den man sich wie RTL2 als Endlosschleife vorstellen muß. Alles dreht sich im Kreis, Lust heckt Lust, und Schraders Inszenierung hat diese Wiederkehr des Immergleichen in eine sehr langsame Bewegung zum Tode hin übertragen. Nicht der Film tritt dabei auf der Stelle; er hat genau die verhaltene Dynamik, um von einem zu erzählen, der scheinbar auf der Stelle tritt und nicht merkt, wie er dabei langsam auf den Abgrund zutreibt. 1978 wurde Bob Crane mit einem Kamerastativ erschlagen. Der Mörder ist bis heute nicht gefaßt. Cranes Freund John konnte nicht überführt werden, obwohl er der Hauptverdächtige war. Und einer von Cranes Söhnen verdient noch heute daran, daß er im Internet Papis Pornographie verkauft.
Von Super8 zum Cybersex
Paul Schrader, der streng calvinistisch erzogen wurde und bis zu seinem achtzehnten Lebensjahr nicht ins Kino durfte, hat nach all seinen wilden Jahren, nach den Drogen, die er selber nahm und die er seine Figuren verkaufen und konsumieren ließ, eine fast entspannte, manchmal etwas spröde Meditation über das Kino und den Sex gedreht, die natürlich beide etwas mit Sucht zu tun haben. Größer als die Lust, dabeizusein und den Akt zu vollziehen, ist für das Duo die Gewißheit, dabei von einem toten mechanischen Auge beobachtet zu werden. Und deshalb wird Crane auch wütend, als er bei einer Aufzeichnung der Dreierorgien sieht, wie Johns Hand seinen Po berührt. Die latente Homosexualität zwischen den Brüdern in der Fleischbeschau ist jedoch nicht der entscheidende Subtext.
In "Auto Focus" bekommt die biblische Umschreibung für den sexuellen Akt, daß sie einander nämlich erkannten, einen sehr modernen Sinn. So fremd ist Crane sich selbst in seiner Lust, daß die Befriedigung sich erst wirklich einstellt, wenn er sich dabei zugleich wie einen anderen betrachtet.
Weit davon entfernt, sich im Skandalreport über die kleinen Exzesse der Sixties zu verlieren oder irgendwelche Postmanschen Idiotien übers Fernsehen zu verbreiten, stellt "Auto Focus" scharf: aufs Heute, wo sich herumgesprochen hat, daß die Techniken der Lustbefriedigung sehr viel mit den Techniken ihrer Darstellbarkeit zu tun haben. Narziß braucht kein Gewässer mehr, in dem er sich spiegeln kann, er hat sich von Super8 und Video zur Webcam und zum sogenanntem Cybersex bewegt, und sein stilles Wasser ist der Monitor. Und Paul Schrader, der in den sechziger Jahren den Bleikammern der Moral entflohen ist, ist genau darin ein Moralist geblieben, daß er seinem kategorischen Imperativ folgt: Wer sehen will, der soll gefälligst auch wissen, was er sieht, wenn er zusieht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 18. Juni 2003, Nr. 139 / S. 35
Bildmaterial: Tristar Columbia
