Video-Filmkritiken

Filmkritik

DiCaprio ist erwachsen geworden: „Blood Diamond“

Von Verena Lueken

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Film-Kritik: Leonardo DiCaprio und Djimon Hounsou in "Blood Diamond"

25. Januar 2007 Edward Zwick ist ein Hollywood-Regisseur der gutmeinenden Art. Seine Themen sind auf den ersten Blick brisant, wie die Geschichte des schwarzen Freiwilligenregiments im Amerikanischen Bürgerkrieg („Glory“), Terrorangst und Ausnahmezustand in New York („The Siege“) oder die Rolle eines amerikanischen Militärberaters in Japan im Jahr 1870, der kam, um die Samurai-Tradition zu zerstören, und sie lieben lernte („Last Samurai“). Zwicks gute Absichten sind immer unterfüttert mit exorbitanten Budgets, seine Filme bevölkert von kassenwirksamen Stars und voller geübter Blicke über traumschöne Landschaften weit weg von Hollywood. Doch am Ende haben wir auch im besten Fall nicht mehr gesehen als routinierte Genre-Darbietungen, die ein paar Wochen oder länger die Kinos besetzen und dann in die DVD-Regale verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Keine Spuren in der Filmgeschichte; in der Geschichte schon gar nicht.

Jetzt hat sich Zwick dem Diamantenhandel in Afrika zugewandt. Sein neuer Film „Blood Diamond“ spielt im Jahr 1999 in Sierra Leone, zu einer Zeit also, da mit illegal geschürften Steinen einer der grausamsten Bürgerkriege des Kontinents finanziert wurde. Das Geschäft machten neben den lokalen Schmugglern die global agierenden Firmen und ihre Zwischenhändler. Die größte von ihnen, der holländische Edelsteinkonzern De Beers, hat sich, als der Film kurz vor Weihnachten in den Vereinigten Staaten in die Kinos kam und das Feiertagsgeschäft zu verderben drohte, bitterlich beklagt (siehe: Die Furcht der Diamantenbranche vor Hollywood). Blut- oder, wie es offiziell etwas genierlich heißt, „Konfliktdiamanten“ seien seit 2003, seitdem der Kimberley-Prozess für Diamanten ein Provenienzzertifikat vorschreibt, bevor sie in den Handel kommen, vom Weltmarkt verschwunden. Wobei zu den kontrollierten Diamanten jene Steine nicht zählen, die in den Flussläufen jenseits der Minen illegal geschürft werden.

Diamant von der Größe eines Hühnereis

An einer solchen Schürfstelle landet Solomon, gespielt von Djimon Hounsou, der dafür gerade als bester Nebendarsteller für einen Oscar nominiert wurde, schon in Steven Spielbergs „Amistad“ den aufrechten Schwarzen geben durfte und große Leinwandpräsenz auch im „Gladiator“ und zahlreichen anderen Filmen bewiesen hat. Bei einem Überfall der Rebellenarmee RUF auf sein Dorf, dem seine Frau mit zwei Kindern entfliehen konnte, wurde er gefangen genommen und sein halbwüchsiger Sohn als Kindersoldat verschleppt. Solomon, von den Rebellen zur Sklavenarbeit im Flussbett getrieben, findet im Schlamm einen pinkfarbenen Diamanten von der Größe eines Hühnereis.

Hinter diesem Diamanten sind im Folgenden alle her: der schwarze Anführer der Rebellen, der zu unvorstellbaren Grausamkeiten fähig ist; der ebenfalls nicht zimperliche Danny Archer, ein weißer Schmuggler aus Zimbabwe, das er immer noch Rhodesien nennt; und Maddy, eine amerikanische Journalistin, die Gott weiß wer nach Afrika geschickt hat, damit sie gegen die Ignoranz von CNN und anderen Medien mutig anschreibt und die internationalen Konzerne mit ihren Machenschaften an den Pranger stellt. Solomon hat den Diamanten vergraben, das ist seine Lebensversicherung und vielleicht auch die Garantie für die Zukunft seines Sohnes, sollte dieser aus dem Krieg zurückkehren und Arzt werden wollen, wie sein Vater es sich wünscht.

Eklatante Fehlbesetzung

Zwick macht aus dieser Geschichte einen Abenteuerfilm der nicht gänzlich uninteressanten Sorte. Mehr und mehr entwickelt sich zwischen Solomon und Danny ein Buddy-Verhältnis, das am Ende weiter trägt als die Gier. Die unvermeidliche Liebesgeschichte zwischen Danny und Maddy rückt glücklicherweise nie in den Mittelpunkt - was auch daran liegen mag, dass Jennifer Connelly eine eklatante Fehlbesetzung ist. Zwick behandelt sie so nachlässig, als wollte er sie eigentlich gar nicht dabeihaben.

Bemerkenswert ist der Film wegen Leonardo DiCaprio, der in dieser Rolle gerade für einen Oscar nominiert wurde. Neben seine überraschend verletzliche Interpretation des Undercover-Polizisten in Martin Scorseses „The Departed“, der dem Film eine Seele gab, wo niemand sie vermutet hatte, stellt er hier einen durchtriebenen, mit schlechten Erfahrungen gesättigten Zyniker, der, so viele Anläufe der Film auch unternimmt, erst am Ende ein goldenes Herz zeigt. DiCaprio hat eine lange Pubertät im Film hinter sich, die fast vergessen ließ, wie wunderbar er als Kinderdarsteller war, und die vor allem in Scorseses „Gangs of New York“ und „The Aviator“ schmerzhaft mitanzusehen war. Seine immense Ausstrahlung auf der Leinwand hat er nie verloren; doch in den Jahren zwischen Woody Allens „Celebrity“ 1998 und „The Aviator“ 2004 schien niemand etwas mit ihm anfangen zu können, das mehr war als Vorteilsnahme an seinem Status als Superstar - mit einer Ausnahme: Spielbergs „Catch Me if You Can“. Seit „The Departed“ aber zeigt sich DiCaprio als erwachsener Schauspieler mit erstaunlichen Ausdrucksmöglichkeiten.

In „Blood Diamond“ gehört dazu nicht nur der harte Akzent eines Rhodesiers, sondern vor allem die völlig unmanierierte Art, mit der er seinen Körper einsetzt, schlaksig, lässig, zum Sprung in Deckung oder auf jeden möglichen Angreifer bereit; sein von der eigenen Skrupellosigkeit in Schach gehaltener unterschwelliger Charme; das kurze Aufblitzen von Schmerz jenseits aller Sentimentalität, wenn er seine Familiengeschichte erzählt, und seine abrupte, entschlossene Gestik, aus der, wie aus seinem Gesicht, alle Bubigkeit verschwunden ist. DiCaprio ist zweiunddreißig, und anders als Zwick hat er bereits Spuren in der Filmgeschichte hinterlassen.



Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 33
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Warner Bros. Pictures

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