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Vom Blitz getroffen: „Jugend ohne Jugend“

Von Andreas Kilb

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10. Juli 2008 Der Mann ist ein Wunder der Natur. Verbrannt und blutig, ein zuckendes Bündel unter Bandagen, kommt er ins Krankenhaus von Bukarest; die Ärzte geben ihm kaum ein paar Tage. Doch dann, vorsichtig, unbemerkt zuerst, beginnt seine Genesung. Als er den Mund öffnet, purzeln seine Zähne heraus; an ihrer Stelle wächst ihm ein neues, drittes Gebiss. Seine Haare beginnen zu sprießen, seine Gesichtszüge glätten sich, sein Körper wird wieder jung. Er sei siebzig Jahre alt, sagt der Mann, aber niemand glaubt ihm, zu deutlich spricht der Augenschein dagegen. Schließlich wird er unter Bewachung gestellt und in ein Sanatorium überführt, denn die Epoche ist unruhig, der Zweite Weltkrieg steht vor der Tür, und der braune Diktator Deutschlands interessiert sich für den Mythos der Unsterblichkeit. Der Mann, ein Altphilologe und Linguist, wird um sein neu gewonnenes Leben kämpfen müssen, er wird mit den Mächten seiner Zeit und den Kräften seines eigenen Inneren ringen, bis seine „Jugend ohne Jugend“ zu Ende geht.

Der Regisseur Francis Ford Coppola ist ein Mythos des amerikanischen Kinos. Das macht es schwer, seine Filme mit der gebotenen Respektlosigkeit zu betrachten. Coppola hat mit den beiden ersten Teilen des „Paten“ das Familien-Epos Amerikas und mit „Apocalypse Now“ den größten aller Vietnamkriegsfilme gedreht, er hat mit den Mächten Hollywoods und den Launen des Publikums gerungen, und er hat den Kampf um das Kino auch dann nicht aufgegeben, als er für ihn endgültig verloren schien. Vor fünfundzwanzig Jahren, nach dem Misserfolg seiner Großproduktion „Einer mit Herz“, stand Coppolas Zoetrope-Studio vor dem Bankrott, doch er drehte weiter. Und nach der Grisham-Adaption „Der Regenmacher“ (1997), die er selbst als Kniefall vor der Unterhaltungsindustrie verstand, gelang es Coppola zehn Jahre lang nicht mehr, ein eigenes Filmprojekt auf die Beine zu stellen. Aber er gab nicht auf, legte das Skript zu der Sciencefiction-Saga „Megalopolis“, an dem er so unermüdlich wie vergeblich gebastelt hatte, schließlich beiseite und ging einer anderen Spur nach - und so entstand, wie ein Funken aus der Asche, der Spielfilm „Jugend ohne Jugend“, der jetzt bei uns im Kino anläuft.

Vom Blitz getroffen

Ein Spielfilm? Eine Verfilmung. Vor gut dreißig Jahren veröffentlichte der in Chicago lebende und lehrende rumänische Religionsphilosoph Mircea Eliade (1907 bis 1986) seine Novelle „Youth without Youth“, die von der wundersamen Verwandlung des greisen Universitätsprofessors Dominic Matei erzählt. Matei, depressiv und kränklich, fährt aus einer Provinzstadt in Rumänien nach Bukarest, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Aber bevor er zur Tat schreiten kann, trifft ihn ein Blitz, der ihn nicht nur nicht tötet, sondern ihm zu einer zweiten, mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestatteten Existenz verhilft. Fortan kann er sich den Inhalt seiner Bücher durch bloßes Betrachten ihres Einbands einverleiben, spricht fließend Chinesisch und Altägyptisch und verfügt über telepathische Kräfte. Und, vor allem: Matei altert nicht. Unbenagt vom Zahn der Zeit, umgeben von jungen Gefährtinnen, grübelt er über die Folgen künftiger Atomkriege und die Wurzeln der menschlichen Sprache und Geschichte.

Dieses Buch, auf das ihn eine befreundete Orientalistin und Eliade-Schülerin hinwies, hat Coppola vor drei Jahren entdeckt und in sein Herz geschlossen. „Eliades Geschichte“, schreibt der Regisseur etwas unverbindlich im Nachwort zur deutschen Taschenbuchausgabe von „Youth without Youth“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008), „nahm eine unerwartete Wendung nach der anderen und riss mich förmlich mit.“ Man kann es auch deutlicher sagen: „Jugend ohne Jugend“ ist eine Allmachtphantasie, deren Held auf untergründige Weise mit dem Patriarchen Michael Corleone aus dem „Paten“, dem wahnsinnigen Colonel Kurtz aus „Apocalypse Now“, dem Vampir aus „Dracula“ und dem egomanischen Autobauer Tucker aus Coppolas Film von 1988 verwandt ist. Er ist ein Tycoon des Geistes, so wie Francis Ford Coppola ein Tycoon des Kinos ist. Und er ist, ebenso wie Coppola, ein Außenseiter, ein Antipode des Establishments. Derselbe Blitz, der Dominic Matei verjüngt, traf auch den Leser aus Napa Valley und weckte seinen Kampfgeist: „Ich beschloss, mir an meiner Tochter Sofia ein Beispiel zu nehmen, die nach Japan gegangen war und dort in jugendlicher Guerrillamanier ,Lost in Translation' gedreht hatte, auf ihre eigene Art.“

In Seife ertrinkend

Das Problem dieses Films, den Coppola im Herbst 2005 in Rumänien und Bulgarien gedreht hat, besteht darin, dass er tatsächlich lost in translation ist, allerdings auf andere Art, als es sich sein Regisseur vorgestellt hat. Das beginnt damit, dass Coppolas Hauptdarsteller, der Engländer Tim Roth, von lauter deutschen (Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, André Hennicke) und rumänischen Schauspielern umgeben ist, mit denen er zwar routiniert, aber ohne echte innere Beteiligung interagiert. Und es setzt sich fort in den Balkanlandschaften des Films, die mal für die Schweiz, mal für Malta und Nordindien einstehen müssen und dabei immer irgendwie beliebig, unscharf, wie schlechte Postkarten statt wie magische Traumbilder wirken.

Am schwersten wiegt, dass von den vielen Wundern, die in „Jugend ohne Jugend“ geschehen, keines wirklich wie ein Wunder aussieht. Den Blitztod und die zauberische Genesung des Dominic Matei handelt Coppola im Protokollstil ab, als wären sie die gewöhnlichste Sache der Welt. Um die Revolution in Mateis Bewusstsein zu zeigen, verfällt er auf den öden Trick, das Filmbild auf den Kopf zu stellen. Den Kampf des Professors gegen die Schergen der Nazis erzählt er als banale Agentenklamotte. Und die Lovestory zwischen Matei und der blonden Veronika (Alexandra Maria Lara), in der sich außer dessen erster Liebe Laura auch die altindische Prinzessin Rupini wiederverkörpert, ist nach Erledigung der sprachontologischen Formalitäten an Seifigkeit kaum zu überbieten.

So kommt es, dass „Jugend ohne Jugend“ wie die Parodie eines jener Hollywood-Vehikel wirkt, die Coppola so sehr hasst: ein Kunstfilm ohne Kunst, ein Thriller ohne Thrill. Denn es genügt nicht, gegen die Hierarchien der Filmindustrie zu rebellieren, man muss auch ihre Erzählformen hinter sich lassen. Dazu aber ist Coppola nicht bereit. Er bleibt ein Bewohner des Imperiums, das er bekämpft.

Text: eule / F.A.S.
Bildmaterial: Sony Pictures

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