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Es geht doch nicht nur ums Geld: „Buddenbrooks“

Von Edo Reents

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24. Dezember 2008 Die erste Generation? Man fängt gleich mit der zweiten an. Sesemi Weichbrodt und Grobleben, die strafende Prophetin und der Memento-Mori-Botschafter? Kommen ebenfalls nicht vor. Der genial mit dem Gewitter und einer Familienunterhaltung kurzgeschlossene Schlaganfall des Konsuls, der Tod der Konsulin? Verkürzt, verschenkt. Tonys Tochter, die ebenfalls an einen Betrüger gerät? Gibt es nicht. Hannos Schultag? Gestrichen. Der Erbschleicher Sievert Tiburtius? Dito. Das schwere Essen, bei dem so wichtige Dinge verhandelt werden? Ersetzt durch Ballszenen. All die Redensarten nach Art von „Mein Gott, ich war eine Gans damals“ (Tony), „Ich kann es nun nicht mehr“ (Christian) oder „Die Dehors wahren“ (alle außer Christian)? Fehlanzeige.

Nichts gegen filmische Lizenzen, aber Kinogänger, denen der Roman noch etwas anderes bedeutet als die von der PR-Maschinerie plump und irgendwie auch schamlos herbeiphantasierte Aktualität der „Buddenbrooks“, könnten zu der Auffassung gelangen, dass diese Vermisstenliste doch etwas lang ist. Oder trägt das alles zum tieferen Verständnis gar nichts bei, und es kommt nur auf die mit geradezu grotesker Sorgfalt ausgewählten Kostüme an, in denen das zurechtgestutzte Personal so schön schwofen kann? Es war Heinrich Breloers erklärte Absicht, eine „ordentliche Literaturverfilmung“ vorzulegen; deswegen muss man sie auf ihr Verhältnis zur Vorlage hin auch befragen.

Lachhafte Erotik

Das Erstaunliche an diesem Film ist, dass er trotz der vielen Lücken, die sich ja rechtfertigen ließen, sofern man den Eindruck bekäme, der Regisseur konzentrierte sich lieber auf etwas anderes, auf Thomas Buddenbrooks gesundheitlichen Niedergang beispielsweise, auf die Tendenz zur Frömmelei oder auf Hannos Todessehnsucht - dass dieser Film trotzdem so wirkt, als wolle er es allen recht machen und dürfe dabei so wenig wie möglich weglassen.

Heinrich Breloers Vorliebe für Bettszenen ist noch aus den „Manns“ erinnerlich - hier wird sie vollends lachhaft, wenn wir Thomas und Gerda in Aktion sehen und doch eigentlich wissen, wie die Braut aus Amsterdam es mit der körperlichen Liebe hält. Der Witz im Roman ist ja der, dass Thomas sich mit Gerda die Kunst und damit den Todeskeim ins Haus holt. Sohn Hanno besteht dann quasi nur noch aus Nerven, der Typhus braucht keine Ursache mehr, um ihn dahinzuraffen. Im Film aber sehen wir Hanno mit Freund Kai auf der Trave schippern, der robuste Kai nimmt Hanno irgendwelche Zettel weg, auf denen sich dieser offenbar Notizen zur Schopenhauerschen Philosophie gemacht hat, und wirft sie ins Wasser, Hanno hechtet hinterher und liegt dann auch schon fierbernd auf dem Totenbett.

Alles strebt zum Geld

Das ist so unbedrohlich geschildert wie die anderen Tode auch. Mit ihnen wollte Thomas Mann seinen Geschichtspessimismus beglaubigen: Der Tod war für die erste, im achtzehnten Jahrhundert wurzelnde Generation fast noch ein Freund, der entsprechend leichtes Spiel hatte. Bei den Nachfolgern dauert das Sterben immer länger. Was für eine Chance für einen Filmemacher, welche Herausforderung für die Maskenbildner, das genüsslich auszumalen, grausam in die Länge zu ziehen, um dem Zuschauer etwas Angst einzujagen, ihm zu zeigen, dass es um Leben und Tod geht und nicht nur, wie hier unaufhörlich behauptet, aber nicht bewiesen wird, um Finanzen und Familie! Bei Breloer kommen sie zu leicht davon, es geht viel zu schnell mit dem Konsul und der Konsulin, Thomas und Hanno.

Dabei stimmt die Handlung im Großen und Ganzen ja: Eine Lübecker Kaufmannsfamilie verfällt, wie der Romanuntertitel dies auch vorsieht. Das Geld wird weniger, die Lebenstauglichkeit auch, während die Neigung, sich mit sich selbst zu befassen, krankhaft überhand nimmt und am Ende nur das Interesse für Kunst übrigbleibt und die moderner gesinnte Konkurrenzfamilie Hagenström das Haus entern kann. Dies alles geht nach inneren Gesetzmäßigkeiten vor sich, die ohne Nietzsches Dekadenzanalyse schwer verständlich sind und die, das sei zugegeben, sich nur schwer in Bilder fassen lassen. Deswegen verlegt sich Breloer auf das Handgreiflichste, das Finanzielle, und lässt sein Personal die Phrase wiederkäuen, dass Geld nach Geld strebt; dazu ein paar Tanzeinlagen - fertig ist die These von der anhaltenden gesellschaftlichen Bedeutung des Romans, den man uns neuerdings sogar als eine Art Nationalepos verkaufen will.

Mangel an Subtilität

Wie wenig Breloer davon verstanden hat, sieht man vor allem an Kleinigkeiten: Beim Firmenjubiläum erhält Thomas die niederschmetternde Nachricht, dass die „auf dem Halm“ gekaufte Ernte verhagelt ist - im Roman überbringt ihm ein Bote diese Nachricht schriftlich: im Film muss es noch in die Festräume hineinhageln. Im Film zieht Hanno einen Schlussstrich unter die Chronik und wird vom Vater auf frischer Tat ertappt; der Roman lässt ihn dabei alleine, macht einen Schnitt und bringt den Skandal so viel wirkungsvoller zur Geltung.

Der Mangel an Subtilität, der sich schon aus leichtfertig verschenkten Gelegenheiten ergibt, wird durch die Üppigkeit der Inszenierung nicht wettgemacht. Die Bilder sind sehr erlesen; aber sie vermitteln nicht einen Hauch von jener Nervosität, um die es dem Roman zu tun ist. Auch die Kamera hätte mehr Geduld aufbringen müssen. So wirkt der Film, trotz seiner für Kinoverhältnisse überdurchschnittlichen Länge und unter Kappung der so wichtigen leitmotivischen Struktur, merkwürdig gehetzt. Dabei sind den „Buddenbrooks“ die Verfallssymptome schon zu Beginn eingeschrieben; Breloer aber kassiert die unheimliche Gemütlichkeit und beginnt mit einem Backfischball. Jedoch ist die Tony der Jessica Schwarz die einzige überzeugende Personalie, während Armin Mueller-Stahl und Iris Berben als deren Eltern eine glatte Fehlbesetzung sind. Der Konsul ist viel zu bedächtig, die Konsulin befeuert ihr gnadenloses Etikettenbewusstsein mit dem Klischeebaukasten, so dass sie immer „Wie beliebt?“ fragt. Dass die Brüder Thomas (Mark Waschke) und Christian (August Diehl) im Ganzen so konturlos bleiben, ist wohl der Absicht geschuldet, Tony zur Hauptfigur zu machen.

Kein Höhepunkt der Romanverfilmung

Dieser erstaunlich langweilige Film ist aber nicht nur nach seiner Werktreue zu beurteilen, sondern auch an seinen Vorgängern und am eigenen Anspruch zu messen. Im Begleitbuch, das fast so dick ist wie der Roman, meint Breloers Kameramann Gernot Roll, sich von seiner eigenen Arbeit, der Fernsehfassung von 1979, distanzieren zu müssen, die bis auf weiteres die beste Thomas-Mann-Verfilmung bleibt und die Frage aufwirft, warum Breloer sich überhaupt an die Sache herangewagt hat. Der Regisseur behauptet, man habe hier „noch einmal alles aufgerufen, was wir über die Manns und das Kino wissen“. Es kann nicht so viel gewesen sein.

Deshalb wäre auch den Lübeckern zu empfehlen, bei der Vermarktung halblang zu machen und nicht jetzt schon eine Ausstellung „Buddenbrooks - Eine Filmkarriere“ zu zeigen. Man sollte das abwarten.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Warner

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