Video-Filmkritiken

Filmkritik

Das pure Horrorvergnügen: „The Host“

Von Andreas Platthaus

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Film-Kritik: Kang-ho Song in "The Host"

29. März 2007 Unverschämt, die Jugend von heute, selbst in Südkorea. Hyun-seo ist dreizehn Jahre alt, aber vor ihrem Vater hat sie keinerlei Respekt. Allerdings zu Recht: Nicht nur, dass der blondierte, selbst noch kindlich wirkende Park Gang-du bei seinem lauen Job als Servierer in der Familienimbissbude am Ufer des Han-Flusses in Seoul immer wieder einschläft, er betrügt auch seinen eigenen Vater, den gutmütigen Patriarchen Park Hie-bong, um die Trinkgelder, damit er seiner Tochter ein neues Mobiltelefon kaufen kann. Doch die materialistische Hyun-seo wünscht sich Handgeräte in ganz anderen finanziellen Dimensionen, und sie schätzt es auch nicht, wenn man ihren Opa betrügt. Also hat Papa Gang-du einen schweren Stand beim eigenen Nachwuchs.

Der Rest der Familie Park hat es auch nicht leicht. Gang-dus Schwester ist eine exzellente Bogenschützin, doch im entscheidenden Moment versagen ihr im Wettkampf die Nerven. Und der jüngere Bruder Nam-il ist ein Trinker, der sich nicht in die Gesellschaft einfügen will, immerhin aber seiner Nichte zur Seite steht, wenn Gang-du wieder einmal sanft entschlummert ist. Nur Opa Hie-bong ist ein ruhender Pol, aber mit seiner Imbissbude lässt sich nicht viel Staat machen. Und doch sollen die fünf Parks im Laufe des Films zu Helden reifen.

Liebenswerte Verlierer

Es ist die klassische Masche im Kino: Nimm ein paar liebenswerte Verlierer, und du hast an der Kasse gewonnen. Der siebenunddreißigjährige koreanische Regisseur Bong Joon-ho hat vor einem Jahr mit „The Host“ den erfolgreichsten Film seines Heimatlandes gedreht - kein ästhetisches Virtuosenstück, wie es seinen auch im Westen erfolgreichen Landsleuten Kim Ki-duk oder Park Chan-wook immer wieder gelungen ist, sondern ein geradliniger Monsterfilm auf beste fernöstliche Art: Ein durch Umweltverschmutzung entstandenes Ungeheuer terrorisiert die Metropole.

Dieses Monster sieht aus wie ein gigantischer Schlammspringer, doch wie Bong es inszeniert, das steht in einer anderen als der verspielten Godzilla-Tradition. Vorbilder für die ersten Auftritte der Kreatur, die Schrecken auf und am Han-Fluss verbreitet, sind Spielbergs „Weißer Hai“ von 1975 und Ridley Scotts vier Jahre später gedrehter erster „Alien“-Film, in denen jeweils vorgeführt wurde, wie man mit minimalen Effekten nervenaufreibende Spannung erzeugt. Zwar nutzt Bong die moderne Computertechnik für einige frühe Ganzkörperauftritte des Monsters, und alsbald hetzt es auch in schönster „Jurassic Park“-Manier hinter den panisch fliehenden Bewohnern von Seoul her, doch der Film bemüht sich gar nicht erst, die Künstlichkeit der Kreatur zu leugnen: Bong hat sie so abgefilmt, als sei sie in klassischer Stop-Motion-Technik animiert worden.

Maximale Effizienz

Und im Gedächtnis bleiben ohnehin die subtileren Schockmomente, die der Regisseur meisterhaft zu inszenieren versteht. Etwa jene Szene, in der die kleine Hyun-seo versunken der Musik aus ihrem Kopfhörer lauscht, während im Hintergrund beinahe beiläufig die verzweifelte Flucht der Passanten vor dem Monster ihren Lauf nimmt. Dann dreht sich das Mädchen um, und einen Sekundenbruchteil später rast das Ungeheuer über sie hinweg und reißt sie an den Kabeln des Kopfhörers mit sich - maximale Effizienz der filmischen und narrativen Mittel. Kein Detail ist hier zu viel.

Es gibt einige solcher atemberaubenden Augenblicke im Laufe der Jagd von Familie Park auf das Ungeheuer. Jedoch wäre „The Host“ dadurch nicht mehr als ein schönes Genrestück. Was ihn in Korea so erfolgreich gemacht hat - und hoffentlich auch bei uns machen wird -, das ist sein Humor. Schon der Titel ist famos, denn der „Gastgeber“ ist niemand anderes als das Monster selbst, das Huon-seo in einen Abwasserschacht am Fluss verschleppt hat, aus dem es ohne Hilfe kein Entkommen gibt. Und die Jägerfamilie Park wird ihrerseits zu Gejagten, weil das Gerücht umgeht, dass jeder, der mit dem Ungeheuer in Berührung kam, mit einem tödlichen Virus infiziert worden ist.

Köstlicher Schabernack

Man merkt schon: Der Film ist keine Komödie. Aber er enthält einige der gelungensten komödiantischen Szenen der letzten Jahre, weil er seine fünf Hauptfiguren sehr genau charakterisiert und dann ihre jeweiligen Marotten als winzige Schlaglichter aufscheinen lässt. Oder weil er mit Entsetzen köstlich Schabernack zu treiben versteht, so zum Beispiel in der besten Szene des ganzen Films, wenn eine Fußgängergruppe an einer Ampel wartet und einer von ihnen zu husten anfängt - gerade nachdem in den Nachrichten verkündet wurde, dass die Symptome der angeblichen Viruserkrankung denen einer Erkältung ähneln. Bong gelingt es, allein durch Blicke die Angst der übrigen Wartenden vor dem Kranken, der etwas Auswurf in eine Pfütze auf der Straße spuckt, deutlich zu machen - und auch die Erleichterung, als er endlich zu husten aufhört. Doch dann fährt ein Wagen durch die Pfütze und spritzt deren Inhalt über alle Fußgänger.

Das ist ganz nahe am Slapstick, wie vieles im Film. Ob es das Monster ist, das sich unter den Stahlträgern der Brücken mit Gienger-Riesenfelgen fortbewegt, oder der koreanische Superstar Song Kang-ho, der den leicht vertrottelten Vater Gang-du gegen alle seine sonstigen heroisch-grausamen Rollenklischees spielt - „The Host“ hat zahlreiche amüsante Überraschungen parat. Dagegen sind Geschichte, Tricks und Kameraführung denkbar konventionell, ja, geradezu bieder. Aber genau das trägt zu dem wohligen Gefühl bei, hier einem Film zuzusehen, der ganz im Geiste guter Unterhaltung gedreht ist. Derartige Kinoerlebnisse, die nicht auf Effekten, sondern auf narrativem Talent und Witz gründen, gibt es heute kaum noch. Und dass Bong zudem noch über die Skrupellosigkeit verfügt, einzelne Sympathieträger sterben zu lassen, ohne dabei irgendeine Tendenz zum Melodramatischen aufzuweisen und ohne dadurch das Publikum zu enttäuschen - das ist eine besonders große Leistung. Die größte aber ist, mit einem Horrorstoff pures Vergnügen zu erzeugen. Das hat Bongs Film allen seinen Vorgängern und Vorbildern voraus.



Text: F.A.Z., 28.03.2007, Nr. 74 / Seite 35
Bildmaterial: MFA-Film

 

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