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Friedhof der frommen Sprüche: „Der rote Baron“

Von Andreas Kilb

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10. April 2008 Wir müssen Til Schweiger Abbitte leisten. Lange Zeit haben wir kaum eine Gelegenheit ausgelassen, ihm auf die Zehen zu treten - mal für seine Talente als Schauspieler („Das Superweib“), mal für seine Leistungen als Produzent und Regisseur („Der Eisbär“, „Keinohrhasen“). Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass man Schweiger für seine Auftritte als Hajo Heiermann, Heinz Hummer oder Nick Siegel irgendwann ein Denkmal setzen wird.

Aber als deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg in Nikolai Müllerschöns „Rotem Baron“ ist er wirklich spitze. Er hat genau das Gesicht, das es für diese Rolle braucht - das Antlitz eines Dreißigjährigen, der wie fünfzig aussieht, mit nervös flackernden Augen und frostzerbissener, von Benzinschwaden und Maschinenöl gegerbter Haut, müde vom täglichen schwindelnden Aufstieg auf fünf-, sechstausend Meter Höhe in einer fliegenden Holzkiste mit 150-PS-Motor, vom endlosen kurvenden Heruntersausen als Jäger oder Beute im Luftduell, von den Maschinengewehrgarben, die die Tragflächen, Benzintanks und Pilotenkörper zerfetzen, und den zerknüllten, verkohlten, skelettierten Wracks der Verlierer am Boden.

Man muss ein halbes Leben gelebt haben

Das alles liest man in Schweigers Zügen. Und dazu eine Gleichgültigkeit, eine Kälte, wie sie nur jemand ausstrahlt, der sich an die moderne Form des Tötens gewöhnt hat, an den maschinellen Tod, den Schuss per Knopfdruck, der dem Abdrückenden den Machtrausch des Vollstreckers schenkt, ohne ihn mit dem Blut seines Opfers zu beflecken. Dass Schweiger eigentlich zwanzig Jahre zu alt ist für seine Rolle, schadet dabei nichts, schließlich sieht heute niemand mehr so aus wie die Fünfundzwanzigjährigen des Ersten Weltkriegs. Tucholsky hat sie beschrieben, Ernst Jünger hat sie gefeiert, Otto Dix hat sie gemalt: junge Greise mit tiefen Augenhöhlen, eingefallenen Wangen und verkniffenen Mündern. Heute muss man ein halbes Leben gelebt haben, um dergleichen überhaupt darstellen zu können.

Aber Til Schweiger ist im „Roten Baron“ weder der Held noch der Bösewicht der Geschichte. Er spielt nur einen sidekick, den Leutnant Werner Voss, mit dem Manfred von Richthofen eine rauhe Jagdfliegerfreundschaft unterhält - und damit beginnt die Malaise dieser Produktion. Denn Richthofen, der „rote Baron“ seligen Angedenkens, dem die Nazis ein Museum in seiner Heimatstadt Schweidnitz und der amerikanische Zeichner Charles M. Schulz zahllose Bilder seiner Comicserie „Die Peanuts“ gewidmet haben, trägt das Gesicht von Matthias Schweighöfer, dem sanften Rabauken, der Jugendikone des deutschen Films.

Ein lieber Kerl

Sobald Schweighöfer zum ersten Mal über die Leinwand fliegt - eskortiert von seinen Kameraden, wirft er in einer ritterlichen Tour de force einen Kranz auf den Sarg eines getöteten englischen Gegners -, ist klar, dass dieser Baron ein lieber Kerl ist, ein blonder Edelpreuße mit dem Herzen am rechten Fleck. Es ist auch klar, dass er gelegentlich ein Nervenbündel sein kann, ein Macho mit weichen Knien, wie ihn Schweighöfer für die Theaterfilme Uwe Jansons („Baal“, „Lulu“) und die Stuckrad-Barre-Verfilmung „Soloalbum“ gespielt hat. Aber ein Killer ist der schöne Manfred nicht. Und damit vergibt Müllerschöns Film seine erste und entscheidende Chance.

Denn Kriegsfilme sind ja keine Filme über den Krieg. Es sind Filme über Krieger: darüber, wie einer zum Schießen ausgebildet, zum Töten erzogen, zum Niedermetzeln angestiftet und zum Sterben abgestumpft wird. Kubricks „Full Metal Jacket“ zeigt es am Beispiel des Army-Reporters Joker in Vietnam, Spielbergs „Saving Private Ryan“ schickt dafür Tom Hanks als Captain Miller nach Omaha Beach - und Müllerschöns „Roter Baron“ hätte denselben Bildungsroman über das kaiserliche Flieger-As des Ersten Weltkriegs erzählen können, den deutschen Kriegshelden schlechthin, der nur deshalb hierzulande ein wenig in Vergessenheit geraten ist, weil der Begriff des Kriegshelden den Nationalsozialismus nicht überlebt hat.

Die ideale Vorlage

Dass der Film diese Geschichte nicht erzählt, ist deshalb besonders tragisch (wenn man beim „Roten Baron“ von Tragik reden kann), weil Manfred von Richthofens Leben dafür geradezu die ideale Vorlage geboten hätte. Richthofen, 1892 als Sohn eines frühpensionierten Kavalleriehauptmanns aus verarmtem Adel geboren, war bis zu seiner Versetzung zur Fliegertruppe eine preußische Durchschnittsexistenz, ein Produkt von Kadettenanstalten und Offizierskasinos wie hunderttausend andere. Ein Jahr lang dient er ruhmlos als Flugbeobachter an der Ostfront; bei seiner ersten Fliegerprüfung in Döberitz bei Berlin fällt er durch.

Es sind die späten Pionierjahre der Fliegerei: Alle sechs Monate erschien ein neuer Flugzeugtyp, der allen anderen überlegen ist. Richthofens Glück besteht darin, dass im Sommer 1916, als er in die Jagdstaffel 2 von Oswald Boelcke eintritt, gerade die Deutschen im Innovationsrennen die Nase vorn haben. Der Konstrukteur Anthony Fokker hat einen Synchronmechanismus erfunden, mit dessen Hilfe ein Maschinengewehr durch einen laufenden Propeller hindurchschießen kann; und Richthofen, dessen Jagdfieber berüchtigt ist, macht ausgiebig Gebrauch davon. Sein Erfolgsrezept, mit dem er innerhalb eines Jahres fast sechzig Luftkämpfe gewinnt, ist eine Variante der Rotwildjagd: rasches Anpirschen von hinten, dann Blattschuss aus nächster Nähe. Aber im Sommer 1917 gewinnen die Alliierten die technische Überlegenheit zurück. Der Fliegerheld bekommt das zu spüren. Am 6. Juli schießt ihm ein britischer Bordschütze ein Loch in den Schädel; Richthofen, inzwischen Kommandeur des Jagdgeschwaders 1, überlebt schwer verletzt.

Sadistische Mordlust

Von da an ist alles anders. Als lebende Legende und Bestsellerautor („Der rote Kampfflieger“), von Kopfschmerzen und Verlustmeldungen zermürbt, tourt Richthofen durch das kriegsmüde Kaiserreich, lässt sich feiern und bedichten und gewinnt doch seinen alten Übermut nicht wieder. Seine Kopfwunde heilt schlecht. Ein Techtelmechtel mit der Krankenschwester Käte Otersdorf, die er im Lazarett kennengelernt hat, ist nicht von Dauer. Zeitzeugen beschreiben die kalten Augen, das Maskenhafte und Abweisende des späten Richthofen. Zugleich entwickelt er eine sadistische Mordlust; wenn ihm einer seiner Piloten vom Abschuss eines feindlichen Fliegers berichtet, fragt er nur: „brennend?“

Heutige amerikanische Neuropsychologen vermuten bei Richthofen eine „posttraumatische Zielfixierung“: Durch die Hirnverletzung habe er die Fähigkeit verloren, von seiner Beute abzulassen. Am 21. April 1918 verfolgt er ein englisches Flugzeug im Tiefflug über die feindlichen Linien. Drei australische Soldaten beschießen ihn vom Boden aus mit ihren Maschinengewehren. Eine Kugel dringt durch Richthofens Leber und Herz. Das letzte Foto vor dem Start zeigt ihn beim Kraulen seiner Dogge „Moritz“. Eine Frau ist nicht mit auf dem Bild.

Keine bewegten Bilder aus der Luft

Das wäre einen Film wert gewesen: die Geschichte der Verrohung des Manfred von R. und seiner Indienstnahme durch die Macht, für die er kämpfte, erst begeistert, dann immer skeptischer und todesgewisser („eigentlich hat es ja keinen Zweck mehr“). Ein Film über den Luftkrieg - nicht den deutschen, französischen oder englischen, sondern den Luftkrieg schlechthin, den „titanischen“ (Jünger) Kampf mit benzingetriebenen Flugmaschinen, der neue Formen der Wahrnehmung und einen neuen Typus des Könners hervorbringt. Dabei bietet die Epoche der Doppel- und Dreideckerfliegerei den Vorteil, dass in ihr die Filmkamera technisch noch nicht weit genug entwickelt war, um das Töten am Himmel dokumentieren zu können. Es gibt, anders als bei den Wochenschauen und Propagandawerken aus dem Zweiten Weltkrieg, keine bewegten Bilder von den frühen Schlachtfeldern der Luft.

In diese Lücke kann die filmische Phantasie vorstoßen. Seit Howard Hughes' „Hell's Angels“ von 1930 gab es viele Versuche, sie zu füllen; aber mit jeder neuen Generation reißt sie wieder auf. Inzwischen zaubert die Computeranimation sogar Flugzeuge auf die Leinwand, die nur noch auf Fotos und Konstruktionsplänen existieren. In Tony Bills „Flyboys“ (2006) etwa fliegen zweimotorige deutsche Gotha-Bomber durchs Bild, wie sie das Kaiserreich ab 1915 in hohen Stückzahlen produzierte. Die letzten Flugzeuge dieses Typs wurden im Jahr 1920 demontiert.

Romantik, Edelmut und Pazifismus

Aber Nikolai Müllerschön, Regisseur von Actionfilmen und Fernsehthrillern wie „Im Sog des Bösen“ und „Der Erlkönig - auf der Jagd nach dem Auto von morgen“, hat in seinem Domizil im kalifornischen Venice anscheinend von einer ganz anderen Richthofen-Variante geträumt. Müllerschön wollte einen Film drehen, der die Figur Richthofens zum Glänzen bringt, indem er sie mit reichlich Romantik, Edelmut und antipreußischem Pazifismus poliert, ein Kriegsdrama für die „Kein Blut für Öl“-Generation.

Deshalb gibt es im „Roten Baron“ ausgerechnet von all dem zu wenig, wonach der echte Richthofen süchtig war: Fliegerduelle, Kasinogespräche, Sauhatzen, Pulverdampf. Stattdessen darf sich Schweighöfers Manfred von Schwester Käte (Lena Headey) bis zur Besinnungslosigkeit kurieren lassen und mit ihr pazifistische Nachtgespräche pflegen, deren Einsichten er dann abwechselnd an seinem periodisch abstürzenden Gegner Roy Brown (Joseph Fiennes) und seinem hakenbärtigen obersten Dienstherrn Wilhelm II. (Ladislav Frej) ausprobiert. Dass ihm dabei der eine mehr, der andere weniger zustimmt, ist schon beinahe der einzige dramatische Konflikt des „Roten Barons“.

Friedhof der frommen Sprüche

Nur die verfluchte patriotische Pflicht hält unseren Helden davon ab, sich mit seiner Käte nach Schweidnitz zu verdrücken. Es ist, als hätte der Film selbst einen Schlag auf den Kopf bekommen, so dass er die Figur Richthofen gegen einen Margarinewerbungsjüngling gleichen Namens austauschte. Richthofens Krieg war eine Eskalation der Barbarei, Müllerschöns Krieg ist ein Friedhof der frommen Sprüche und guten Absichten. Nur Til Schweiger hält mit seinem flackernden Veteranenblick dagegen, bis sein Leutnant Voss irgendwann in aller Stille aus der Geschichte verschwindet.

Und so ist am Ende noch eine weitere Abbitte fällig. Sie gilt dem Amerikaner Roger Corman, den wir immer für einen Regisseur aus der zweiten Liga gehalten haben. Jetzt aber zeigt sich, dass er nicht nur Francis Ford Coppola, James Cameron und Jonathan Demme bei ihren ersten Schritten im Filmgeschäft geholfen hat, sondern mit seinem „Red Baron“ von 1971 auch einen echten Klassiker des Genres gedreht hat - einen Film, in dem sogar Richthofens Nachfolger als Chef des Jagdgeschwaders 1 auftaucht, ein Mann namens Hermann Göring, der es unter den braunen Erben des Kaiserreichs zu unrühmlichen Ehren brachte. Der deutsche Titel von Cormans Film, der bei uns zurzeit leider nur auf Videokassette erhältlich ist, lautet übrigens „Manfred von Richthofen - Der Rote Baron“. Und darauf kann man sich verlassen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Warner

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