Von Niklas Maak
07. Juli 2005 Es war ein seltsamer Moment, als nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs plötzlich ein paar junge Männer mit Nazi-Uniformen an den Stränden von Kalifornien auftauchten - junge Männer, die nicht in Kübelwagen oder Panzern saßen, sondern auf alten Surfbrettern standen und vom Militär erst einmal genug hatten.
Es waren junge Soldaten der amerikanischen Armee, die aus Europa zurückgekehrt waren, ein paar Beuteuniformen mitgebracht hatten und nun, wie in einem exorzistischen Akt, in ihren makabren Kostümen so lange durch Brandungsbrecher ritten, bis der Nazi-Grusel förmlich von ihnen abfiel. Was damals an den Stränden von San Onofre und Point Dume begann, war ein selbstbewußt amerikanisches Zeitalter, der Beginn einer Popkultur, die den ideologischen Ernst der Vergangenheit gründlich zerfetzte - und daß diese Haltung untrennbar mit der kalifornischen Surfkultur zusammenhängt, ist nur eines der vielen Geheimnisse, die Stacy Peraltas Dokumentarfilm Riding Giants offenlegt.
Einen Ruf wie später die Hippies
Handstand auf dem Surfboard, mitten in der Welle; ein Ritt in Nazi-Uniform auf einem kaputten Brett durch ein abschüssiges Kanalrohr; Randale-Fahrten in schrottreifen Autos: Bald hatten Surfer einen Ruf wie zwei Jahrzehnte später die Hippies - heimlich beneidet, offen verachtet, als Gefahr für Sitte und Moral eingestuft. Dabei waren die jungen Männer, die schon seit den dreißiger Jahren ihre Zeit an den weiten, leeren Stränden von San Onofre und Point Dume verbrachten, dort größtenteils nicht aus Übermut, sondern aus Not: Die meisten hatten wegen der Wirtschaftskrise keine oder nur sehr schlecht bezahlte Jobs, und anstatt in engen, dunklen Wohnlöchern in der Stadt zu hocken, zogen sie es vor, in Autos oder Zelten am Strand zu schlafen, ihr Essen selbst zu angeln und am Lagerfeuer zu braten und die Krise vorbeiziehen zu lassen wie einen schlechtgelaunten Hai.
Das Leben der Surfer an den kalifornischen Stränden war, finanziell betrachtet, eine Notlösung - aber eine, die sie deutlich besser aussehen ließ. Und als man feststellte, daß die surfer guys brauner, athletischer und selbstbewußter als ihre blassen Kollegen in der Stadt aus dem endlosen Sommer zurückkamen, wurde der Wellenreiter zur nationalen Identifikationsfigur; Greg Noll, der erste Superstar des Surfens, wurde gefeiert wie ein Cowboydarsteller.
Das Glück in den Weiten des Westens
Am Strand von Kalifornien wiederholte sich die amerikanische Geschichte im Miniaturformat: Junge Männer verließen die Zivilisation und suchten ihr Glück in den unentdeckten Weiten des Westens. Nur daß das Versprechen von Offenheit und wildem Leben nicht mehr auf dem Festland lag. Die Surfer von San Onofre setzten den Zug nach Westen fort - nur daß die Berge, die es zu bezwingen galt, aus Wasser waren; sie lebten wie die Trapper auf dem Zug nach Westen: in Zelten oder in ihren Wagen am Strand oder am Lagerfeuer; und es ist kein Zufall, wenn Stacy Peralta, der Regisseur von Riding Giants, der selbst in den siebziger Jahren als Skater berühmt wurde, Greg Noll einen Cowboy mit einem wunderbar unabhängigen Geist nennt.
Riding Giants erzählt chronologisch von den großen Mythen des Surfsports: von den heiligen Pilgerstätten der Community, von Orten, die Waimea, Maverick's, Jaws und Teahupoo heißen; von den Anfängen auf schwerfälligen Redwood-Brettern bis zum Tow-In Surfing - der wichtigsten technischen Revolution des Wellenreitens, bei der die Surfer mit Wasserscootern in Wellen gezogen werden, die sie allein nie erreichen würden. Man sieht den jungen Greg Noll, der 1969 als einziger die furchterregende Jahrhundertwelle vor der kalifornischen Küste fuhr; man sieht ihn beim Nose-Riding, dem kunstvollen Tanz auf der Nase des Boards; man sieht ihn, wie er durch die Wellen gleitet, als sei der einzige Sinn des Surfens die Verkörperung absoluter Lässigkeit.
Die Chaos-Surfer der ersten Stunde
Man sieht die Chaos-Surfer der ersten Stunde, und man sieht ihre professionellen Nachfolger - den heute vierzigjährigen Laird Hamilton zum Beispiel, der von seiner Vergangenheit als Sohn einer alleinerziehenden Frau in Kalifornien erzählt: wie er seine Tage allein am Strand verbrachte; wie er einen Surfer namens Hamilton kennenlernte, der ihn mit auf sein Brett und in die Wellen nahm, woraufhin der begeisterte kleine Junge ihm sagte, er müsse jetzt aber auch mal seine Mutter kennenlernen; wie Hamilton senior daraufhin die schönste Frau der Westküste kennenlernte und Laird den Namen seines Stiefvaters annahm und mit ihm nach Hawaii zog und Laird Hamilton wurde, der beste Surfer der Welt.
Riding Giants erzählt von einem surrealen Leben, das sich nach den Gezeiten und der Sturmvorhersage, der Gischt und der Suche nach der perfekten Welle richtet. Es gibt eine Szene, da sieht man Hamilton an einem windstillen Tag wie zusammengebrochen am Strand sitzen, und seine Frau sagt den schönen Satz: Ein Surfer an einem Tag ohne Wellen ist wie ein Drachentöter, dem man sagt, es gebe nun keine Drachen mehr. Und dann sieht man Laird Hamilton wieder, wenn es Wellen gibt; am 17. August 2000 zum Beispiel, als er bei einem Riff im polynesischen Teahupoo eine Welle fuhr, die als heaviest wave in the world galt und in der jeder kleinste Fehler tödlich gewesen wäre. Hamilton machte keinen Fehler, aber die Filmaufnahmen seines Rittes reichen, um den Zuschauer an den Rand eines Herzinfarkts zu bringen.
Wellen von 23 Meter Höhe
Surfer wie Darrick Doerner, Laird Hamilton und der Windsurfstar Peter Cabrinha zettelten in den vergangenen Jahren einen lebensgefährlichen Wettbewerb an. Parsons fuhr vor vier Jahren eine Sechzig-Fuß-Welle an der Cortes Bank; wenig später schaffte der Brasilianer Carlos Burle 68 Fuß, dann kam Cabrinha und fuhr eine Siebzig-Fuß-Welle - das sind Wellen von 23 Meter Höhe. Das Ziel ist die mythische Hundert-Fuß-Welle, ein Brecher von 33 Metern, und wenn man die Aufnahmen sieht, begreift man, was haushohe Welle bedeutet. Es hat auch nicht jeder das Glück von Hamilton: Der Weltklassefahrer Mark Foo, auch das zeigt Riding Giants, verschwand an einem stürmischen Tag bei Maverick's in einer Welle und tauchte nie wieder auf.
Mit den Monsterwellenfanatikern hat der Massen-Surfsport nichts zu tun. Aber natürlich strahlt die romantische Unbedingtheit der Suche nach der perfekten Welle auch auf den herumdümpelnden Ufersaum-Fahrer ab. In den sechziger Jahren, in denen sich lange Zeit alles um die Grillparty am Pool gedreht hatte, kaufte sich plötzlich jeder ein Board und ging in die Wellen. Ford Mustang Cabrio, Antibabypille und Surfboard waren die drei Hauptinsignien eines Lebens im Zeichen von Vollgas. Keine Angst vor nichts mehr haben, Verdeck runterklappen, richtig loslegen: Es war die Gier, sich ins Leben zu stürzen, die die Massen in die Wellen trieb. Und genau das war den alten Surfern ein Greuel. Riding Giants dokumentiert das Entsetzen jener Veteranen, die bisher als neorousseauistische Avantgarde ungestört an leeren Stränden lebten, angesichts der zahllosen Angestellten, die ihre Surfspots mit Abertausenden Brettern in eine Art Wassermikado verwandelten.
Maßgeblich trugen zur Verbreitung des Surfens Filme wie Gidget, die Geschichte eines jungen, wellenbegeisterten Mädchens, und so abstruse Taschenbücher wie George Snyders Surfside Sex - Living with Savage Passions and Raw Desire bei. Vor Gidget gab es weltweit rund fünftausend Surfer, 1964 war ihre Zahl auf zwei Millionen angewachsen. Damit wurde endgültig demokratisiert, was auf Hawaii, wo die Ursprünge der Surfkultur ins Jahr 1000 nach Christus datiert werden, einmal ein Privileg der Adligen und der Herrscher war (König Kamehameha I. beeindruckte sein Volk durch seine Wendigkeit in den Wellen). In der Alten Welt wurde das Wellenreiten durch James King bekannt, der 1779 seinen illustrierten Bericht über die Wellenritte der Insulaner veröffentlichte. Den Calvinisten war der körperliche Rausch des Höllenrittes auf der Welle zutiefst zuwider: Sie untersagten 1821 das Surfen aus sittlichen Erwägungen.
All das erzählt Riding Giants - aber was vor allem bleibt, sind die Bilder der Wellen, die den Kinosaal zu überrollen scheinen. Was man hier sieht, ist die Rückkehr des Physikalischen in den Film: Es sind reale Sportler, die ihren Körper den Kräften der Wellen aussetzen, keine animierten Figuren. Und auch wenn es Riding Giants einmal auf DVD geben sollte: Man braucht schon eine Leinwand, die so groß ist wie eine Welle, um zu begreifen, worum es da draußen in der blauen Hölle gehen könnte.
Text: 02-09-2004, F.A.Z., Kino (Feuilleton), Seite 37
Bildmaterial: Delphi Filmverleih
