Video-Filmkritiken

Kino

Zwischen allen Stühlen: „Paradise Now“

Von Verena Lueken

Video in voller Größe

Film-Kritik: Ali Suliman und Kais Nashef in „Paradise Now”

29. September 2005 Said und Khaled schrauben Autos zusammen, mit denen niemand weiter kommt als bis zur nächsten Straßensperre. Sie leben in Nablus auf der Westbank. Wenn sie nicht arbeiten, sitzen sie auf zerfetzten Autositzen in den Hügeln, hören Musik aus einem Transistorradio, tanzen gelegentlich, ziehen an der Wasserpfeife und schauen in die Landschaft. Die ist grau, vollgestellt mit Baracken und zerschossenen Häuserzeilen, überwölbt von einem staubigen Himmel, der den Horizont verschluckt hat.

In ihrem Alltag bewegt sich nichts, und die Hoffnung, daß sich dies ändern könne, solange sie leben, haben sie beide nicht. Vor langer Zeit schon sind sie als Selbstmordattentäter rekrutiert worden. Said (Kais Nashef) will mit einem Attentat und seinem Tod die Schande auslöschen, die sein Vater einst über die Familie gebracht hat, weil er mit den Israelis kooperierte. Khaled (Ali Suliman) weiß nicht, was er sonst mit seinem Leben anfangen soll, und hat bisher immer alles gemeinsam mit seinem Freund getan. „Paradise Now“ setzt an dem Tag ein, an dem Said und Khaled zur Tat gerufen werden.

Gangsterfilm und Politthriller

Von nun an entwickelt sich die Geschichte wie eine Mischung aus einem Gangsterfilm und einem Politthriller, mit unerwarteten Wendungen, brüchigen Allianzen, Zweifeln am eigenen Tun, gerade noch abgewehrter Entdeckung und einem folgerichtigen Schluß. Gleichzeitig sehen wir ein Stück Alltag in den besetzten Gebieten, den dokumentarischen Mehrwert, den hier wie schon in „Rana's Wedding“, dem letzten Film des Regisseurs Hany Abu-Assad, das Drehen am Ort der Spielhandlung abwirft. Und wir sehen zwei Männer, die sich aufs Töten und auf den eigenen Tod vorbereiten - penibel angeleitet, selber unsicher, aber doch keineswegs Opfer einer Gehirnwäsche. Für die fundamentalistischen Phrasen ist der Kopf der Terroristengruppe zuständig, der Lehrer des Orts.

Wer bei dem Titel von Hany Abu-Assads neuem Film an Francis Coppola und „Apocalypse Now“ denkt, ist auf der richtigen Spur. Coppolas Helden fanden damals die Hölle an einem Ort, den die Natur fürs Paradies geschaffen hatte, in Kambodscha. Hany Abu-Assads Figuren suchen das Paradies in einem Vorhof der Hölle. Jedenfalls kam Abu-Assad die Westbank so vor, als er im Sommer 2004 dort diesen Film drehte. Täglich mußten er und seine Crew damit rechnen, in Anschläge verwickelt zu werden, wiederholt wurden sie von palästinensischen Milizen bedroht. Inzwischen sind die Israelis aus dem Gazastreifen abgezogen, und die Zahl der Selbstmordattentate ist deutlich zurückgegangen. „Paradise Now“ erzählt von einer Zeit, die dort, wo seine Geschichte spielt, möglicherweise zu Ende geht.

Ein Skandal für beide Seiten

Das ändert nichts daran, daß „Paradise Now“ sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite als skandalös empfunden wird. Hany Abu-Assad ist Palästinenser mit israelischem und holländischem Paß, er lebt seit langem in Amsterdam. Es spricht für seinen Film, daß er von beiden Seiten angegriffen wird - von radikalen Palästinensern, die ihm vorwerfen, er biedere sich dem Westen an, von radikalen Israelis, die ihn beschimpfen, weil er mit dem Blut der Opfer Geld mache. Beide werden nicht damit fertig, daß Abu-Assad Selbstmordattentäter als Menschen zeigt, mit denen er nicht sympathisiert, die er aber zu verstehen sucht. Für die einen sind diese Menschen Heilige. Für die anderen Monster.

Wie Heilige gemacht werden, zeigt Abu-Assad in einer fast komischen Szene. Said steht, ein Palästinensertuch um die Schultern und eine Kalaschnikow auf den Oberarm gestützt, vor einer Kamera, um seine Märtyrerbotschaft aufzeichnen zu lassen. Mitten in seiner Rede, die der Lehrer für ihn formuliert hat und die er vom Blatt abliest, fällt die Kamera aus. Ali muß ein zweites Mal beginnen und dann ein drittes Mal, während der Kameramann in sein Pitabrot beißt. Es ist wie ein leichtes Spotzen in der bürokratischen Mordmaschinerie, für die der Tod von Männern wie Said und Khaled so wenig bedeutet wie der ihrer Opfer. Das Video, das hier entsteht, wird schließlich im selben Gemischtwarenladen unter der Theke liegen, in dem auch die letzte Botschaft seines Vaters zum Kauf angeboten wird. Kollaborateure müssen sich vor ihrer Exekution vor der Kamera in Selbstbezichtigungen üben, und ihre Videos sind deutlich beliebter als die der Attentäter.

„Paradise Now“ lief auf der Berlinale (Politische Filme im Wettbewerb und im „Panorama“) und gewann dort den Preis für den besten europäischen Film. Der Respekt, den er seinen Figuren entgegenbringt, ohne ihr Handeln gutzuheißen, liegt jenseits aller Menschtümelei, und die verhaltene Nähe, die er zu ihnen hält, bis er am Ende auf Distanz geht, ist die einzige Position, die der Regisseur bezieht. Damit bleibt er jenseits aller Propaganda für die eine oder andere Seite oder, wie die Reaktionen auf seinen Film beweisen, zwischen allen Stühlen. Für einen Regisseur ist das der beste Ort.



Text: F.A.Z., 28.09.2005, Nr. 226 / Seite 37
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Constantin Film

 
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