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Kino

Beiläufige Poesie eines High-School-Massakers: „Elephant“

Von Michael Althen

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Film-Kritik: Alex Frost in "Elephant"

07. April 2004 Schöner hat man das nie gesehen: eine High-School in Portland, Oregon. Der Indian Summer färbt das Laub, auf dem Sportplatz wird trainiert. Im Hintergrund sieht man die Jungs beim Football, im Vordergrund läuft ein Mädchen mit Brille durchs Bild. Man hört Beethovens Mondscheinsonate, das Bild verlangsamt sich, und wie in Zeitlupe hält das Mädchen inne und blickt zum Himmel, als wolle sie die Herkunft dieser Musik ergründen.

Im selben Moment unterbricht ein Junge hinter ihr das Training, zieht seine rote Kapuzenjacke über, auf deren Rücken über der Schrift "Lifeguard" ein weißes Kreuz zu sehen ist, dem die Kamera folgt und immer weiter folgt, während der Junge über den Sportplatz geht, ins Schulgebäude, die Flure entlang, an einer Gruppe Mädchen vorbei, über deren bewundernden Blicken die Bewegung wieder zur Zeitlupe gerinnt, und immer weiter, bis zu seiner Freundin, die er an die Hand nimmt.

Emotionale Landvermessung

Dann wird die Zeit zurückgestellt, und die Kamera hängt sich an eine andere Figur, der sie durch dieselben Korridore folgt, in die Cafeteria, in die Bücherei, ins Fotolabor, in die Umkleidekabine. Die Wege wiederholen sich, kreuzen sich mitunter, so daß man bestimmte Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln erlebt; so folgt die Kamera einmal auch der Mädchengruppe, so daß man die Begegnung mit dem Jungen in der roten Kapuzenjacke aus deren Perspektive sieht und auch hört, was sie sagen.

Sechs Mal setzt die Kamera von Harris Savides neu an, springt zurück in der Zeit, heftet sich an die Fersen einer oder mehrerer Figuren und durchmißt Gelände und Gebäude dieser High-School, eine Art emotionaler Landvermessung wie in den elegischen Fahrten von Alain Resnais in "Letztes Jahr in Marienbad" - beim siebten Mal gibt es kein Zurück mehr. Da folgt sie den beiden, bis an die Zähne bewaffneten Mördern durchs Blutbad, das sie unter ihren Mitschülern anrichten.

Gedicht

Dies ist ein Film über ein High-School-Massaker, über die Schockwelle, die nach Columbine alle erfaßte, aber es ist vor allem eine Ode an die Jugend, ihre Unschuld, ihre Verheißungen, ihre Schönheit, ihre Träume. Aber auch ihre Ängste, ihre Irrungen, ihre Qualen, ihre Abgründe, ihre Albträume. "Elephant" ist wie ein Gedicht, düster und bewegend, und Gus Van Sant wurde dafür vergangenes Jahr in Cannes völlig zu Recht für die beste Regie und den besten Film ausgezeichnet.

Die Entscheidung war nicht unumstritten; es gab Kritiker, die zürnten, der Regisseur mache es sich zu einfach, er handle geradezu unverantwortlich. Streitpunkt war jene Szene, in der man die beiden Killer vor der Tat zu Hause sieht: Der eine spielt am Klavier Beethoven, liest später ein Buch. Der andere setzt sich aufs Bett und schießt in einem Computerspiel auf Menschen.

Milchtrinkende Beethoven-Fans

Dann läuft im Fernsehen eine Dokumentation über die Nazis, auf welche die beiden mit Unkenntnis und eher teilnahmslosem Interesse reagieren. Anderntags sitzen sie beim Frühstück, trinken Milch, warten, bis die Eltern aus dem Haus sind, nehmen die Waffen vom Postboten in Empfang, probieren sie in der Garage an einem Holzstapel aus. Danach steigt der eine unter die Dusche, kurz danach folgt der andere, fragt den Freund, ob er schon mal geküßt hat. Dann küssen sie sich. Als sie in Kampfmontur im Auto zur Schule fahren, sagt einer: "Have fun!" Danach beginnt der Albtraum.

Gus Van Sant wurde vorgeworfen, er insinuiere, die Killer seien schwule Neonazis gewesen. Was natürlich barer Unsinn ist. Genauso könnte man behaupten, er denunziere milchtrinkende Beethoven-Fans. Und der Satz "Have fun!", dessen horrende Beiläufigkeit ebenfalls kritisiert wurde, findet sich wörtlich auf der Liste von Eric Harris und Dylan Klebold, die sie für ihr Massaker an der Columbine High aufgestellt haben: "Erstens: Joshua Jackson erledigen. Zweitens: Die Bücherei stürmen. Drittens: Spaß haben." Dabei ist das Bestechende an dem Film, daß er keine einfachen Erklärungsmuster anbietet, daß er die Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie mit ihrer ganzen Erklärungsnot abbildet: als schwarzes Loch, das all unsere Mutmaßungen verschlingt.

Buddhistische Geschichte

Mit dem Titel wollte Gus Van Sant den ganzen Mißverständnissen eigentlich einen Spiegel vorhalten. Er hat ihn einem BBC-Film von Alan Clarke über Gewalt in Nordirland entlehnt und gedacht, er bezöge sich auf die buddhistische Geschichte von den Blinden, die einen Elefanten betasten und hinterher überzeugt sind, das wahre Wesen des Tiers begriffen zu haben - dabei zieht jeder nur Schlüsse aus dem Teil, den er zu fassen gekriegt hat. Der Blinde, der das Bein berührt hat, sagt, ein Elefant sei wie ein Baum; der den Rüssel berührt hat, hält ihn für eine Schlange; der den Stoßzahn berührt hat für einen Speer.

Doch Van Sant hatte sich getäuscht: Clarke bezog seinen Titel auf den bissigen Spruch, daß sich manche Probleme so leicht übersehen ließen wie ein Elefant in einem Wohnzimmer. So oder so kann jeder in dem Film sehen, was er sehen möchte, und wenn man die eigenen Reaktionen überprüft, wird man feststellen, wie fieberhaft man die Bilder nach Anhaltspunkten abtastet, wie zwanghaft man Schlüsse zu ziehen versucht. Was bei manchen Kritikern dann auch reflexartig dazu geführt hat, von der Nazi-Dokumentation auf die Killer zu schließen, obwohl die Szene keinen Zweifel daran läßt, daß die Jungs zum ersten Mal mit diesen Aufnahmen konfrontiert sind, als ihr mörderischer Plan längst gefaßt ist. So phantasiert sich eben jeder seinen eigenen Elefanten zusammen.

Schreckliche Banalität

Gus Van Sants "Elephant" ist also eine Art "Bowling for Columbine" ohne Besserwisserei, eine der eindringlichsten Darstellungen von schulischer Gewalt seit Jahren und gleichzeitig von einer beiläufigen Poesie wie die Fotografien von William Egglestone. Die in letzter Zeit etwas strapazierte Erzählmethode der aus den Fugen geratenen Chronologie gewinnt in "Elephant" eine neue Kraft, indem sie das Bild der sich kreuzenden Schicksale in jene schreckliche Banalität überführt, die im Katastrophenfall so eine fatale Schwerkraft erlangt. Und weil man ahnt, was passieren, aber nicht weiß, wen es treffen wird, scheint alles in einem verzweifelten letzten Glanz zu erstrahlen, im goldenen Licht der Jugend.

Dreitausend Teenager hatten sich in Portland zum Casting gemeldet, aus denen Van Sant dann seine Darsteller aussuchte. Er fragte sie aus über ihr Leben an der Schule, über ihre Ängste und Hoffnungen und ließ sie an der Gestaltung ihrer Rollen mitarbeiten. So folgt er ihnen nun durch ihren Schulalltag, blickt voller Zärtlichkeit auf ihre Jugend, beschwört wie in einem Song diesen Zustand, in dem alles ein Versprechen ist, das keiner wirklich einhalten muß. Minutenlang beobachtet er den Jungen, der im Fotolabor seine Bilder von den Mitschülern entwickelt, folgt den Handgriffen, sieht dem Leben bei der Arbeit zu - um dann sein unfaßliches Ende zu schildern. Und das geht dann wirklich durch Mark und Bein.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.04.2004, Nr. 14 / Seite 21

 
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