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Filmkritik

Freibeuter im Vergnügungspark

Von Peter Glaser

Filmkritik: Johnny Depp in "Fluch der Karibik 2"

27. Juli 2006 Captain Jack Sparrow ist wieder da, der fesche Will Turner, die schöne Elizabeth - Keira Knightley so schön, daß für sie, auch wenn sie nicht blond ist, gelten darf, was Raymond Chandler einst schrieb: „Sie sah aus als würde ein Bischof ihretwegen ein Loch in ein Kirchenfenster treten.“ Eine schwimmende Kathedrale gäbe es für den Versuch.

In seiner domhohen Kajüte im Bauch des „Fliegenden Holländers“ sitzt Kapitän Davy Jones, in der maritimen Verdammnis zur nudelköpfigen Molluske mutiert, und spielt auf seiner Orgel tiefseedunkle Melodien. Knuffige Dreimaster sind wieder da, mondfahl monströse Matrosen, samtblaue, fackeldurchglühte Nebelnächte, alles zusammengehalten von einer abenteuerflatternden, vergnügt-verwickelten Takelage: „Fluch der Karibik 2“ segelt über die Leinwand.

Angesichts der Leinwandpiraten auf Piratenjagd

Wer meint, daß ein Piratenfilm nur ein romantisches Märchen sei, dem wird bei einer Pressevorführung schnell deutlich, daß Piraterie in frischer, moderner Gefährlichkeit glänzt. Wie am Flughafen, wo Terrorismus verhindert werden muß, wird vor Betreten des Kinosaals aufgefordert, das Handgepäck abzugeben; nachdrücklich die Frage, ob das Handy auch mit drin sei; moderne Mobiltelefone haben Kamerafunktionen. Es geht noch durch eine Metalldetektorschleuse.

Während der Vorstellung sieht man dann gelegentlich, wie jemand sich durch das Kinosaaldunkel bewegt, den nicht interessiert, was auf der Leinwand passiert. Er beobachtet die Leute, die sich den Film ansehen. Ein Content-Pirat könnte ihn heimlich abfilmen und ins Internet stellen. (In den Vereinigten Staaten werden Filmvorführungen inzwischen mit Nachtsichtgeräten beobachtet, mit deren Hilfe sich heimlich Filmende enttarnen lassen.) Der unübersehbar inszenierte Verdacht, urheberrechtsfreibeuterischem Gelicht zuzugehören, verbindet die Schar der Zuschauer. Ein erstaunliches Gefühl der Übereinstimmung stellt sich ein zwischen der Außenwelt des Kinosaals und der Innenwelt des Piratenfilms auf der Leinwand. Man freut sich sogar über den kleinen, zusätzlichen Kitzel. Denn der Film kann Zusatzreize vertragen.

Untote aus getrocknetem Truthahnfleisch

Die Stars tun ihr Bestes. Will (Orlando Bloom), erst noch prinzipientreuherzig, reift rasant wie eine Rakete zum Manne. Jack (Johnny Depp) macht ihm klar, daß Erwachsensein auch bedeutet, Pirat zu sein. „Für mich“, sagt Regisseur Gore Verbinski, „geht es in dem Film um das Brechen von Regeln. Darum, wann es richtig ist, eine Regel zu brechen, um zu kriegen, was man will. Alle Figuren versuchen letzten Endes, ihre Wünsche durch Piraterie zu verwirklichen - im Guten wie im Schlechten.“

In „Fluch der Karibik“, dem Sommerhit 2003, war die Neuerfindung des Hollywood-Piratentums gelungen, und zwar ohne die klassischen Erwartungen im Stich zu lassen. Keine Augenklappen, keine Hakenarmprothesen, keine Totenkopfflaggen, und trotzdem klasse Seeräubergefühl, hochprozentig wie Rum. „Die Schiffe waren leck, es gab keine medizinische Versorgung und kaum Hygiene“, faßt Regisseur Verbinski die Recherchen über die Ära der Piraten zusammen. „Es war ziemlich ekelhaft. Aber auch wenn es sich vielleicht seltsam anhört: Es hat ziemlich Spaß gemacht, die ekelerregenden Qualitäten herauszuarbeiten.“ Auf der Suche nach der passenden Oberflächenstruktur für einigermaßen verweste untote Seeleute scannte einer der Animatoren den Inhalt seines Pausenbrots ein - getrocknetes Truthahnfleisch. Es war genau das, was sie gesucht hatten.

Wie eine Badewanne voll vergammelter Ravioli

Die Kindersehnsucht nach einer Welt ohne Seife und Zahnbürste offenbart sich im zweiten Teil ungleich massiver als gruselwonniges Schreckensbild. Mangelnde Mundhygiene führt zu ewiger Verdammnis, und wer sich nicht die Hände wäscht, sieht nach einer Zeit aus wie eine Badewanne voll vergammelter Ravioli. Die Lust an der computergraphischen Nachschöpfung schröcklicher Sudelgestalten hat Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer aber unvorsichtig werden lassen. Wie auch bei unverdorbenen Nudeln ist alles eine Frage des richtigen Timings. „Fluch der Karibik 2“ ist in vielem al dente, an einigen Stellen aber verkocht. Es zieht sich.

Fortsetzungen erfolgreicher Filme haben oft Schwierigkeiten, das Potential des ersten Teils zu entfalten. Manchmal, wie etwa in der legendären Einstiegsszene des zweiten Teils der Indiana-Jones-Trilogie, sieht man sich in knapp zwei Minuten aus einem Club in Schanghai mit dem Schlauchboot aus einem abstürzenden Flugzeug springend in einen ruhigen Fluß in Indien expediert - auf herrliche Geschwindigkeit beschleunigt und atemlos vergnügt. Manchmal, auch wenn eine majestätische Karavelle voller Nudelmatrosen mit schlechten Zähnen unter Wasser fährt wie ein Atom-U-Boot und eine Krake mit Saugnäpfen groß wie Autoreifen nach einem wortbrüchigen Jack Sparrow langt, funzt es nicht richtig.

Actionszenen, TÜV-geprüft

Tatsächlich schaffte es Johnny Depp im ersten Teil, mit einer traumtänzerischen Leichtigkeit über die Klischees des Genres hinwegzuschreiten. Allein die Art, wie Jack Sparrow sich bewegt, ist unnachahmlich - ein bißchen wie eine Fee, die über Blüten hinwegschwebt, ein bißchen wie ein hübsches, leicht beschickertes Biest. Im zweiten Teil gibt es Abzug in der Haltungsnote, Johnny Depp agiert etwas zu lässig, und Sparrow verliert dadurch an Format. Auch wenn es im zweiten Teil nicht mehr, wie es sich eigentlich für einen ordentlichen Piratenfilm gehört, um einen Schatz geht, sieht man doch Juwelen funkeln. Es gibt wunderbare Nebenfiguren wie den intellektuellen Piraten mit den besonders schlechten Zähnen, der eine Bemerkung über Beziehungsambivalenz macht und dann loyal in die Handlungseimerkette zurückkehrt.

Viele der Actionszenen wirken wie TÜV-geprüft - perfekt im Ablauf, aber die Flamme, in der das Gefühl des Überraschenden flackert, ist verloschen. Man fühlt sich an Entwicklungen in der Rockmusik der siebziger Jahre erinnert, als es nicht mehr um qualitative Fortschritte in der Musik ging, sondern um Tonnage. Je mehr Tieflader mit Equipment eine Band auffahren konnte, desto besser. Für Johnny Depp sind Piraten die Rockstars des 18. Jahrhunderts. Besonders inspiriert zu der Einsicht hat ihn sein Freund Keith Richards (der, by the way, gern Piratentücher trägt). Schon jetzt ist zu erfahren, daß der Gitarrist der Rolling Stones im dritten Teil in einer kurzen Cameo-Szene den Vater von Captain Sparrow spielen soll. Richards hat quasi-karibische Südseekompetenz: Im April fiel er während eines Urlaubs auf den Fidschiinseln von einer Palme.

Dreistigkeit oder Zeichen von Modernität?

Nach zwei wenig erfolgreichen Versuchen, Fahrgeschäfte aus Disney-Themenparks filmisch umzusetzen (“Tower of Terror“ und „Mission to Mars“), war „Fluch der Karibik“ endlich ein Volltreffer. Unter den sogenannten „Rides“ in den firmeneigenen Vergnügungsparks gehört „Pirates of the Caribbean“ zu den klassischen erzählenden Fahrten. Es ist keine Achterbahnfahrt, keine Abfahrt. Man schippert durch die weite, wilde, wäßrige Welt der Piraten. Rides sind in Spritzbeton gegossene Träume. Mit der Verfilmung verwandeln sich die Hardware-Fahrten mit ihrem Höchstmaß an Ablaufdisziplin und Vergnügungsgehorsam in Software - der Traum erhält eine neue Chance, in seine ursprüngliche Substanz zurückzukehren, in Leichtigkeit und Licht.

Das Prinzip des Rides, in jeder Hinsicht mitgenommen zu werden, hat der erste Teil perfekt eingelöst. In „Fluch der Karibik 2“ fühlt es sich an, als müßte man auf einer Fahrt im Vergnügungspark gelegentlich auf Schienenersatzverkehr umsteigen. Der Film ist keine erzählte Geschichte, vielmehr eine Nummernrevue aus Captain-Sparrow-Gags und digitalen Wow-Effekten, weshalb die eigentliche Unverschämtheit des Films nicht ganz so schwer wiegt: Keiner der wesentlichen Handlungsstränge des Films ist am Ende abgeschlossen. Alles weist, wie soll man sagen: auf den zweiten Teil der Fortsetzung, der nächstes Jahr in die Kinos kommen soll. Vielleicht ist es Dreistigkeit. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen absoluter Modernität und bedeutet, daß die zunehmende Endlosigkeit, die sich in den Verzweigungen des Internets abbildet, nun auch Einzug ins Kino hält. Wenn das Kino nicht ins Internet soll, sieht man eben zu, ob es vielleicht dem Kino ins Netz geht.

Der Schriftsteller Peter Glaser hat 2002 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Zuletzt erschien sein Erzählungsband „Geschichte von Nichts“ (KiWi).



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.2006, Nr. 29 / Seite 26
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Buena Vista International

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