Von Michael Althen
19. Mai 2004 Wenn die Erinnerung nicht täuscht, dann steht das Vergessen gerade hoch im Kurs in Hollywood. Nicht daß es ein völlig neues Phänomen wäre, denn schließlich hat schon Gregory Peck in Hitchcocks "Ich kämpfe um dich" und in Litvaks "Der 25. Stock" Probleme mit der Erinnerung gehabt und ist bei den Versuchen, sich zu entsinnen, schnell an die Grenzen seiner mimischen Ausdruckskraft gestoßen - aber noch selten waren die Helden so kopflos wie zuletzt.
In "Memento" mußte sich Guy Pearce alle wichtigen Informationen auf den Körper tätowieren, damit er nicht vom einen auf den anderen Tag vergißt, wonach er eigentlich sucht. In "Die Bourne Identität" wird Matt Damon mit Schußwunden, aber ohne Erinnerung aus dem Mittelmeer gefischt und findet erst mit Franka Potentes Hilfe heraus, daß er als Killer für den CIA arbeitet. In "Findet Nemo" wird die Suche dadurch erschwert, daß das reizende Fischweibchen Dory dauernd vergißt, wen sie eigentlich suchen. Und in "50 erste Dates" muß Adam Sandler jeden Tag aufs neue Drew Barrymore erobern, weil sie über Nacht vergißt, daß sie ihn kennen- und lieben gelernt hat. Womöglich liegt das Thema in Hollywood geradezu auf der Straße, weil nirgends so schnell vergessen wird wie dort.
Verzwickter Dreh des Drehbuchs
Nun fleht das Kino also neuerlich "Vergiß mein nicht!", was zwar nur der deutsche Verleihtitel für "Eternal Sunshine of the Spotless Mind", aber deswegen nicht weniger treffend ist. Es geht darin um enttäuschte Liebende in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der es möglich ist, unliebsame Erinnerungen operativ ausradieren zu lassen. Was läge also näher, als eine schmerzhafte Trennung auf diese Weise zu überwinden. So haben es Joel (Jim Carrey) und Clem (Kate Winslet) gemacht, aber wissen natürlich nichts mehr davon.
Das ist der wie üblich verzwickte Dreh des neuesten Drehbuchs von Charlie Kaufman, dem neben Tarantino bekanntesten Vertreter seiner Zunft, der schon mit "Being John Malkovich", "Adaptation" und "Confessions of a Dangerous Mind" mehrere jener Storylines geschrieben hat, die sich mit Vorliebe selbst in den Schwanz beißen. Wer sich durchzufinden sucht, kommt sich vor wie in einem der Vexierbilder des holländischen Graphikers M. C. Escher, denn seine Geschichten sind Spiegelkabinette, deren endlose Kette von in den Raum gestaffelten Reflektionen in Hollywood gerne mit gedanklicher Tiefe verwechselt wird. Dabei treibt Kaufman einfach nur ein sehr smartes Spiel mit den Bedingungen seines Schreibens in Hollywood.
Wie ein Déjà-Vu
Anfangs steht Joel am Bahnsteig, um wie jeden Morgen zur Arbeit zu fahren, doch plötzlich überlegt er es sich anders und steigt in einen Zug in Gegenrichtung, der ihn hinausbringt an den Strand von Montauk. Dort begegnet er Clem, einer ähnlich Verlorenen, die ihre Haare gefärbt hat und auch sonst zu Auffälligkeiten neigt. Ihrer Art, auf ihn zuzugehen, begegnet er, indem er sich in sein Schneckenhaus zurückzieht, aber irgend etwas an der Frau zieht ihn an. Oder kommt ihm bekannt vor. Oder wirkt wie ein Déjà-vu. Er weiß es nicht - und der Zuschauer auch nicht, weil man erst später begreift, daß die Szenen in Montauk womöglich nur die Wiederholung von Szenen sind, welche die beiden aus ihrem Gedächtnis haben verbannen lassen.
Man verrät nicht zuviel, wenn man sagt, daß Joel irgendwann dahinterkommt, daß Clem ihn hat aus ihrer Erinnerung streichen lassen, und er daraufhin dasselbe tun läßt, sich aber sein Gedächtnis als widerstandsfähiger erweist - oder vielleicht ist es auch nur sein Herz, das mehr weiß, als seine Hirnwindungen fassen können. Die Spezialisten fürs gezielte Vergessen firmieren unter dem Namen Lacuna Inc., was auf englisch Lücke bedeutet, und daß der Arzt (Tom Wilkinson) und sein Team (Mark Ruffalo und Elijah Wood) schlampiger arbeiten, als es so einer High-Tech-Erfindung guttut, gehört zu den charmanteren Ideen des Films.
Manchmal leidet die Klarheit
Inszeniert hat ihn der Franzose Michael Gondry, eines der wenigen Genies aus der Videoclipbranche, der zuvor auch schon Kaufmans Script "Human Nature" adaptiert hatte, was bei uns erst nächsten Monat im Kielwasser von "Vergiß mein nicht!" ins Kino gebracht wird. In ihrem neuen Film schaffen es die beiden, ihre sprühende Erfindungsgabe zugunsten der Geschichte im Zaum zu halten, auch wenn darunter manchmal die Klarheit leidet. Wie bei Kaufman üblich, weiß man nie so recht, auf welcher Realitätsebene man sich gerade befindet, andererseits ist das ja womöglich auch eine ganz passende Umsetzung jenes Gefühls namens Liebe, das die beiden immer wieder magnetisch anzuziehen scheint.
Jim Carrey hält sich zurück, ohne daß man wie bei "Truman Show" oder "The Majestic" den Eindruck hätte, er spiele mit angezogener Handbremse, und Kate Winslet ist ohnehin eine immer wieder erstaunliche Erscheinung, die auch in weniger attraktiv angelegten Rollen eine beträchtliche Anziehungskraft entwickelt. Gemeinsam sind die beiden nicht gerade ein Traumpaar, aber sie halten zusammen, was stets auseinanderdriftet. Insgesamt ist die Geschichte wieder mal ein bißchen zu clever, um richtig romantisch zu sein, aber andererseits ist sie auch romantisch genug, um sich nicht in Cleverness allein zu erschöpfen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2004, Nr. 116 / Seite 38
